Krebsforscherin warnt "Es droht eine Epidemie wie bei Tabakzigaretten"

Die WHO verhandelt über Regeln für die E-Zigarette. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum erklärt, wie die Industrie die neuen Produkte in den Markt drückt - trotz vieler Gesundheitsrisiken.
Von Timo Stukenberg
E-Zigarette: Die WHO will sie regulieren wie Tabakprodukte

E-Zigarette: Die WHO will sie regulieren wie Tabakprodukte

Foto: Frank Leonhardt/ picture alliance / dpa

Ab heute verhandeln die WHO-Mitgliedstaaten über ihre Tabak-Konvention. Auf der Agenda steht auch die E-Zigarette. Martina Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) beobachtet die Verhandlungen schon seit 15 Jahren vor Ort. Sie ist beim DKFZ für den Bereich Regulierung verantwortlich. Im SPIEGEL ONLINE-Interview fordert sie, Verbraucher stärker vor der E-Zigarette zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Pötschke-Langer, es gibt noch keine Langzeitstudien zur E-Zigarette. Jetzt will die WHO die Rauch-Alternative weitgehend aus dem öffentlichen Leben verbannen. Ist das nicht ein bisschen voreilig?

Pötschke-Langer: Keineswegs. Im Moment ist die elektronische Zigarette überhaupt nicht reguliert. Die WHO schlägt hingegen eine Einschränkung vor und kein Verbot. Wie bei Tabakzigaretten droht erneut eine Epidemie - eine weltweite Sucht nach dem nikotinhaltigen Chemikaliengemisch in der E-Zigarette.

SPIEGEL ONLINE: Aber laut einigen Ihrer Forscherkollegen könnte die E-Zigarette auch ein hilfreiches Mittel zur Raucherentwöhnung sein.

Pötschke-Langer: Bislang ist das ein frommer Wunsch. Wir würden uns sehr freuen, wenn die Kollegen Daten vorlegen würden. Das haben sie aber bisher nicht getan. Es gibt dazu keine größeren, validen Studien.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt keine validen Langzeitstudien - und deshalb wird ein Produkt erstmal verboten. Können Sie verstehen, dass man der WHO Dirigismus vorwirft?

Zur Person
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Martina Pötschke-Langer leitet das WHO-Kollaborationszentrum für Tabakkontrolle. Sie berät die WHO-Mitgliedstaaten seit der ersten Anhörung zur Tabak-Konvention.

Pötschke-Langer: Hier geht es nicht um Dirigismus! Die WHO hat lediglich in einem Report den Stand des Wissens zur E-Zigarette zusammengefasst und Empfehlungen ausgesprochen - auf Wunsch der Mitgliedstaaten.

SPIEGEL ONLINE: Der Bericht ist dennoch heftig umstritten.

Pötschke-Langer: Dieser Streit wird sich bald legen, weil neue Studien zeigen, dass beispielsweise die Innenraumluft durch E-Zigarettendampf belastet wird. Zwar nicht so stark wie bei einer herkömmlichen Zigarette - aber dass der Raum überhaupt belastet wird, spricht gegen die Zulassung einer E-Zigarette in geschlossenen Räumen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Position nehmen die Tabakkonzerne ein?

Pötschke-Langer: Die Tabakindustrie versucht schon seit Jahrzehnten, die Public Health-Gemeinschaft zu spalten. Jetzt bedient sie sich der Argumente einiger Wissenschaftler und versucht einen Schulterschluss mit der Medizin, um der E-Zigarette zum Durchbruch zu verhelfen.

SPIEGEL ONLINE: Das kann man den Konzernen nur schwer verübeln.

Pötschke-Langer: Die Konzerne klatschen in die Hände. Sie profitieren von beiden Produkten, konventioneller und elektronischer Zigarette. Was Besseres kann der Branche nicht passieren.

Aufbau einer E-Zigarette: Schädlichkeit umstritten

Aufbau einer E-Zigarette: Schädlichkeit umstritten

Foto: DER SPIEGEL

SPIEGEL ONLINE: E-Zigaretten sind laut aktueller Studienlage weniger schädlich als Tabakzigaretten. Erkennen Sie darin nicht auch das Bemühen, ein weniger schädliches Produkt auf den Markt zu bringen?

Pötschke-Langer: Die Tabakindustrie hatte schon seit Jahrzehnten Patente auf weniger schädliche Produkte wie E-Zigaretten. Die hat sie allerdings nicht genutzt, weil sie ein glänzendes Geschäft mit den herkömmlichen Zigaretten machte. Das hat sich nun geändert, weil in den meisten Industrienationen das Rauchen drastisch zurückgeht. Auch dank der Konvention der WHO.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern haben die Tabakkonzerne Einfluss auf die Verhandlungen zur Tabak-Rahmenkonvention?

Pötschke-Langer: Es gibt einen breiten Konsens, dass man die Tabakindustrie bei dem Thema nicht mitreden lässt. Trotzdem gibt es immer wieder Delegierte, die von der Tabaklobby bezahlt werden. Das wird als großer Skandal angesehen - wenn es bekannt wird.

SPIEGEL ONLINE: Wird Deutschland vorangehen bei der Regulierung von E-Zigaretten?

Pötschke-Langer: Bei der Tabakregulierung war Deutschland häufig ein Bremser. Zum Beispiel in der Frage des Tabakwerbeverbots. Wir sind das einzige Land in der EU - mit Ausnahme von Bulgarien - das Außenwerbung für Tabakprodukte noch zulässt. Da hinken wir zehn Jahre hinterher. Mit Blick auf E-Zigaretten muss Deutschland erst mal die Tabakprodukte-Richtlinie der EU umsetzen, die auch E-Zigaretten mitreguliert.

SPIEGEL ONLINE: Schon 2015 will Philip Morris mit einem neuen Produkt auf den Markt kommen: Dem Heating-Stick, einem Zwischenprodukt zwischen herkömmlicher und elektronischer Zigarette. Voraussichtlich gibt es bis dahin EU-weit noch nicht einmal eine gesetzliche Regelung zur E-Zigarette. Kommen Sie mit der Regulierung nicht mehr hinterher?

Pötschke-Langer: Natürlich lässt sich auch das unter dem Stichwort Verbraucherschutz regulieren. In der EU-Tabakprodukte-Richtlinie sind solche Neuentwicklungen schon mitberücksichtigt.

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