Macron in Griechenland Der bessere Schäuble

Die Griechen feiern den französischen Präsidenten bei seinem Athen-Trip wie einen Superstar. Anders als die Deutschen sind die Franzosen hier nach der Eurokrise noch beliebt. Nun verspricht Macron Investitionen.

Bad in der Menge: Emmanuel Macron in Athen
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Bad in der Menge: Emmanuel Macron in Athen

Von , Athen


Emmanuel Macron hat Griechenland besucht - und die Griechen waren, so muss man es sagen, hingerissen. Sogar die zuverlässig mürrischen Athener Taxifahrer erlitten das Verkehrschaos, das der zweitägige Besuch in der Hauptstadt verursachte, mit ungewohnter Langmut.

Die Griechen fühlen sich traditionell mehr zum französischen Teil der deutsch-französischen Achse hingezogen - die "griechisch-französische Allianz" ist in Griechenland seit Jahrzehnten ein stehender Begriff.

Der neue französische Präsident gilt in Griechenland zudem als Superstar: jung wie der eigene Regierungschef Alexis Tsipras, nicht von einer jahrzehntelangen politischen Karriere befleckt - und als Vertreter des mächtigsten Club-Med-Landes in der EU augenscheinlich ein Gegengewicht zu den strengen Deutschen. Auch wenn Macrons Beharren auf wachstumsfördernde Reformen eher an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erinnert als an den linken Tsipras.

Gefeiert und verehrt: Emmanuel Macron mit seiner Frau Brigitte
REUTERS

Gefeiert und verehrt: Emmanuel Macron mit seiner Frau Brigitte

Apropos Tsipras: Die Chemie zwischen dem Griechen und dem Franzosen stimmte sofort. "Mein lieber Emmanuel!", "mein lieber Alexis!". Umarmungen. Gelächter. Macrons Beliebtheit steigerte sich noch, als er am Donnerstag eine feierliche Grundsatzrede über die Demokratie hielt, in unmittelbarer Sichtweite der Akropolis.

Er begann sie sogar auf Griechisch - "mit dem niedlichsten französischen Akzent!", wie eine Twitter-Nutzerin verzückt anmerkte. Und er huldigte dem Ruhm Athens, Wiege der Demokratie und so weiter. Stehende Ovationen.

Warum Frankreichs Konzerne echtes Interesse haben

Nun sind Symbole schön und gut, und es schadet sicher auch nicht, in einer Gesellschaft, die von steigender Armut und einer immensen Arbeitslosigkeit geprägt ist, an den Nationalstolz zu appellieren. Aber um Griechenland aus der Patsche zu helfen, sind Investitionen doch wichtiger. So gesehen war der Freitag der wichtigere der beiden Besuchstage. Denn am Vormittag traten Macron und Tsipras im nagelneuen Stavros-Niarchos-Kulturzentrum vor dem Who is Who der französischen und griechischen Wirtschaft auf.

Männerfreundschaft: Emmanuel Macron (l.) und Alexis Tsipras
AFP

Männerfreundschaft: Emmanuel Macron (l.) und Alexis Tsipras

Er werde Griechenlands Reformbemühungen weiter unterstützen, sagte Macron und versprach, dass Frankreich in Griechenland investieren wolle. Tsipras sprach davon, dass Griechenland nun nach sieben Jahren Rezession endlich "ein neues Kapitel aufgeschlagen" habe. "Sie werden Investitionen in Griechenland nicht bereuen", versicherte Tsipras dem französischen Präsidenten. Und Wirtschaftsminister Dimitri Papadimitriou sagte dem SPIEGEL: "Die Franzosen werden schon sehr bald massiv investieren - in den Tourismus, Energie, Infrastruktur und weiteren Branchen."

Das französische Interesse ist durchaus echt. Der Energiekonzern Total fördert mit einem Konsortium bei Korfu und Kreta Öl und Gas. Der Mischkonzern Suez hat ein Auge auf die Wasserversorgung von Athen und Thessaloniki geworfen.

Der Tourismus gilt französischen Unternehmen als interessantes Investitionsziel, ebenso wie die Energiewirtschaft. Ein französisches Konsortium hat erst vor Kurzem den zweitgrößten griechischen Hafen in Thessaloniki übernommen. Willkommener Nebeneffekt: Die Chinesen, die mit Piräus bereits den größten Hafen des Landes übernommen haben, gingen diesmal leer aus.

Umgekehrt erwägt Griechenland, sich in Frankreich mit Rüstungsgütern einzudecken. In den nächsten acht bis zwölf Monaten seien konkrete Vertragsabschlüsse zu erwarten, sagte ein Mitglied der französischen Delegation dem SPIEGEL.

Geschäfte in Griechenland bleiben riskant

"Französische Investitionen können Griechen wesentlich einfacher akzeptieren", sagt ein griechischer Politiker - und meint damit: Während deutschen Firmen Misstrauen entgegenschlägt, wie bei der äußerst umstrittenen Übernahme von 14 griechischen Regionalflughäfen durch Fraport, wird Paris als wohlwollender Investor wahrgenommen. Macron seinerseits hat mehrfach darauf verwiesen, dass Frankreich während der Krise zu Griechenland hielt und standhaft gegen ein Ausscheiden des Landes auf der Eurozone kämpfte - ein kaum verhüllter Seitenhieb auf die ambivalente Haltung Deutschlands im dramatischen Sommer 2015.

Dennoch: Dass französische Firmen Griechenland auch auf dem Höhepunkt der Krise vertraut hätten, als viele andere sich aus dem Land zurückzogen, wie Macron es nun behauptet, ist nicht die ganze Wahrheit. Die Großbanken Société Générale und Crédit Agricole haben während der Krise ihre Sachen und Griechenland verlassen - ebenso wie die Supermarktkette Carrefour.

Investitionen in Griechenland können auch heute noch riskant sein, trotz des wirtschaftsfreundlichen Kurses, den Tsipras seit Kurzem einschlägt. So sind zwei der größten - und langwierigsten - griechischen Investitionen in Schieflage: Ein Goldminenprojekt im Norden des Landes, das seit Jahren mit Vorschriften und Bürokratie zu kämpfen hat und inzwischen ein Schiedsgericht beschäftigt, werde womöglich scheitern, sagt ein hochrangiger griechischer Regierungsvertreter, der anonym bleiben möchte. Und die derzeit größte Investition, ein acht Milliarden Euro teures Stadtentwicklungsprojekt auf dem Gelände des früheren Athener Flughafens Ellinikon, verzögert sich durch den Widerstand von Archäologen.

So sehr die französischen Konzernchefs in Athen auch umworben werden, sie sind klug genug, um zu wissen: Griechenland bietet große Chancen. Aber es bleibt ein mitunter riskantes Geschäft.

Übersetzung aus dem Englischen: Florian Diekmann



insgesamt 64 Beiträge
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think-twice! 08.09.2017
1. Erstaunt uns das?
Frankreich ist für Schuldenschnitt um sich als Anführer des Club Med zu positionieren und damit im Windschatten die eigenen Schulden zu neutralisieren, auf Kosten Deurschlands versteht sich, denn die Hauptlast liegt bei uns. Allein für Griechenland wäre D mit über 250 Mrd Bürgschaften beteiligt. Das ist populistische Politik für ganz einfache Gemüter. Gabriel, Schulz und die Grünen befürworten genau dies, ein Grund mehr, sie nicht zu wählen.
aberratio_ictus 08.09.2017
2. ganz einfache Gemüter und Betonköpfe
Jedes Mal wenn das Thema Griechenlands Schulden aufs Tapet kommt tummeln sich in den Foren schon die Betonköpfe mit einem Verständnis für Volkswirtschaft wie Schulkinder, oder die berühmte einfach gestrickte schwäbische Hausfrau. Unfassbar, dass immer noch so viele diesem Märchen aufsitzen von den tüchtigen und zurecht reichen Deutschen und allen anderen, die auf unseren Kosten leben wollen. Kein Wunder eigentlich in Zeiten, in der die Dummheit grassiert wie eine Pandemie deren Eiterbeulen Trump und AfD, zumindest für uns, besonders sichtbar sind.
j.e.r. 08.09.2017
3. Waren die französischen Finanzinstitute
nicht die grössten Geldgeber Griechenlands vor allem bis zur "ersten" Euro-Krise, deren Guthaben unbedingt gesichert werden mussten - und auf Druck der französischen Regierung auch grösstenteils "gerettet" wurden. Dass französische Unternehmen an sich lohnende Investitionen auch in Griechenland interessiert sind ist klar - aufgrund der Erfahrungen mit Suez in verschiedenen Ländern (auch in Frankreich) sollten sich die potentiellen Kunden in Athen und Thessaloniki in nicht allzu sehr auf die Folgen einer möglichen Übernahme der Wasserversorgung freuen. Griechenland bleibt für die französische Regierung ein strategisch wichtiger Partner - auch, wenn nicht vor allem in der Europapolitik. Zu geplanten Waffenkäufen Griechenlands: wie soll der griechische Bürger akzeptieren, dass überall die Staatsausgaben reduziert werden (aber mit der seit 200 Jahren überfälligen Anpassung der Steuereinnahmen immer noch nicht ernsthaft angefangen wurde) und jetzt Frankreich wieder abkassieren kann?
Denkt mal selber nach 08.09.2017
4.
Zitat von think-twice!Frankreich ist für Schuldenschnitt um sich als Anführer des Club Med zu positionieren und damit im Windschatten die eigenen Schulden zu neutralisieren, auf Kosten Deurschlands versteht sich, denn die Hauptlast liegt bei uns. Allein für Griechenland wäre D mit über 250 Mrd Bürgschaften beteiligt. Das ist populistische Politik für ganz einfache Gemüter. Gabriel, Schulz und die Grünen befürworten genau dies, ein Grund mehr, sie nicht zu wählen.
Wir und damit auch du werden die 250 Mrd auf jeden Fall bezahlen. Es fragt sich nur, wann und wieviel noch hinzu kommt. Außerdem ist offen was am Ende dann noch von Europa übrig ist uns wie der Möchtergern-Hegemon dann am Ende dasteht. Für Schäuble-Fans, wie sie, mag das überraschend sein, aber das Spiel auf Zeit ist die schlechteste aller Optionen. Sie war von Anfang an falsch und diente nur dazu Banken zu stützen. Statt jetzt die Rechnung immer weiter zu verlängern sollte man handeln. Nach der Wahl wird es interessant. Das die Merkel-Regierung jetzt noch die Füße still hält liegt nur an der Öffentlichkeitswirkung. Im herbst allerdings werden wir vorausichtlich ganz neue Töne hören, dafür spricht nicht zu letzt Frankreichs auftretnen, ohne die unsere schöne neue Hegemonie in der EU gar nicht funktionieren würde.
freigeistiger 08.09.2017
5. Euphemismus
Den Kauf von bestehender Infrastruktur als Investition zu feiern ist Zynismus. Wieviel zusätzliche Wirtschaftskraft und Produktion wird dadurch geschaffen? Null. Aus Vermögen wird Liquidität. Und mit den Erlösen werden Rüstungsgüter beim Investor gekauft. Wenn die Armee als Kriegsdienstleister in der Welt auftritt und damit Einnahmen geneiert, dann ist dass ein gutes Investment. Wie hoch sind die Provisionen für diese Geschäfte? Es hat sich nichts geändert in Griechenland, um die Einnahmen und Ausgaben in ein richtiges Verhältnis zu bringen. Famiie ist halt näher als die Gesellschaft.
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