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19. Oktober 2014, 08:15 Uhr

Streit über Konjunktur

Investieren wir in Einwanderung!

Ein Debattenbeitrag

Die Bundesregierung sorgt sich wegen der schwachen Konjunktur und streitet über die richtigen Maßnahmen. Dabei liegt das beste Wachstumsprogramm so nah: Die aktuelle Einwanderungswelle bietet eine Jahrhundertchance.

Zunächst das Negative: Kaum ein Land auf der Welt altert so schnell wie die Bundesrepublik. In den 2020er-Jahren - also bereits im nächsten Jahrzehnt - wird sich die Alterszusammensetzung der Bevölkerung radikal verschieben. Die demografische Wende, die bislang schleichend und kaum spürbar abläuft, droht dann zur demografischen Krise zu werden.

Die Zahlen sind erschreckend: Heute müssen 100 Deutsche im arbeitsfähigen Alter 50 Alte und Kinder vorsorgen. Bis 2030 wird sich dieses Verhältnis auf 100 zu 70 verschlechtern, wie die Bevölkerungsvorhersage der Vereinten Nationen zeigt. Eine dramatische Veränderung binnen anderthalb Jahrzehnten. Nur Japans demografische Zukunft stellt sich noch düsterer dar.

Diese Prognosen sollten uns aufschrecken. Denn bereits heute schmälern sie unseren Wohlstand. Und sie sind eine der Ursachen der derzeit heraufziehenden Konjunkturkrise, die auch den EU-Gipfel ab Donnerstag dominieren wird.

Die Unternehmen investieren zu wenig in Deutschland, seit Jahren schon. Warum? Sicher, Energie ist absurd teuer. Die Eurokrise ersteht gerade wieder auf wie ein Zombie aus der feuchten Erde. Noch abschreckender aber sind die trüben demografischen Perspektiven. Anders lässt sich kaum erklären, warum hierzulande die Produktion nicht stärker ausgeweitet wird - obwohl die Bundesrepublik doch so gnadenlos wettbewerbsfähig ist, wie unsere hohen Exportüberschüsse und diversen Standortrankings belegen.

Demografie kontra Ökonomie: Wer unternehmerisch investiert, der tut das mit langem Zeithorizont - die Zukunftsaussichten für die nächsten Jahrzehnte sind wichtiger als die Gegenwart. Und eine alternde Gesellschaft ist nun mal kein attraktives Umfeld, weder als Absatzmarkt noch als Produktionsstandort. Unternehmer binden sich nur ungern an das Schicksal einer notorischen Schrumpfnation.

Daran werden all die Maßnahmen nichts ändern, die derzeit gegen den Konjunkturabschwung in der Diskussion sind: schuldenfinanzierte staatliche Ausgabenprogramme, schrankenloses Gelddrucken durch die EZB, Steuererleichterung. Das größte Investitionshindernis bleibt.

Die Deutschen erkennen ihre Chance nicht

Doch nun das Positive: Gerade jetzt hätte Deutschland die Chance, seine demografischen Aussichten entscheidend zu verbessern. Denn viele Menschen kommen nach Deutschland - 1,2 Millionen waren es im vorigen Jahr. Und noch mehr würden gern kommen, um hier zu leben und zu arbeiten, Familien zu gründen, Kinder großzuziehen.

Wir dürfen uns nichts vormachen: Es ist nicht so, dass Deutschland so viele Immigranten anzieht, weil sie hier so großartige Entfaltungsmöglichkeiten vorfinden. Sie kommen, weil die Lebensbedingungen in ihren Heimatländern so miserabel sind. Es ist die Not, die sie treibt - nicht unsere Attraktivität.

Viele von ihnen werden nur auf Dauer bleiben, wenn wir sie dazu einladen. Sie werden sich nur integrieren in Gesellschaft und Arbeitsmarkt, wenn wir ihnen rasch eine Perspektive eröffnen. Wenn sie von Anfang an die Sprache lernen und unsere Sitten und Kultur kennenlernen. Wir müssen direkt und aktiv auf sie zugehen.

Ein groß angelegtes Integrationsprogramm wäre in unserem eigenen Interesse. Dafür lohnt es sich tatsächlich, viel Geld auszugeben. Es wäre das beste Konjunkturprogramm, weil die Bundesrepublik dadurch langfristig ihre ökonomischen Aussichten verbessern könnte. Dass hingegen große Infrastrukturprojekte in einer schrumpfenden Gesellschaft wenig bringen, hat das vergreisende Japan in den vergangenen Jahrzehnten eindrucksvoll bewiesen.

So gesehen ist die derzeitige Zuwanderungswelle nach Deutschland eine Jahrhundertchance. Aber bislang wird sie nicht als solche erkannt. Das ist kurzsichtig. Und ärgerlich.

Zum Schluss eine Vorhersage: Wenn wir heute nicht entschlossen auf die Integration der Neubürger setzen, dann werden wir in zehn Jahren große Anwerbeprogramme in Indien oder Afrika starten müssen. Mit zweifelhaften Erfolgsaussichten - denn das stark gealterte Deutschland wird dann für Zuwanderer viel unattraktiver sein als das heutige.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche:

MONTAG

LUXEMBURG - Ukraine, schwache Konjunktur, IS-Terror, Ebola - Viel zu besprechen beim Treffen der EU-Außenminister

WALDORF, AMSTERDAM, CUPERTINO, ARMONK - Berichtssaison I - Vom dritten Quartal berichten die Konzerne SAP, Philips, Apple, IBM

DIENSTAG

BERLIN - Gas geben, Gas nehmen - Neue Verhandlungsrunde im Gasstreit zwischen Ukraine und Russland mit Noch-EU-Energiekommissar Günther Oettinger und Kollegen aus Moskau und Kiew

HAMBURG - Nullen & Einsen - "Nationaler IT-Gipfel" der Bundesregierung

PEKING - Konjunktursorgen - Chinas Statistiker präsentieren Neues zum BIP-Wachstum und von der Industrieproduktion im September

MELBOURNE, ATLANTA, OAK BROOK, SUNNYVALE, PEKING - Berichtssaison II - Quartalsberichte von BHP Billiton, Coca-Cola, McDonald's, Yahoo, China Mobile

MITTWOCH

BERLIN - Auf dem Weg zur Strategie? - Konferenz der CDU zum Thema "Zugewandert - Angekommen?! - Chancen der Vielfalt". Es äußern sich unter anderen Kanzlerin Merkel und Innenminister de Maizière

STRASSBURG - Neue Euro-Regierung - Das Europaparlament stimmt über die neue EU-Kommission ab

ZÜRICH, LONDON, CHICAGO, CLERMONT-FERRAND, PARIS, AMSTERDAM - Berichtssaison III - Quartalszahlen von ABB, GlaxoSmithKline, Boeing, Michelin, Peugeot, Heineken

DONNERSTAG

BRÜSSEL - Wieder mal ein Krisengipfel Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs (bis Freitag)

ZÜRICH, STUTTGART, ROTTERDAM, LONDON, SEATTLE, INDIANAPOLIS, NEW YORK - Berichtssaison IV - Quartalszahlen von Credit Suisse, Daimler, Unilever, Anglo American, Amazon, Eli Lilly, KKR

FREITAG

BRÜSSEL - Ende der Besprechung - Abschluss des EU-Gipfels

SONNTAG

BRASILIA - Richtungsentscheidung - Stichwahl um das Präsidentenamt in Brasilien

KIEW - Westbindung? - Parlamentswahl in der Ukraine

BERLIN - Licht an! - Ende der Sommerzeit in Deutschland

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