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Was wurde aus: Trittin und das Dosenpfand

Foto: Justin Sullivan/ Getty Images

Umweltschutz Was wurde eigentlich aus dem Dosenpfand?

Mit dem Dosenpfand wollte Jürgen Trittin als Umweltminister die Einwegflasche aus dem Handel drängen. Zwölf Jahre später fällt die Bilanz durchwachsen aus.
Von Victor Gojdka

Anfang des Jahrtausends gab Jürgen Trittin alles, dem coolsten Sound der Wegwerfgesellschaft den Garaus zu machen - "Tschock" und "Pfff". Die Älteren erinnern sich noch: Wenn man den Haken einer Getränkedose in das biegsame Aluminium trieb, dann knackte es zunächst. Wenn dann die Kohlensäure aufstieg, prickelten hörbar Kohlensäurebläschen.

Der Sound der Getränkedose stand aber auch für Ex-und-hopp, für die Konsumgesellschaft, für vermüllte Wälder - und damit wollte der damalige Umweltminister Jürgen Trittin Schluss machen. Das Einwegpfand sollte das erzwingen: Es machte die Dose vom unkomplizierten Mitbringsel, das sich gedankenlos entsorgen ließ, zur Investition, bei der die Verpackung fast teurer war als der Inhalt. Die unsachgemäße Entsorgung wurde so zum Kostenfaktor für den Konsumenten.

Das Thema erregte die Gemüter ganz erheblich. "Der Schwachsinn kennt an dieser Stelle keine Grenzen", sagte die damalige CDU-Vorsitzende Angela Merkel 2003. Der CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber polterte: "Diesen Chaos-Minister Trittin hat Deutschland nicht verdient. Wann 'tritt ihn' endlich jemand zurück?"

Und ein Sprecher des Umweltministeriums wetterte angesichts Dutzender Klagen gegen das Einwegpfand: "Zwei Rechtswege stehen noch offen: der Europäische Menschenrechtsgerichtshof und das Haager Kriegsverbrechertribunal."

Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) hatte das Einwegpfand Anfang der Neunziger gesetzlich verankert. Doch erst sein Nachfolger Trittin setzte es um: Gegen den Handel, gegen die Opposition, gegen die Bedenken von Experten.

Die Idee klang ja gut: Das Pfand auf Einwegverpackungen sollte umweltschädliche Dosen und Plastikflaschen aus dem Handel verdrängen, die Mehrwegquote erhöhen und die Vermüllung der Natur verringern. Zwölf Jahre später zeigt sich: Diese Hoffnungen waren überzogen, die Bilanz des Einwegpfands ist allenfalls durchwachsen.

Das Schicksal der Dosen

Sicher, die Zahl der verkauften Dosen ist in Deutschland massiv gesunken. Wurden vor der Einführung des Einwegpfandes noch mehr als sieben Milliarden Dosen verkauft, waren es am Tiefpunkt 2005 gerade noch hundert Millionen.

Ein klarer Erfolg? Kein Dauerhafter, denn der Trend dreht: Seit 2006 steigt der Dosenabsatz kontinuierlich. Erst kürzlich meldete der Verband der Dosenhersteller BCME , 2014 habe man in Deutschland 1,86 Milliarden Dosen verkauft.

Verglichen mit dem Beginn des Jahrtausends ist das immer noch ein niedriges Niveau, verglichen mit dem Tiefststand 2005 ist es aber fast das Zwanzigfache. "Mittelfristig streben wir unseren alten Marktanteil an", sagt Welf Jung, Sprecher des Branchenverbandes der Dosenhersteller, "und das halten wir für realistisch."

Das Schicksal der Dose liegt vor allem in den Händen der großen Handelsketten: Nach 2003 hatten sie die Dose aus den Regalen geworfen. Neben Rücknahmeautomaten für PET-Flaschen ein weiteres System für Dosen zu entwickeln, war den meisten Handelsketten zu teuer.

Doch inzwischen können Pfandautomaten der Supermärkte neben Glas- und PET-Flaschen meist auch Dosen zurücknehmen. Damit steht der Rückkehr der Dose ins Regal nichts mehr entgegen. Auch wenn Trittins Verordnung die Dose gebrandmarkt hat, ihre Rückkehr kann sie nicht aufhalten.

Projekt verpufft: Mehrwegquote im Sinkflug

Und sieht man über den Dosenrand, fällt die Bilanz sogar noch negativer aus. Trittin wollte mit seinem Pfand alle Getränke-Einwegverpackungen zurückdrängen, die Mehrwegquote sollte so 80 Prozent erreichen, so der Plan. "Das Pfand dämmt die Einwegflut ein, die mit zunehmender Wucht Mehrwegsysteme vom Markt drängt", sagte Jürgen Trittin bei der Einführung des Pfands 2003 zuversichtlich.

Das blieb ein frommer Wunsch. Wurden vor der Einführung des Pfands immerhin noch 64 Prozent aller verkauften Getränke in Mehrwegflaschen abgefüllt, waren es 2012 nur noch 45,7 Prozent . Das heißt: Nicht einmal jede zweite verkaufte Flasche ist aktuell eine Mehrwegflasche, so hat es die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung ermittelt. Bei Mineralwässern ist dieser Trend noch dramatischer: Nur rund ein Drittel aller verkauften Flaschen sind hier noch Mehrweg.

Glas ist out: Immer mehr Menschen greifen bei Mineralwässern zu PET-Flaschen

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Foto: Felix Kästle/ picture alliance / dpa

Der Grund für diesen Sinkflug ist 12 bis 35 Gramm leicht, hat eine Wanddicke von weniger als einem Millimeter und ist unkaputtbar – die PET-Einwegflasche. Vor allem bei Wässern und Erfrischungsgetränken greifen Verbraucher immer häufiger zur Einweg-Plastikpulle.

Denn mit der Einführung des Pfands fluteten die Discounter den Markt mit Billigwässern in PET-Flaschen und drückten den Preis ins Bodenlose. "Das traf genau die 'Geiz ist geil'-Mentalität der Deutschen", sagt Marktexperte Jürgen Heinisch von der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung. Wasser in der Glasflasche jedenfalls war auf einen Schlag außer Mode gekommen. Einzig beim Bier hat die Glasflasche eine Quote von über 80 Prozent halten können – aus PET-Flaschen wollen die Deutschen ihr Bier schlicht nicht trinken.

Die Politik hätte diese Trends vorausahnen können, sagen Experten. "Vieles sprach dafür, dass das Pfand die Mehrwegquote zumindest bei alkoholfreien Getränken nicht dauerhaft erhöhen kann", sagt Marktexperte Heinisch. Die Rechnung des Experten ist einfach: Warum sollte der Kunde - wenn Einweg und Mehrweg bepfandet werden - ausgerechnet zu Mehrweg greifen?

Das 80-Prozent-Ziel für Mehrwegflaschen wäre Experten zufolge nur machbar mit finanziellen Anreizen für Mehrweg – oder einer Abgabe auf Einweg. Kürzlich wagte sich das Umweltbundesamt (UBA) nach vorn: "Eine Zusatzabgabe für Einweg zur Stützung des Mehrwegs schließen wir nicht aus", ließ UBA-Präsidentin Maria Krautzberger verlautbaren.

Recycling-Erfolge entkräften Umwelt-Argumente

Die Reise der PET-Flaschen: Nach der Rückgabe im Supermarkt landen sie in Leergut-Zählzentren wie hier in Mecklenburg-Vorpommern

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Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Klare Erfolge verzeichnete Trittins Prestigeprojekt einzig beim Recycling. 95 Prozent aller Dosen und Einwegflaschen landen Schätzungen zufolge inzwischen in den Rücknahmeautomaten der Supermärkte. Die vielzitierte "zertretene Dose im Wald" gehört also weitestgehend der Vergangenheit an. Wichtiger noch ist allerdings ein zweiter Effekt: Das Material kann besser recycelt werden.

Früher wanderten Einwegflaschen im günstigsten Fall zusammen mit anderem Müll in den Gelben Sack. "Aus diesen Resten konnten sie nur sehr schwer wieder eine Getränkeflasche machen", erklärt Benedikt Kauertz vom Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung. Heute fallen die Flaschen in den Pfandautomaten nur mit Ihresgleichen zusammen - und können daher leicht zu neuen Flaschen recycelt werden.

Für manche Experten ist ausgerechnet dieser Erfolg ein zweischneidiges Schwert: Die immer bessere Umweltbilanz der Einwegflaschen könnte die ökologische Begründung für das Einwegpfand mittelfristig erledigen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Ex-Umweltminister Jürgen Trittin habe das Dosenpfand eingeführt. Richtig ist, dass bereits Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) zu Beginn der neunziger Jahre das Dosenpfand gesetzlich verankerte. Es griff erst während der Amtszeit von Jürgen Trittin, er setzte es Anfang des Jahrtausends um. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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