Emmanuel Macron Einmal Banker, immer Banker?

Emmanuel Macron will französischer Präsident werden. Seinen Kritikern gilt er als Handlanger der Bankenbranche - ein Image, das schon Hillary Clinton zum Verhängnis wurde. Kann er trotzdem gewinnen?
Emmanuel Macron

Emmanuel Macron

Foto: Stephane Mahe/ REUTERS

Wenn Marine Le Pen über Emmanuel Macron spricht, wird schnell klar, wo sie ihn haben will: Ein "kaltherziger Banker" sei er, ein "Handlanger der Eliten", schimpfte die rechte Präsidentschaftskandidatin am Mittwochabend im Fernsehduell. "Sie liegen auf dem Bauch vor den Banken, Sie sind der Kandidat der Unterwerfung."

Von ganz links setzt es ähnliche Angriffe: Jean-Luc Mélenchon, Führer der Bewegung "Frankreich der Aufsässigen", verweist gern auf die "Macht des Geldes", die hinter Macron stehe - eine Anspielung auf die vermögenden Sponsoren seines Wahlkampfs.

Wenn es noch etwas gibt, das die Wahl des Polit-Shootingstars zum französischen Präsidenten verhindern kann, so scheint es Macrons Image als Kandidat der Finanzelite zu sein, das seine Gegner auf den letzten Metern noch einmal ausschlachten.

Schon durch seinen Lebenslauf liefert Macron eine perfekte Angriffsfläche - für Kritik und für wilde Verschwörungstheorien: Ausgebildet an der französischen Eliteakademie École Nationale d'Administration (ENA), später vier Jahre lang im Dienst der Investmentbank Rothschild, 2014 nahm er sogar an der sagenumwobenen Bilderberg-Konferenz teil. Alles Namen, die zu den beliebtesten Projektionsflächen der Verschwörungsfreunde zählen.

Parallelen zu Hillary Clinton

"Macron ist wie der feuchte Traum einer Verschwörungswebsite", schreibt der US-Finanzblog Zerohedge, der solchen Theorien selbst nicht abgeneigt ist. "Jemand mit sehr großer Macht hat für diesen Typen alle Arten von Strippen gezogen", urteilt der anonyme Autor geheimnisvoll - und suggeriert, dass Macron im Dienst einer anderen Macht stehe. "Wirklich, für wen arbeitet er? Ich bin sicher, das wüsste das französische Volk gerne."

Solche Stimmen werden auch in Frankreich immer lauter. Die endlos wiederholten Behauptungen der Gegner von ganz links und ganz rechts verfangen. Ähnlich wie bei Hillary Clinton, die im US-Wahlkampf von ihrem Kontrahenten Donald Trump und konservativen Medien ebenfalls als Marionette der Wall-Street-Banken dargestellt wurde. Mit ihren gut bezahlten Vorträgen in der Finanzbranche hatte sie ihren Gegnern allerdings auch die Munition dafür geliefert.

Und wie sieht es bei Macron aus?

Seine Vergangenheit in der Finanzbranche hat ihn sicherlich geprägt. Hier sammelte er Kontakte, die ihm heute noch immer nutzen. "Das ist einer von uns", erklärt ein deutscher Top-Banker ein bisschen stolz.

Rasanter Aufstieg

Als Macron 2008 bei der Rothschild-Bank anheuerte, soll ihn ein damaliger Freund gewarnt haben, welche Konsequenzen das für eine von Macron eigentlich angestrebte politische Karriere haben könnte: "Bist du dir bewusst, dass Banker nicht irgendein Job ist? Und Rothschild nicht irgendeine Bank?", so zitiert die britische "Financial Times" ("FT") den Freund von damals.

Doch Macron schien das ebenso wenig zu stören wie seine mangelnden Kenntnisse der Finanzwelt. Schließlich hatte er nicht Wirtschaft, sondern Philosophie studiert. Dennoch stieg der damals 30-Jährige in der Bank atemberaubend schnell auf. "Er wusste nichts, aber er verstand alles", zitiert die "FT" einen ehemaligen Kollegen. Und er hatte offenbar einen mächtigen Förderer: François Henrot, wichtigster Vertrauter von Bankchef David de Rothschild, soll ihn persönlich empfohlen haben.

2010 wurde Macron mit 32 Jahren zum Partner bei Rothschild, so jung wie er hatte noch niemand zuvor diese höchste Hierarchiestufe erreicht. Zwei Jahre später machte er den Deal seines Lebens, als er den Schweizer Lebensmittelriesen Nestlé davon überzeugte, für knapp zwölf Milliarden Dollar die Babynahrungssparte des US-Rivalen Pfizer zu kaufen. Macron selbst soll dabei Millionen verdient haben. Entscheidend bei dem Deal waren offenbar Macrons exzellente Kontakte zum damaligen Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe.

Neuer Anlauf für Reformen

2012 wechselte Macron in den Élysée-Palast - als Vizesekretär des frisch gewählten Präsidenten François Hollande bereitete er dessen wirtschaftspolitische Wende vor. "Mein Feind ist die Finanzwelt", hatte Hollande noch im Wahlkampf getönt - und unter anderem einen Spitzensteuersatz von 75 Prozent angekündigt. Doch als Staatschef schwenkte Hollande vom klassenkämpferischen Linksdiskurs auf eine wirtschaftsfreundlichere Linie um - wohl auch dank Macrons Beratung. 2014 machte Hollande ihn dann zum Wirtschaftsminister.

Mit den meisten seiner Reformvorstellungen, vor allem zur Lockerung der Arbeitsmarktgesetze, ist Macron damals am internen Widerstand gescheitert. Nun will er sie als Präsident doch noch durchsetzen. Sein Programm ist dabei im Kern wirtschaftsfreundlich: So will er die Steuern auf Kapitaleinkünfte wie Zinsen und Dividenden ebenso senken wie die Unternehmensteuer. Auch die 35-Stunden-Woche, die vielen Franzosen heilig ist, soll aufgeweicht werden. Die Einführung der europäischen Finanztransaktionssteuer dagegen habe für ihn "keine Priorität", teilte er mit.

Doch ist Macron wegen seines liberalen Programms gleich ein Vertreter von Wirtschaftsinteressen oder gar ein versteckter Repräsentant des Finanzkapitals?

Macron reagiert empfindlich, wenn er als Kandidat der Finanzaristokratie dargestellt wird. "Reduzieren Sie meine Laufbahn nicht auf die eines Investmentbankers", wehrte er sich jüngst gegen entsprechende Fragen eines Journalisten. "Die Realität meines Programms ist eine andere."


Zusammengefasst: Emmanuel Macron liegt kurz vor der entscheidenden Runde der französischen Präsidentschaftswahl laut Umfragen in Führung. Doch seine Gegner, allen voran Marine Le Pen, versuchen, ihn als Aristokraten des Finanzkapitals darzustellen. Tatsächlich hat Macron früher für eine noble Investmentbank gearbeitet - und er vertritt auch ein eher wirtschaftsfreundliches Programm. Ein Büttel des Finanzkapitals ist er deshalb aber noch lange nicht.