Thomas Fricke

Dritte Coronawelle Öffnen gegen Volkes Willen

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Verfrühte Lockerungen drohen Deutschland in die nächste Coronawelle zu treiben. Das ist auch eine Folge tragisch-gelenkter Fehlwahrnehmungen von Wirtschaftslage und Bürgermeinung. Ein Demokratiedesaster.
Eine geschlossene Filiale eines Modegeschäfts

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Foto: Jens Kalaene / dpa-Zentralbild

Wenn jetzt kein Wunder mehr passiert, wird es wieder werden, wie es war – mit täglichen Meldungen über steigende Infektionen und Coronatote, nur diesmal viel stärker unter Jüngeren, dazu neue Shutdowns und Beschränkungen. So wie es Virologen und Epidemiologen seit Wochen erahnt haben.

Was für ein Drama. Und die Frage schwingt dröhnend mit: Warum, um alles in der Welt, haben Kanzlerin, Landeschefs und Landeschefinnen dann trotzdem beschlossen, den Shutdown gerade jetzt zu lockern? Weil sie mit Notbremsen vorgesorgt haben, dass es ohnehin nicht zu den Lockerungen kommt?  Mag sein. Nur, warum dann überhaupt?

Eine handelsübliche Antwort ist: Der Druck war einfach zu hoch, die Menschen waren einfach nicht mehr bereit mitzumachen – und die Wirtschaft steht schlicht vor dem Abgrund. So oder so ähnlich tönte es in der Tat ja seit Tagen und Wochen. Und wer will widersprechen, wenn Volk und Wirtschaft nun mal Lockerungen wollen – und nicht mehr können? Gut, dann lockern wir halt.

Das Tragische ist, dass beides gar nicht so sicher ist – weder dass die Mehrheit es nicht mehr aushält; noch dass die versammelte Wirtschaft am Abgrund steht. Gut möglich, dass der Beschluss zu öffnen sogar Folge einer medialen Fehlwahrnehmung war. Dann könnte die sehr grundsätzliche Frage bald sein, wie derlei Desaster in einer für sozialmediale Verirrungen derart anfälligen Zeit zu verhindern sind.

Was wir gerade erleben, ist das, was passiert, wenn Politiker beeindruckt davon sind, wie Lobbys dauerdröhnen, dass es für »den« Mittelstand schon »5 nach 12« sei, wie die Funktionäre der »Jungen Unternehmer« kürzlich in beeindruckender Intelligenz befanden; die Coronakrise »für die Wirtschaft verheerend« wirke (FDP-Chef Christian Lindner); und der Shutdown angeblich täglich eine Milliarde koste (TV-Schwieger-Chefvolkswirt Markus Lanz). Absurd. Natürlich spielen sich in Gastgewerbe, Einzelhandel und Kultur Dramen ab – und es wäre viel mehr Geld (und Kreativität) nötig, um die kritische Zeit dort zu überbrücken.

Allerdings machen diese Branchen für »die« Wirtschaft oder »den« Mittelstand in Deutschland lediglich einen kleinen Teil aus. Es ist ja gerade das Phänomen des zweiten Shutdowns, dass die Wirtschaft ansonsten weiterwächst, nicht schrumpft, die Industrie mehr Aufträge bekommt als vor der Pandemie und es im Februar alles in allem auch mehr Erwerbstätige in Deutschland gibt als vor Beginn des zweiten Shutdowns im November – das ist alles, aber weder 5 nach noch vor 12. Und alles andere als das Ende für »die« Wirtschaft. Da hat jemand entweder keine Ahnung – oder ungute Absichten.

Als noch fataler könnte sich der Fehlbefund erweisen, dass das Volk angeblich nicht mehr will – und auf Öffnungen drängt. Wie der Münchner Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann in einer bisher unveröffentlichten Studie  herausfand, scheinen kurz vor der Lockerungsentscheidung in Wirklichkeit nur rund 30 Prozent der Leute im Land der Meinung gewesen zu sein, die Beschränkungen seien zu stark – was sich in etwa mit dem deckt, was auch Umfrageinstitute wie Infratest ermittelten. Alle anderen Zahlen, die zeitweise kursierten, erweisen sich bei näherem Hinsehen eher als schräg interpretierte Daten.

Was Reinemann zudem herausfand, hat es in sich. Demnach klafft eine irre Lücke zwischen dem, was die Menschen einerseits als ihre eigene Meinung angaben – und sie andererseits denken, dass die Mehrheit im Land meint. Das mag bei denen auf den ersten Blick nicht verwundern, die unbedingt Lockerungen wollten – der Mensch tendiert ja gelegentlich dazu, sich selbst und sein Umfeld als Mehrheit zu sehen. Die meinten im Schnitt, dass im Land sicher 66 Prozent der Menschen ihrer Meinung seien. Krasse Überschätzung der eigenen Mehrheitsfähigkeit. Aber der Volksöffnungswille wurde selbst von denen stark überschätzt, die selbst gar keine Öffnungen wollten – sie schätzen, dass fast die Hälfte ihrer Mitmenschen dafür sind. Viel mehr als es mit 32 Prozent in Wirklichkeit waren. Nimmt man alle zusammen, liegt der gefühlte Volkswille bei knapp über der Hälfte pro Lockerungen. Auch falsch.

Anders gesagt: Gefühlt war eine Mehrheit im Land für die Lockerungen – ein Phantom. Tatsächlich war es kaum ein Drittel: Minderheit. Und das Drama ist, dass sich Kanzlerin wie Ministerpräsidenten ganz offenbar von diesem Phantom haben beeindrucken lassen. Phantom plus Lobbyverband plus Lanz und Lindner – schon kann Ungemach drohen.

Woran die verirrte Wahrnehmung liegen könnte, ist in Sachen Wirtschaft leicht ausgemacht. Da scheint finanzstarke Lobbyarbeit zu wirken – spätestens wenn sie von Leuten wie dem guten Markus Lanz nachgeplappert wird. Was die Meinungslage im Volk angeht, ist die Sache komplizierter. Auch hier könnten Reinemanns Untersuchungen helfen, Fehler einzugrenzen. Wie aus den Befragungen des Wissenschaftlers hervorgeht, war die Fehleinschätzung der Stimmungslage bei denen ungewöhnlich ausgeprägt, die zugleich über sich sagten, dass sie »sehr wenig Vertrauen« in klassische Medien und umso mehr in soziale Netzwerke und Messengerdienste haben.

Wer nach eigenem Bekunden stärker auf »klassische Medien« und »Wissenschaft« setzt, nach dessen Einschätzung lag die wahrgenommene Stimmungslage im Land zwar mit knapp 45 Prozent ebenfalls höher, als sie es wirklich war. Das kam der Wahrheit aber schon näher. Wer auf die – nach rechtem Jargon – »etablierten« Medien wenig zählt, gab sich im Schnitt dagegen überzeugt, im Land seien 65 Prozent für Lockerungen. Was für eine Fehleinschätzung – und womöglich Bestätigung dafür, zu welchem Unfug Blasenbildung in sozialen Medien führen kann.

Sollte die Wahrnehmung gesamtwirtschaftlicher Brisanz und Meinungslage auch nur ansatzweise dazu beigetragen haben, dass Kanzlerin und Landeschefs just bei anlaufender dritter Pandemiewelle für Öffnungen gestimmt haben, könnte sich das schon in den nächsten Tagen und Wochen als tragisch erweisen – spätestens dann, wenn es nicht schnell genug gelingt, wieder zu schließen und die Welle zu stoppen, wenn sie einmal an Fahrt gewonnen hat.

Das heißt nicht, dass Wissenschaft und klassische Medien zur Fehleinschätzung überhaupt nichts beigetragen haben. Natürlich gibt es auch hier Unsinn, wie den gelegentlichen Hang zu Herdentrieb statt Tiefenrecherche, zumal bei immer knapper werdenden Mitteln. Und auch das Zentralorgan für selbst deklarierte Volksmeinung, »Bild«, zählt ja offiziell zu den klassischen Medien.

Nur muss man es ja nicht noch schlimmer werden lassen. Vielleicht wäre es gut, schon ein bisschen weniger wichtig zu nehmen, was in Filterblasen und Minderheitenklubs so verbreitet wird – und »Politiker wie Journalisten daran zu erinnern, dass es in den sozialen Medien kein repräsentatives Abbild der Bevölkerungsmeinung gibt«, wie Reinemann sagt. Für den einen oder anderen würde vielleicht auch eine Beschränkung der täglichen Nutzungszeit von, sagen wir, Twitter helfen; und genauer hinzusehen, was repräsentativ ist. Und aufzuhören, über solche hippen Medien amtliche Politik zu verkünden. Wohin der Missbrauch von so etwas führt, hat Amerika zuletzt vier Jahre lang erlebt.

Wenn stimmt, was der Drosten in uns sagt, wäre es gut gewesen, noch zwei, drei Wochen zu warten, bis die Impfungen und Tests wirken und es warm wird. Das hätte weder die Wirtschaft abrupt in den Abgrund befördert, noch für mehrheitlich betriebene Volksaufstände gesorgt. Dann war es nicht gut, sich stattdessen von gefühlten Meinungslagen und Lobbygetöse beeindrucken zu lassen – und bald den nächsten Turn zu riskieren.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es unter Bezugnahme auf eine Umfrage, »wer auf die – nach rechtem Jargon – ›etablierten‹ Medien wenig zählt, gab sich im Schnitt dagegen überzeugt, im Land seien 65 Prozent gegen Lockerungen«. Tatsächlich muss es »für Lockerungen« heißen. Wir haben die Stelle korrigiert.