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Finanzkrise: Island nach der Kaupthing-Pleite

Foto: A2800 epa Kaupthing/Ho/ dpa

Ein Jahr nach der Pleite Island genießt die Krise

Ein Land am Abgrund: Vor einem Jahr brachen auf Island erst die Banken und dann die Staatsfinanzen zusammen. Bis heute hat sich die Wirtschaft davon nicht erholt. Doch das Inselvölkchen arrangierte sich mit dem Crash. Es lebt wieder bescheidener - und ist überraschend zufrieden.

Stockholm - Der Preis kommt pünktlich zum Geburtstag - und die Begründung könnte treffender nicht sein: Die Manager der isländischen Banken Kaupthing, Glitnir und Landsbanki sowie die Zentralbank Sedlabanki hätten "demonstriert, wie eine klitzekleine Bank in Nullkommanix in eine Großbank verwandelt werden kann und umgekehrt. Außerdem hätten sie den Nachweis geführt, dass man "Gleiches auch mit der Volkswirtschaft eines ganzen Landes machen kann".

Es ist der satirische "Ig Nobelpreis" für Wirtschaft der amerikanischen Elite-Universität Harvard, den die isländischen Banken bekommen haben. Kreditinstitute, die vor einem Jahr noch kaum jemand kannte, bis sie innerhalb von wenigen Tagen zu trauriger Berühmtheit kamen.

Zur Erinnerung: Die isländischen Kleinbanken hatten seit Mitte des Jahrzehnts nach bester Wikinger-Manier kräftig expandiert. Über Online-Konten mit so phantasievollen Namen wie "Icesave" oder "Kaupthing Edge" legten Hunderttausende Sparer dort ihr Geld an. Die Milliarden kamen vor allem aus Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland. Gleichzeitig stiegen die Isländer groß ins internationale Spekulationsgeschäft ein - mit dramatischen Folgen: Als Mitte September 2008 die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach, überstiegen die Schulden von Kaupthing, Glitnir und Landsbanki das isländische Nationalprodukt um das Fünffache. Innerhalb weniger Tage verfiel die isländische Wirtschaft quasi in Schockstarre, die Banken wurden zahlungsunfähig und unter staatliche Aufsicht gestellt. Zuletzt die Kaupthing-Bank am 9. Oktober 2008.

Protest erst auf der Straße, dann bei YouTube

Was folgte, war das verzweifelte Aufbäumen eines kleinen Landes, das innerhalb von Tagen im Strudel der Welt-Finanzkrise unterzugehen drohte. Zwar stemmten sich die isländische Zentralbank und die Regierung noch dagegen, Verantwortung für die Banken zu übernehmen und mit der staatlichen Einlagensicherung auch ausländische Bankkunden zu schützen. Aber sie mussten dem Druck vor allem von Großbritanniens Regierung nachgeben. Denn die wandte erstmals seine Anti-Terror-Gesetze gegen ein - eigentlich befreundetes - Land an und fror in der sogenannten "Landsbannki Freezing Order 2008" sowohl staatliche als auch private Guthaben der Atlantikrepublik ein.

Zwar protestierten die Isländer heftig, als sie sich plötzlich auf gleicher Ebene mit Schurkenstaaten wie Libyen und Nordkorea fanden. Doch nachgeben musste das Land schließlich trotzdem. Es stimmte schließlich einem Plan zu, die Schulden der Banken zu begleichen und dafür Kredite von Internationalem Währungsfonds, der EU und nordischen Bruderländern aufzunehmen. Auch die wütenden Proteste auf den Straßen, die schließlich die Regierung aus dem Amt fegten, verliefen sich irgendwann. Ihrem Frust machten die Insländer nur noch mit charmanten Heimvideos aus ihren Wohnzimmern Luft, die auf YouTube rasende Verbreitung fanden.

Und doch: Ein Jahr nach dem Crash ist auf der Insel aus "Feuer und Eis" von den Folgen der Krise erstaunlich wenig zu spüren - gerade wenn man bedenkt, welche Horrorszenarien in den ersten Wochen nach der Kaupthing-Pleite gemalt wurden. Zwar gibt es jetzt auch Arbeitslose, was das Land bis vor einem Jahr noch nicht gekannt hat: Im zweiten Quartal 2009 stieg die Quote auf über neun Prozent - zuvor hatte sie bei rund drei Prozent gelegen. Auch wurde der Anstieg dadurch gebremst, dass man die weitgehend rechtlosen und schlecht bezahlten Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien und anderen Ländern umgehend nach Hause schickte. Doch im Vergleich zu anderen Ländern wie etwa Spanien ist die Quote immer noch überraschend gering.

Exporte sind teuer geworden

Zwar spüren die Isländer die Krise im Alltag: Importe aus Europa sind extrem teuer geworden - und damit auch die Waren in den Supermärkten. In den größeren Supermarktketten von Bónus und Hagkaup haben sich die Preise für viele etablierte Produkte quasi verdoppelt. Glücklicherweise gibt es auch andere Länder, deren Währung unter der Finanzkrise stark gelitten hat - weshalb man jetzt eben dort einkauft: Statt Schweizer Schokolade werden jetzt eben polnische Riegel konsumiert.

Auch auf Laugavégur, der Flanier- und Cruisingmeile der Hauptstadt Reykjavik, deren Asphalt durch ein kluges Heizungssystem das ganze Jahr hindurch warm gehalten wird, macht sich die Krise bemerkbar. Dort fahren in diesem Herbst weniger der auf Island so beliebten Geländewagen mit den grotesk großen Flugzeugreifen als noch vor einem Jahr. Was zum einen an den horrenden Kosten für Reifen und Benzin liegen kann - vielleicht aber am neuen Umweltbewusstsein, das bei den trendfühligen Isländern rasant um sich gegriffen hat. Auch in der Mode greift die Rückkehr zur Einfachheit um sich: In Zeitungsbeilagen kommen alte Wikingerrezepte für Haartönungen aus Wurzeln und Moosen zu neuen Ehren - damit spart man Geld, gleichzeitig ist es lustig und schick.

Anscheinend geht es also vielen Isländern besser, als es die Opfer der Wikingerbanken gerne hören. Als Anfang dieser Woche Norwegen von den Vereinten Nationen zum lebenswertesten Land der Welt gekürt wurde, kam Island auf einen bemerkenswerten dritten Platz - während das durch Kaupthing geschädigte Deutschland auf Platz 22 rangiert.

Allerdings basiert die Studie auf Zahlen aus dem Jahr 2007 - ob sie dieses Jahr zu ähnlichen Ergebnissen käme, ist fraglich. Zumal ein OECD-Rapport gerade erst festgestellt hat, dass die isländische Wirtschaft und das Finanzsystem nach wie vor in Trümmern liegen: Steuern müssten weiter erhöht und öffentliche Ausgaben radikal zusammengestrichen werden. Selbst das staatliche Konjunkturpaket, das die Wirtschaft in Gang bringen sollte, habe die Krise noch verschlimmert.

Doch das alles scheint die Isländer nicht zu stören, sie bleiben den Gegensätzen treu: In der aktuellen "World Database of Happiness" liegen die Wikinger auf Platz eins - noch vor den chronisch zufriedenen Dänen. Eric Weiner, Autor und Herausgeber, erklärt diesen Umstand so: "Isländer sind keine Perfektionisten." Außerdem würden sie gar nicht zuhören, wenn man ihnen klarmachen wollte, dass sie ungenügend seien. Daher machten sie einfach immer weiter - egal, was kommt.

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