So geht effektiver Altruismus Die Optimierung der guten Tat

Kurz vor Weihnachten fragen sich viele Menschen, wem sie Geld geben sollen. Effektive Altruisten gewichten gute Taten nach streng rationalen Kriterien. Der Ansatz ist so revolutionär wie beklemmend.
Bedürftiger in einer Einkaufsstraße

Bedürftiger in einer Einkaufsstraße

Foto: Andres Benedicto/ picture alliance / dpa

Im Dezember beginnt für viele die Zeit der Barmherzigkeit. Jene gedämpfte Vorweihnachtsphase, in der man Bettlern und Obdachlosen vielleicht etwas mehr Geld zusteckt als sonst. Nur Sebastian Schwiecker wird, wie auch sonst immer, gänzlich unmildtätig an ihnen vorbeigehen. Nicht aus Kaltherzigkeit – sondern weil er auf wirksamere Weise wohltätig sein will.

Almosen sind aus Sicht des 42-jährigen Volkswirts zwar eine tolle Sache. Aber wenn er die Chance hat, mit einer Spende in gleicher Höhe woanders deutlich mehr Menschen zu helfen, dann würde er das immer vorziehen. »Wie soll ich einer afrikanischen Mutter erklären, dass ich ihr Kind sterben lasse, um einen deutschen Obdachlosen für eine Weile von der Straße zu holen?«, fragt Schwiecker, der jedes Jahr zehn Prozent seines Gehalts für wohltätige Zwecke spendet.

Wirksamkeit ist das Wichtigste für den Mann mit der runden Hornbrille und dem gegelten Seitenscheitel. Er ist Geschäftsführer von effektiv-spenden.org , einer Plattform, die auf den Ideen des sogenannten Effektiven Altruismus basiert. Philosophen, Ökonomen und Mathematiker riefen die Bewegung Ende der Nullerjahre ins Leben, um das Thema Nächstenliebe radikal neu zu denken.

Effektive Altruisten spenden meist beträchtliche Teile ihres monatlichen Einkommens. Andere ordnen ihre Karriereplanung dem Ziel unter, möglichst viel Gutes zu tun . Wieder andere werden politisch aktiv. Allen aber ist eines gemein: Sie benehmen sich wie penible Wirtschaftsprüfer, wenn es darum geht, den Einfluss ihrer guten Taten zu messen. Es gibt Effektive Altruisten, die als Investmentbanker arbeiten, um mehr spenden zu können. Die möglichen gesellschaftlichen Schäden, die der Beruf verursacht, fließen in ihre moralische Kosten-Nutzen-Rechnung mit ein.

Die meisten Anhänger der Bewegung leben in den USA, Kanada, Australien, Großbritannien – und in Deutschland . Bewunderer halten das Konzept für revolutionär. Kritiker sagen, bei so viel Rationalismus würde es »selbst Mr Spock gruseln«.

Empathie für alle Lebewesen

Kern des Effektiven Altruismus ist ein geweiteter moralischer Horizont. Laut dem US-Psychologen Lawrence Kohlberg sieht jeder Mensch einen gewissen Kreis von Menschen als Teil seiner selbst an. Nur jene, mit denen er sich identifiziert, behandelt er moralisch – und damit so, wie er auch selbst behandelt werden will. Ein egozentrischer Mensch ist nur mit sich selbst identifiziert und zu allen rücksichtslos. Ein Mensch mit ethno- oder soziozentrischer Weltsicht engagiert sich für eine Gruppe, Ethnie oder Nation. Effektive Altruisten denken anthropozentrisch, identifizieren sich also mit der ganzen Menschheit.

»Es macht keinen Unterschied, ob die Person, der ich helfen kann, das Kind eines Nachbarn zehn Meter von mir entfernt ist oder ein Bengali, dessen Namen ich nie erfahren werde, der 10.000 Meilen entfernt wohnt«, schreibt der australische Philosoph Peter Singer, ein Vordenker der Bewegung.

Die meisten Effektiven Altruisten identifizieren sich zudem mit allen Tieren – haben also eine ökozentrische Weltsicht. Und einige wenige, die sogenannten Longtermisten , fühlen sich auch noch mit allen fühlenden Lebewesen verbunden, die künftig erst noch geboren werden. Es gelte, auch folgende Generationen vor Pandemien, Erderhitzung oder einer wild gewordenen Super-KI zu schützen, sagte Will MacAskill, einer der Gründungsväter des Effektiven Altruismus, in einem TED-Talk . Schon allein, weil die Menschheit ihr psychologisches, kulturelles und technologisches Potenzial noch längst nicht entfaltet habe.

Es sind hohe Maßstäbe, die Effektive Altruisten ansetzen. Und es gibt ein Problem: Alle Spenden und wohltätigen Arbeitsstunden der Welt reichen nicht im Ansatz, um so viel Gutes zu tun. Zwar geben die Regierungen, Organisationen und Privatpersonen dieses Planeten jedes Jahr Hunderte Milliarden Dollar für wohltätige Zwecke aus. Gleichzeitig leben knapp 700 Millionen Menschen in extremer Armut. Und rund 70 Milliarden Tiere jährlich darben unter oft qualvollen Bedingungen ihrer Schlachtung entgegen.

Gigantische Dimensionen des Leids

Wer aus der Adlerperspektive auf die Welt blickt, sieht gigantische Dimensionen des Leids. Die meisten Menschen blenden das lieber aus. Sie werden ab und zu im Fernsehen oder in ihrem Umfeld mit einem Fitzel globalen Grauens konfrontiert – und spüren dann den Impuls, Gutes zu tun.

Der eine schickt vielleicht der deutschen Krebshilfe einen Scheck, weil seine Tante gerade Krebs hat. Eine andere arbeitet vielleicht eine Weile ehrenamtlich im Tierheim. Und diesen Sommer, als die Bilder der Flutopfer im Ahrtal durch die Medien gingen, halfen viele hierzulande ihren bundesdeutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern.

Effektive Altruisten gehen anders an die Sache heran: Sie kartografieren das globale Grauen und sortieren es nach Dringlichkeit. Einige betreiben an der britischen Oxford-Universität das Global Priorities Institute , das per Datenanalyse globale Missstände zu priorisieren versucht. Drei Prinzipien stehen im Mittelpunkt:

  • Ein Problem sollte sehr viel Leid bei sehr vielen Lebewesen verursachen.

  • Es sollte sich mit überschaubaren Ressourcen deutlich verbessern oder lösen lassen.

  • Und es sollte in einen Bereich fallen, den Helfer bisher vernachlässigen.

Massentierhaltung ist nach dieser Definition ein solch prioritäres Problem. Es betrifft in einem einzigen Jahr rund achtmal mehr fühlende Lebewesen, als es Menschen auf diesem Planeten gibt. Das Leid ließe sich durch strengere Tierwohlgesetze und sinkenden Fleischkonsum stark reduzieren. Und nur ein Bruchteil der Spendengelder fließt an Schützer von landwirtschaftlichen Tieren oder in entsprechende Ernährungsprogramme. In den USA waren es 2019 gerade 0,01 Prozent.

Geniale Idee – oder »Wohlfahrtsimperialismus«?

Andere Effektive Altruisten versuchen, die wirksamsten Lösungen für die großen Probleme der Welt zu finden. Die Initiative GiveWell  etwa untersucht die Wirksamkeit verschiedener Wohltätigkeitsorganisationen. Sie empfiehlt oft präventive und niedrigschwellige Maßnahmen – etwa die Verbreitung von Moskitonetzen gegen Malaria oder die »Deworm The World«-Initiative  der Wirtschaftsnobelpreisträger Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer, durch die Kinder in Entwicklungsländern 50-mal mehr Zeit in der Schule verbringen als durch manch andere Hilfsmaßnahme.

Die Verbesserung der Gesundheit wende nicht nur direktes Leid durch Krankheiten ab, heißt es auf der Website des Effektiven Altruismus. Gesunde Menschen könnten auch öfter arbeiten und zur Schule gehen – und hätten dadurch oft ein höheres Einkommen und mehr Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten.

So ehrenwert all das wirken mag, es gibt auch Kritik am Effektiven Altruismus: In einem Artikel  der »Stanford Social Innovation Review« ist von einem »hyperrationalistischen Top-Down-Ansatz« die Rede, der jeden altruistischen Geist zu ersticken drohe. Ein Autor der »New York Times« moniert , dass manche gute Taten als Ressourcenverschwendung abgetan werden. Und Ulrike Kostka, die Caritas-Direktorin für das Erzbistum Berlin, warnt  vor »Leistungsdruck beim Helfen«.

Hinter solchen Anfeindungen dürfte oft wieder der eigene Bezugsrahmen stecken. Es betrachten eben längst nicht alle Menschen soziale Probleme durch eine globale Brille mit generationsübergreifendem Zeithorizont. Und wer sich eher für ein bestimmtes Thema, sein Umfeld oder seine Gemeinde engagiert, kann aus den Lehren des Effektiven Altruismus leicht den Vorwurf heraushören, seine Hilfe sei weniger wert.

Aber darum geht es vielen Vertretern der Bewegung gar nicht. »Es geht nicht darum, Leid aus Prinzip gegeneinander aufzurechnen«, sagt Schwiecker von effektiv-spenden.org. »Sondern darum, knappe Ressourcen wirksam zu nutzen.« Dabei müsse auch nicht jeder mitmachen. »Schon wenn ein paar Prozentpunkte der globalen Spendengelder nach den Prinzipien des Effektiven Altruismus verteilt würden, wäre der Effekt wahrscheinlich groß.«

Er selbst ist übrigens auch schon von der reinen Lehre abgewichen. Einmal saß Schwiecker mit seinem fünfjährigen Sohn in der U-Bahn, und ein Bettler stieg ein. Schwiecker gab dem Mann etwas Geld. Denn er wollte seinem Sohn etwas beibringen. Er wollte ihn spüren lassen, dass Nächstenliebe prinzipiell wichtig ist – selbst dann noch, wenn sie aus seiner Sicht ineffektiv ist.

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