Einstellungstest Beiersdorf und Merck lassen Bewerber bluten

Bei Bewerbung Bluttest - dieses Prinzip gilt nicht nur bei Daimler. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE lassen auch Firmen wie Beiersdorf seit Jahren Kandidaten zur Ader. Bei Merck, berichten Betroffene, seien es zwei Ampullen gewesen. Arbeitsrechtler und Gewerkschaftler kritisieren die Praxis.
Von Hannes Koch
Blutabnahme: "Standardprocedere" bei vielen Unternehmen

Blutabnahme: "Standardprocedere" bei vielen Unternehmen

Foto: A3602 Frank Rumpenhorst/ dpa

Berlin - Es sind Eignungstests der ganz besonderen Art, die derzeit für Aufregung sorgen: Wer sich beim Autobauer Daimler um eine Stelle bewirbt, muss schon während des Verfahrens Blutproben abgeben - das hatte der NDR am Mittwoch berichtet und damit eine heftige Diskussion über fragwürdige Auswahlprozesse losgetreten.

Doch so groß die Aufregung ist, so gängig scheint das Vorgehen zu sein: Offensichtlich werden in vielen deutschen Großkonzernen ähnliche Methoden angewandt, wie Recherchen von SPIEGEL ONLINE zeigen. So berichtet ein Stellenbewerber, dass er im Jahr 2005 bei dem Hamburger Kosmetikkonzern Beiersdorf im Rahmen des Bewerbungsverfahrens und einer umfangreichen betriebsärztlichen Untersuchung auch zu einem Bluttest gebeten wurde. Die Betriebsärztin von Beiersdorf habe dies auf Nachfrage als "Standardprocedere" bezeichnet, sagte der Bewerber, der anonym bleiben will, zu SPIEGEL ONLINE. Nach seinen Angaben fand der Test auch bei anderen Mitbewerbern statt.

Tatsächlich bestätigt Beiersdorf-Sprecherin Claudia Fasse, dass seit Jahren "jeder Bewerber", der gute Aussichten auf eine Stelle im Unternehmen habe, auch im Hinblick auf seine Blutwerte getestet werde. Dabei untersuche der betriebsärztliche Dienst nur die Werte, die auch bei einer normalem hausärztlichen Untersuchung getestet würden. Diagnosen "auf Schwangerschaft, Aids, Drogen, Gendefekte und Tumore" gehörten nicht dazu, so Fasse.

"Zwei Ampullen Blut"

Auch beim Darmstädter Pharma-Unternehmen Merck sind Bluttests Standard. Ein Bewerber für eine Verwaltungstätigkeit, der ebenfalls anonym bleiben will, musste sich im Bewerbungsverfahren im Juni 2009 einem solchen Test unterziehen. Man habe ihn gebeten, eine Einverständniserklärung zu unterschreiben, berichtet er SPIEGEL ONLINE. "Aus dem rechten Arm" seien ihm "zwei Ampullen Blut" abgezapft worden. Auf seine Frage, welche Relevanz seine Blutwerte für die sitzende Tätigkeit im Büro hätten, habe ihm der Betriebsarzt geantwortet, derartige Bluttests würden seit "sechs Jahren regelmäßig" durchgeführt. Merck-Sprecher Gangolf Schrimpf bestätigt: "Bei allen Bewerbern in der engeren Wahl führen wir Bluttests durch".

Was die Wenigsten wissen: Rechtlich betrachtet, nutzen die Unternehmen einen weiten Spielraum. Gerichtsurteile über die Rechtmäßigkeit von Bluttests bei Arbeitnehmern gibt es bislang kaum. In manchen Berufen, in denen Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit eine besondere Bedeutung haben, sind Gesundheitstests zwar vorgeschrieben, sagt Jon Heinrich, Fachanwalt für Arbeitsrecht in der Berliner Kanzlei Mayr. Dies gelte beispielsweise für Köche in Restaurants, Piloten und Ärzte.

In allen anderen Berufen dürften die Unternehmen aber nur die Untersuchungen vornehmen, "die unbedingt erforderlich sind", so Heinrich. "Die Bewerber und Arbeitnehmer müssen nur die nötigsten Informationen zu ihrer Gesundheit liefern", sagt auch Martina Perreng, Arbeitsrechtsexpertin beim Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Hier gelte der Datenschutz-Grundsatz, dass jeder Bürger das "Recht auf die Nichtoffenlegung seiner Daten" habe, so Perreng.

"Leistungsfähigkeit" der Beschäftigten sicherstellen

Die entscheidende Frage aber ist: Was ist wirklich "notwendig"? Gewerkschaftsfrau Perreng zieht den Kreis sehr eng: "Nur in wenigen Ausnahmefällen kann man sagen, dass gravierende Einschränkungen einen Arbeitnehmer daran hindern, seinen Beruf auszuüben. Nur solche Informationen darf das Unternehmen beanspruchen." Als Beispiel nennt sie den Fall eines Schlosserlehrlings, der epileptische Anfälle erlitt. Wegen der Gefahr im Umgang mit Maschinen konnte die Firma die Ausbildung beenden.

Es wundert allerdings nicht, dass die Firmen ihre Möglichkeiten wesentlich großzügiger auslegen: Beiersdorf wolle sicherstellen, dass die "Leistungsfähigkeit der Beschäftigten den Anforderungen ihrer Arbeit entspricht", erklärt Sprecherin Fasse. Die Mitarbeiter seien häufig auf Auslandsreisen und müssten sich deshalb oft impfen lassen. Die Überprüfung der Blutwerte zeige, ob die Beschäftigten die Impfungen vertrügen, so Fasse. Das Unternehmen legt Wert auf die Feststellung, dass die Daten nur dem Beschäftigten selbst und dem medizinischen Dienst bekannt seien. "Es ist kein Fall bekannt, dass ein Bewerber wegen seiner Blutwerte abgelehnt wurde", sagt die Beiersdorf-Sprecherin.

Auch das Pharma-Unternehmen Merck begründet die Notwendigkeit der Bluttests unter anderem mit Vorschriften der Berufsgenossenschaft. So müssen manche Arbeiter in der Medikamentenproduktion Atemschutzmasken tragen. Die Untersuchung soll Hinweise darauf liefern, ob der Beschäftigte diese Belastung verträgt, sein Herz gut funktioniert und sein Blutkreislauf genügend Sauerstoff transportiert.

Das aber helfe den Bewerbern nicht wirklich weiter, kritisieren Arbeitsrechtler - denn kaum einer traue sich, einen solchen Test abzulehnen. Die behauptete Freiwilligkeit der Tests sei im Machtgefälle der Bewerbungssituation zweifelhaft. Denn es ist klar: Wer auf der Suche nach einem Job ist, lässt so einiges über sich ergehen.