Macron bei Merkel Die drei Stärken der französischen Wirtschaft

Frankreich gilt ökonomisch als "kranker Mann Europas". Doch bei allen Problemen wird oft übersehen, welche Stärken in den Unternehmen des Landes schlummern. Der neue Präsident Macron hat gute Chancen, sie zu wecken.

Kofferwerkstatt von Louis Vuitton
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Kofferwerkstatt von Louis Vuitton

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Auf den ersten Blick sieht Frankreichs wirtschaftliche Lage deprimierend aus. Die Arbeitslosenzahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt: auf knapp drei Millionen. Unter den erwerbsfähigen Jugendlichen hat fast jeder vierte keinen Job. Die Staatsverschuldung nähert sich den 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Und die Staatsquote, also der Anteil der öffentlichen Ausgaben an der Wirtschaftsleistung, zählt mit 57 Prozent zu den höchsten in der westlichen Welt.

Vom "kranken Mann Europas" ist dieser Tage oft die Rede, von einem "gelähmten Land", dessen Wirtschaft verkrustet sei und von Interessengruppen dominiert werde. All diese Attribute wurden vor 12 oder 15 Jahren einer anderen großen Nation zugeschrieben: Deutschland.

Heute prosperiert die deutsche Wirtschaft wieder. Und ein ähnliches Comeback kann auch unseren Nachbarn unter ihrem neuen Präsidenten Emmanuel Macron gelingen. (Mehr dazu lesen Sie hier). "Man darf Frankreich nicht in einen Topf mit Spanien oder Italien werfen", warnt Clemens Fuest, der Präsident des Münchner Ifo-Instituts. "Die französische Wirtschaft hat viel Substanz." Und der Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer sagt: "Das Potenzial für einen langhaltenden Aufschwung ist in Frankreich zweifellos da."

Macron will wirtschaftliche Reformen - und er bittet Deutschland um Unterstützung dafür.

Wie groß das Potenzial der französischen Wirtschaft ist, zeigt sich, wenn man genauer hinsieht:

1. Frankreich hat Weltklasse-Konzerne.

Moët Champagner von LVMH
AFP

Moët Champagner von LVMH

Als Bonvivants gelten die Franzosen: Sie wissen, wie man gut lebt. Und ihre Unternehmen wissen auch, wie man diesen Lebensstil hochprofitabel vermarktet. Allen voran LVMH Moët Hennessy - Louis Vuitton. Der weltgrößte Luxusgüterkonzern ist eine Geldmaschine: mehr als sieben Milliarden Euro operativen Gewinn erwirtschafteten die 134.000 Beschäftigten im vergangenen Jahr. Unter den zwölf größten Luxusherstellern der Erde sind drei weitere französische Unternehmen: Kering (Gucci, Brioni), L'Oréal und Hermès.

Die weltgrößten Luxusgüterkonzerne

Name Land Bekannte Marken Mrd $*
LVMH Frankreich Louis Vuitton, Bulgari, TAG, Heuer, Moet, Hennessy 23,3
Richemont Schweiz Cartier, Montblanc, Piaget 13,2
Estée Lauder USA Estée Lauder, Aramis, Clinique 10,8
Luxottica Italien Ray-Ban, Oaxley, Persol 10,2
Swatch Group Schweiz Certina, Issot, Union Glashütte 9,2
Kering Frankreich Gucci, Saint Laurent, Brioni 9,0
Chow Tai Fook Hong Kong Chow Tai Fook, Hearts on Fire Hong Kong 8,3
L'Oréal Luxe Frankreich Lancôme, Biotherm, Helena Rubinstein 8,2

*Umsatzzahlen für Geschäftsjahr 2014/15
Quelle: Deloitte

Für die Finanzbranche ist Frankreich ebenfalls ein wichtiger Standort: Paris wetteifert mit Frankfurt um den Status als führender Finanzplatz Kontinentaleuropas, durch den Brexit könnte die Metropole noch mehr Banken und Fondsgesellschaften anziehen. Vier der sechs nach Bilanzsumme größten Banken Kontinentaleuropas haben ihren Sitz bereits jetzt in der "Grande Nation".

Airbus-Werk in Toulouse
DPA

Airbus-Werk in Toulouse

Auch in den Branchen Luftfahrt und Rüstung (Airbus, Thalès, Dassault), Pharma (Sanofi) oder Handel (Carrefour) hat Frankreich Weltklasse-Konzerne zu bieten. Der Autobauer PSA (Peugeot, Citroën ) hat seine Krise überwunden und kauft nun Opel. Zudem gibt es gerade in den Großstädten eine innovative Startup-Szene. Und schließlich reisen in kein Land mehr internationale Touristen ein als nach Frankreich.

Und natürlich führt auch kein anderes Land mehr Wein aus als Frankreich: Im Jahr 2015 lagen die Weinexporte bei 9,2 Milliarden Dollar - das sind knapp 29 Prozent aller weltweiten Weinausfuhren.

Ein Problem hingegen hat Frankreichs Mittelstand. Kleine und mittlere Unternehmen haben in den vergangenen Jahren oft an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Sie leiden unter starren Tarifstrukturen, der landesweiten 35-Stunden-Woche, dem frühen Renteneintrittsalter von 62 Jahren, dem hohen Mindestlohn. All dies führt zu vergleichsweise hohen Kosten.

Macron müsse versuchen, das Regelwerk für kleine und mittlere Unternehmen zu lockern, fordert Ifo-Chef Fuest. Dies könne Arbeit schaffen und die Betriebe entlasten. Allerdings muss sich Macron auf Gegnerschaft der mächtigen Gewerkschaften gefasst machen. "Macron braucht Mut und einige politische Unterstützung, um diese Widerstände zu brechen", sagt Commerzbank-Ökonom Krämer. Ob dies am Ende gelinge, sei ungewiss.

2. Frankreich hat Unternehmen viel zu bieten.

Schnellzug TGV
AFP

Schnellzug TGV

320 Stundenkilometer schnell wird der TGV, wenn er durch das Land saust. Mit mehr als 2000 Kilometern Länge hat Frankreich das mit Abstand größte Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnnetz Europas. Das Autobahnnetz ist fast ebenso groß wie in Deutschland, wenn auch nicht so dicht. Die Preise für Industriestrom waren Anfang 2016 rund ein Drittel niedriger als hierzulande. "Die Infrastruktur ist ordentlich", sagt Krämer, "und vor allem hat Frankreich viele gut ausgebildete Hochschulabsolventen." Die "Grandes Écoles" und manche Universitäten sind zu Recht als elitär verschrien, sie bringen aber auch qualifizierte und gut vernetzte Jobanwärter hervor. Zudem ist die Bevölkerung dank der hohen Geburtenraten deutlich jünger als etwa in Deutschland.

Ein Blick auf das TGV-Netz zeigt aber auch die Schwäche Frankreichs: Viele Wege führen vor allem nach Paris. Und nicht nur bei der Infrastruktur sorgt der Zentralismus für ein Stadt-Land-Gefälle. Ähnlich wie die USA hat auch Frankreich einen "Rust Belt": im Norden des Landes, wo einst die Montanindustrie stark war, ist der Strukturwandel vielerorts noch nicht gelungen. In diesen Regionen war auch die Zustimmung für Marine Le Pen besonders hoch.

Gerade hier, aber auch in anderen Teilen des Landes, finden junge Leute oft keine Arbeit oder kriegen allenfalls Kurzzeitverträge - besonders dann, wenn sie keinen Hochschulabschluss haben. Dies liegt auch am strengen Kündigungsschutz. Weil Unternehmen fürchten, Arbeitnehmer bei schlechten Leistungen oder in mageren Zeiten nicht loszuwerden, stellen sie gar nicht erst ein.

Macron müsse versuchen, den Kündigungsschutz zumindest bei neuen Arbeitsverträgen zu lockern, sagt Ifo-Chef Fuest. Der neugewählte Präsident will außerdem mehr individuelle Betriebsvereinbarungen jenseits der Tarifverträge schaffen, sodass die Unternehmer flexibler auf konjunkturelle Schwankungen reagieren können. Die Gewerkschaften muss er davon aber erst noch überzeugen. (Mehr dazu lesen Sie hier). Weniger Ärger wird ihm seine geplante Bildungsoffensive machen: Mindestens 15 Milliarden Euro will Macron zusätzlich ins Bildungswesen investieren und dabei unter anderem die duale Berufsausbildung stärken.

3. Frankreich hat die schlimmste Krise schon hinter sich.

Paris
AFP

Paris

1,1 Prozent Wachstum im vergangenen Jahr klingen nicht berauschend - sind aber mehr als doppelt so viel wie vor drei oder vier Jahren. Für 2017 und 2018 sagt der Internationale Währungsfonds (IWF) den Franzosen 1,3 sowie 1,6 Prozent Wachstum voraus. Die Stimmung in der Wirtschaft ist so gut wie lange nicht mehr; der Geschäftsklimaindex stieg zu Jahresanfang auf den höchsten Stand seit sechs Jahren.

Auch die Arbeitslosenzahlen sinken: langsam, aber immerhin. Die Schuldenquote steigt nur noch leicht, das Staatsdefizit hat Macrons Vorgänger Francois Hollande von beinahe 5 Prozent auf zuletzt 3,4 Prozent gedrückt. Dieses Jahr könnte es Paris schaffen, das Minus erstmals seit langem unter die Maastricht-Grenze von drei Prozent zu drücken.

Allerdings profitiert Frankreich von günstigen externen Rahmenbedingungen: Der Ölpreis ist stark gesunken, die Zinsen für Staatsschulden sind -auch dank des Anleihen-Kaufprogramms der Europäischen Zentralbank - extrem niedrig. Macrons Investitionsoffensive kostet zunächst Geld. Und im ersten Quartal dieses Jahres ist das Wirtschaftswachstum abgeflaut.

"Entscheidend wird sein, ob es Macron schafft, so wie einst bei uns Gerhard Schröder, Veränderungen durchzusetzen - und eine anhaltende Aufbruchstimmung zu schaffen ", sagt Commerzbank-Chefökonom Krämer. Er selbst habe daran Zweifel. Aber: "Wenn der Knoten platzt und eine Volkswirtschaft einmal zu laufen beginnt, kommt man oft in eine positive Spirale." Ifo-Chef Fuest sieht dies ähnlich: "Durch Reformen kann sich das Land schnell erholen. Aber diese Reformen müssen auch kommen."

Die Franzosen haben alle Voraussetzungen, es Deutschland gleich zu tun und sich neuen Wohlstand zu schaffen. Nun müssen sie es wollen.

insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
mwroer 15.05.2017
1.
Ja das Problem schreiben Sie doch schon im ersten Absatz - Frankreich will Deutschlands Hilfe, braucht sie vielleicht auch, ist aber in vielen Bereichen mit seinen Weltklassekonzernen eben direkter Konkurrent Deutschlands in vielen Sektoren. Warum sollte nun Deutschland ausgerechnet seinem Hauptkonkurrenten helfen und damit seine eigenen Weltklassekonzernen schaden? Frankreich hat die schlimmste Krise hinter sich. Eben. Frankreich braucht keine Hilfe mehr, vor allem kann Frankreich niemand helfen weil die Probleme tief im Land liegen. Wenn die Menschen die Änderungen nicht wollen oder Macron dabei helfen dann hilft kein Geld der Welt. Das einzige was passiert wenn man jetzt Geld in das Land schüttet: Alles kann so bleiben wie es ist, während Frankreich sich mehr und mehr verschuldet - auf Kosten Deutschlands - aber letztlich wird sich nichts ändern und in 20 Jahren steht Frankreich dann als Synonym für Griechenland - abhängig vom Geld anderer weil beizeiten versäumt wurde Reformen auf den Weg zu bringen, aus eigenem Willen und eigener Kraft. Man kann nicht alles mit Geld lösen - oder wie Sie schreiben: Vor 12 - 15 Jahren war Deutschland in der gleichen Lage. Vielleicht hätten Sie schreiben sollen wie viele Milliarden aus den anderen europäischen Ländern nach Deutschland geflossen sind als notwendige Hilfe für den Nachbarn .... oder gab es da nicht viel zu schreiben?
Reinhold Schramm, 15.05.2017
2. Soziales Frankreich heute
Frankreich heute: Rente mit 60 bzw. 62 und volle Rente bei 41 Beitragsjahren. Das Rentenalter beträgt in Frankreich für das allgemeine Rentensystem 62 Jahre für diejenigen, die nach dem 1.1.1955 geboren sind. Für die nach dem 1.1.1950 geborenen Jahrgänge bestehen Übergangsregelungen aufgrund der Anhebung des allgemeinen Rentenalters von 60 auf 62 Jahre. Der Erhalt der vollen Rente erfordert aber 41 Jahre Beitragszahlung. Ab 67 Jahren wird die Rente automatisch in voller Höhe gezahlt. Arbeitnehmer, die schon früh berufstätig waren, haben das Recht, schon mit 60 Jahren in die Rente zu gehen, wenn sie die geforderte Anzahl an Beitragsjahren [41 Jahre] erfüllt haben. Der Mindestlohn in Frankreich beträgt aktuell 9,76 Euro, so seit dem 1. Januar 2017. Was bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 35 Stunden einem Monatslohn von 1480,27 € entspricht. In Deutschland liegt auch der gesetzliche Mindestlohn nur bei 8,84 Euro-Std. brutto.
kurpfälzer besserwisser 15.05.2017
3. Da kann ja nichts mehr schief gehen,
bei 10 Mrd EUR Erlösen aus dem Weinexport steht die französische Wirtschaft natürlich blendend da. Im Ernst: Solche Nachrichten aus Unternehmen wie letzte Woche, als Arbeiter anläßlich der Schließung ihres Werkes beginnen, die Maschinen zu zerstören (ähnliches habe ich für eine Reifenfabrik im Hinterkopf) führt doch dazu, eher in Deutschland oder sonstwo, aber doch nicht in Frankreich zu investieren. Ohne das Aufbrechen der Zerkrustung der französischen Wirtschaft wird das alles nichts. Eine gesunde französische Wirtschaft würde auch uns gut tun.
m.sielmann 15.05.2017
4. Idiologisch zugespitzt
Ihr Vorschlag: Wenn Frankreich wie Deutschland einen Niedriglohnsektor aufbaut, geht es den Franzosen gut? Welche von denen meinen Sie denn? Was wäre die Folge für Deutschland, die nächste Sozialabbauspirale? Unser bundesdeutsches Erfahrungswissen aus Vereinigung, Zonenrandförderung und Länderfinanzausgleich ist, dass Ausgleichmaßnahmen zwischen starken und schwachen Regionen in einem Wirtschaftsraum notwendig sind. Mit der Abschaffung der 35-Stunden-Woche werden Sie für Frankreich keinen Vorteil erreichen, aber die Kaufkraft torpedieren. So lange wir nicht aus der Geschichte lernen, sondern wirtschaftspopulistischen Lösungen folgen, kann die Abwärtsspirale nicht stoppen. Wenn die Einkommen der Schwächsten das Problem sind (der Begriff dafür ist Lohnnebenkosten, Personalkosten, Standortkosten, etc), das Einkommen der obersten 1 Prozent Erben (der Begiff dafür ist Leistungsträger) aber gerechtfertigt sein soll, machen Sie doch ihr eigenes Land auf.
kayakclc 15.05.2017
5. Volle Solidarität mit Frankreich
Gabriel hat Recht: Deutschland sollte Frankreich unterstützen, die im eigenen Land bitter notwenigen Reformen anzustoßen. Wo Gabriel irrt, ist die Wahnvorstellungen, das hätte mit Euro-Bonds oder mit einem Euro-Finanzminister zu tun. Genau wie Deutschland nach der Ära Kohl braucht Frankreich eine Agenda 2020, die die das Land von jahrezehnter von Fesseln befreit. Dazu brauch man kein Geld, sondern muss Arbeitsmarkt Strukturreformen auf den Weg bringen. Man muss die kreativen Kräft Frankreichs endlich entfesseln, sie motivieren für sich selbst, aber auch für das eigene Land sich ins zeug zu legen. Seit 10 Jahren pumpt die EZB billiges Geld in alle Euro-Staaten. Wenn sich da nichts tun, muss man endlich zum Schuss kommen, dass es nicht einen Frage des einfallslosen mehr Geldausgeben sein kann, wenn ein Land lahmt. Geld ist genug da. Die Geldströme werden nicht in Produktivtät gelenkt. Es wird zu viel in Konsum und Verbrauch gesteckt, zu wenig in Investitionen für die Zukunft. Es braucht keinen Euro-Finanzminister Schäuble um Frankreich flott zu machen. Dass kann Herr Macron mit Hilfe des französischen Parlaments auch alleine. Man sollte ihm aber in einen Meinungsaustausch treten. Vielleicht kann Frau Merkel ihren Vorgänger, das SPD Mitglied Schröder als Sondergesandten der Bundesregierung für Frankreich ernennen, um mit Macron die deutsche Erfahrungen mit der Agenda 2010 zu diskutieren. Jetzt weiß man doch genau, was gut war und was nicht funktionierte.
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