Start der Elbvertiefung Scheuerbord voraus!

Nach jahrelanger Verzögerung und unter dem Protest von Umweltschützern gibt Verkehrsminister Andreas Scheuer den Startschuss für die neunte Vertiefung der Elbe. Muss die zehnte schon bald folgen?

Containerfrachter auf der Elbe bei Hamburg
Axel Heimken/picture alliance/dpa

Containerfrachter auf der Elbe bei Hamburg

Von Anton Rainer


Andreas Scheuers großer Tag beginnt mit einer Beerdigung. Der Tote ist ein Fluss, die "geliebte Elbe", sie muss unter Tränen verabschiedet werden, und mit ihr die Hoffnung. So zumindest sehen es die Aktivisten von BUND, Nabu und WWF. Zur von ihnen organisierten Grablegung am Hafen Wedel reichen sie Sekt mit toten Fischen - Stint, eine Hamburger Spezialität.

17 Jahre lang hatten die Naturschützer versucht, diesen Moment zu verhindern, so lange reichen die Pläne für die "Elbvertiefung" zurück. Nun ist sie nicht mehr aufzuhalten. Andreas Scheuer gibt den Startschuss für das mittlerweile neunte Ausbuddeln des Flussbetts, das größere, noch stärker beladene Containerschiffe nach Hamburg bringen soll.

Als der CSU-Verkehrsminister eintrifft, würdigt er den Sektempfang keines Blickes, schreitet vorbei an rüden Plakaten ("Elbvertiefung = beSCHEUERt"), an Sprechchören und Trillerpfeifen und blickt hinaus auf den Fluss, wo schon die nächsten Probleme auf ihn warten. Mehrere Boote warnen mit grellgelben Plakaten vor der Elbvertiefung. Sie haben das Schiff MS Hammonia, das Scheuer eigentlich betreten soll, mit Fischernetzen mehr oder weniger umzingelt. Er atmet also tief durch, bespricht sich mit der Polizei, die gibt das Okay: Leinen los, Demonstranten abgedrängt, Scheuerbord voraus.

Verkehrsminister Andreas Scheuer (Mitte): So tief soll es werden
FOCKE STRANGMANN/EPA-EFE/REX

Verkehrsminister Andreas Scheuer (Mitte): So tief soll es werden

Um zu verstehen, warum ein Bundesverkehrsminister aus Bayern für einen Spatenstich ein Schiff in Hamburg besteigt, reicht ein Blick auf die Ausmaße des Projekts. Bis zu 40 Millionen Kubikmeter Baggergut werden im Rahmen der Elbvertiefung in den nächsten zwei Jahren bewegt, die Kosten liegen bei rund 776 Millionen Euro. Am Ende soll das Vorhaben bei Ebbe Schiffen mit einem Tiefgang bis zu 13,50 Metern und bei Flut mit einem Tiefgang bis zu 14,50 Metern die Durchfahrt zum Hamburger Hafen erlauben.

Die Frage ist, ob das überhaupt reicht. Die Pläne für die Arbeiten begannen bereits um die Jahrtausendwende, kurz nach Bauende der achten Elbvertiefung. Während etliche Klagen und Hindernisse die Arbeiten an der Elbe verzögerten, wuchsen die Frachtschiffe um durchschnittlich 50 Meter in der Länge und 14 Meter in der Breite. Mittlerweile können sie mehr als 22.000 Standardcontainer tragen - mit einem Tiefgang von mehr als 16 Metern. Muss man da schon über die nächsten Grabungen nachdenken?

Für Andreas Scheuer ist das Zukunftsmusik, jetzt sei erst mal der "historische Tag" zu feiern, sagt er. An Bord der MS Hammonia, die ihre Gäste mit Orangensaft und stillem Wasser empfängt, ist es heiß und stickig. Beamte und Experten sind gekommen, Politiker und Vertreter der Hafenwirtschaft - in 17 Jahren Planung wurde die Riege der Beteiligten immer größer. Gegner der Vertiefung sind nicht an Bord, sie begleiten das Minister-Schiff in sicherer Entfernung. Bei allen Überlegungen und tatsächlichen Arbeiten, sagt Scheuer, hätten Natur und Umwelt natürlich "immer eine große Rolle gespielt." Man baggere nicht nur für die Schifffahrt - "sondern auch für Flora und Fauna." Keiner wolle hier irgendetwas "verschandeln".

SPIEGEL ONLINE

Umweltverbände hatten genau das befürchtet. Erst Ende Juni kippten sie der Hamburger Wirtschaftsbehörde drei Bottiche toten Fisch vor die Füße - als Warnung vor einem schon jetzt gefährlich geringen Sauerstoffgehalt im Wasser. Zur Verantwortung gehöre auch Verantwortung für die Wirtschaft, sagt Scheuer. Und zur Schifffahrt die Konkurrenz: In den vergangenen Jahren stagnierte die Umschlagleistung des Hafens bei rund neun Millionen Standardcontainern. In der Rangliste der weltgrößten Häfen steht Hamburg nur auf Platz 19. Die Elbvertiefung soll das ändern.

SPIEGEL ONLINE

Um 13:51 gibt Andreas Scheuer das Startsignal. Oben an Deck drückt er auf einen großen schwarzen Knopf, hinter ihm senkt sich ein gigantischer Saugbagger in die Elbe und beginnt mit der Arbeit. Er gehört zur "Scheldt River", einem 116 Meter langen und 25 Meter breiten Schiff. Es wird die Baggerarbeiten in den nächsten Jahren durchführen, gemeinsam mit der "Bonny River" und der "Peter the Great".

Die belgischen Schiffe werden unter anderem mit Flüssiggas angetrieben, deswegen seien sie nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich "grün", so Scheuer. Umweltschützer dürfte dies kaum beeindrucken. Während das Scheuer-Schiff mit röhrendem Schiffshorn die Rückkehr zum Hafen einleitet, tönen von ihren Booten noch immer die Pfeifkonzerte. Auf den Plakaten steht: "Elbvernichtung, nein danke!"

Die größten Häfen der Welt


insgesamt 40 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Barfüsser 23.07.2019
1. Was interessieren
schon die Warnungen der Umweltschützer, wenn es um Arbeitsplätze geht? Aber warum kann man nicht die Dickschiffe nach Wilhelmshaven zum Jade-Weser-Port umleiten, dort gibt es noch genug Kapazitäten.
dasfred 23.07.2019
2. Ein Blick auf die Karte genügt
Wenn man sich ansieht welche Strecke dort ausgebaggert werden muss, obwohl wir in Wilhelmshaven einen kaum ausgelasteten Tiefwasserhafen haben, kann man nur mit dem Kopf schütteln. Die Container, die tatsächlich in Hamburg benötigt werden, kann man in einer Stunde per Bahn aus Wilhelmshaven rankarren. Der Rest geht sowieso nach Süden oder mit Feedern in den Ostseeraum. Nur aufgrund des Konkurrenzgehabes der Hamburger Hafenwirtschaft wird ein Ökosystem dauerhaft zerstört und das Risiko eingegangen, dass das Obstanbaugebiet an der Niederelbe mit versalzenem Grundwasser auskommen muss und die Deichsicherheit gefährdet ist. Ich unterstütze den kritischen Ton dieses Artikels ausdrücklich.
senapis 23.07.2019
3. Vorprogrammiertes Debakel
Auf der Grafik kann man sehr gut erkennen, warum die Wassertiefe einen Einfluss auf künftige Hochwasserlagen hat. Dann ist nach dem Ausbaggern noch weniger Fließwiderstand im Flussbett, die (Sturm-)Flut kann dann ungehindert schneller und höher Hamburg erreichen. Und die Sprechblasen, dass dem Herrn Scheuer der naturschutz wichtig ist, kann er sicher nicht fundiert unterfüttern.
spon_7302413 23.07.2019
4. Große Freude
Allerorten freuen sich die Menschen, auch die Altländer Obstbauern, die es gar nicht erwarten können, dass die Verbrackung des Wasser, das sich mit der Vertiefung und Verbreiterung bis in den Hamburger Tiedehafens ausbreiten wird, endlich auch die berieselten Obstfelder versalzen kann. Auf gesalzenes Obst warten die Verbraucher schließlich schon sein den Tagen der Hammaburg. Auf die ketzerische Idee, dass ein Hafen im Binnenland auf Dauer den Anforderungen des Internationale Warenverkehrs mit 22.000+ TEU-Linern nicht genügen kann, scheint sich niemand einlassen zu wollen. Und auf einen echten Tiefwasserhafen, mit logistischer Anbindung zu etablieren, scheint man lieber den Eifersüchteleien der Bundesländer und der Unvernunft zu opfern. Lieber etwas Dummes tun als gar nichts, scheint die Schlussfolgerung unserer submedioker begabten Anführer zu sein. Immer noch. Und, bewahre, wenn die großen Pötte nicht mehr bis ganz nah an die Vororte, bis hin zur Innenstadt, Hamburgs heran die Luft verpesten können. Das wäre eine ganz undenkbare Entwicklung...
Helge73 23.07.2019
5. Alles nur damit die Hamburger
bloß keine Pfründe abgeben müssen. Mit WHV hat man, wie einer meiner Vorredner gesagt hat, bereits einen echten Tiefwasserhafen. Wozu am HH festhalten? Dann lieber mit dem Geld die Infrastruktur in WHV ausbauen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.