Studie des Umweltbundesamts Energie-Selbstversorgung rechnet sich für Gemeinden fast nie

Unabhängigkeit vom Strompreisdiktat der Konzerne, Abkopplung vom Netz - immer mehr deutsche Gemeinden eifern solchen Autarkieträumen nach. Nun belegt das Umweltbundesamt erstmals in einer umfassenden Studie: Das Konzept rechnet sich nur in Ausnahmefällen.
Windräder: Traum von der Unabhängigkeit

Windräder: Traum von der Unabhängigkeit

Foto: Marius Becker/ dpa

Hamburg - Silbrig gleißen die Solarpaneele auf den Dächern, majestätisch drehen sich riesige Windräder, Elektroautos surren durch die Straßen: Das ist die Vision einer Zukunftstadt im Jahre 2050 irgendwo in der Bundesrepublik. Einer Stadt, die nicht nur frei von CO2-Emissionen ist, sondern auch frei vom Strompreisdiktat der Konzerne. Weil sie sich zu hundert Prozent selbst versorgt und vom Stromnetz abgekoppelt hat.

Das Ideal unabhängiger Stromversorgung war für viele Verbraucher schon immer attraktiv und wurde durch die Energiewende enorm befeuert. Immer mehr Regionen versuchen diesem Ideal so nah wie möglich zu kommen. Der Kneippkurort Bad Wörishofen im schwäbischen Landkreis Unterallgäu etwa will bis 2020 energieautark sein. Auch die Gemeinde Wüstenrot in Baden-Württemberg, bislang berühmt durch die gleichnamige Bausparkasse, will von steigenden Strompreisen nichts mehr wissen und zum Vorreiter für Plusenergiehäuser und intelligente Stromnetze werden.

"Energieautarke Städte rechnen sich nicht"

Das Umweltbundesamt (UBA) hält solche Projekte zwar generell für begrüßenswert; dass sich bald immer mehr Ortschaften vom bundesweiten Übertragungsnetz abkoppeln, glauben seine Experten indes nicht. In der bislang umfassendsten Untersuchung zu diesem Thema kommt Deutschlands zentrale Umweltbehörde zu einem ernüchternden Ergebnis: Zwar werde die Stromproduktion immer dezentraler - energieautarke Städte aber rechneten sich kaum, heißt es in der Erhebung, die am Montag veröffentlicht werden soll und die SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt.

Auf gut hundert Seiten spielt das Umweltbundesamt die Potentiale von Regionen durch, die sich komplett selbst versorgen. Wissenschaftler der Behörde modellierten zwei exemplarische Siedlungen: ein Dorf in ländlicher Umgebung und einen Stadtteil mit hoher Bebauungs- und Einwohnerdichte. Anhand hochauflösender Wetterdaten analysierten sie, ob sich diese Siedlungen an zwei Orten, einem in Norddeutschland und einem in Süddeutschland, komplett selbst mit Wind- und Sonnenstrom versorgen könnten - und wenn ja, zu welchen Kosten.

Exorbitante Kosten für Speicher

Ergebnis: In ländlichen Regionen könnte der Energiebedarf aller Haushalte allein durch Solar- und Windenergie gedeckt werden - selbst dann noch, wenn die Bewohner ausschließlich Elektroautos fahren. Allerdings wären dafür gewaltige Energiespeicher nötig. In Süddeutschland sei der Bedarf noch höher als im Norden, da Solaranlagen noch mehr Speicher brauchen als Windräder.

Berücksichtige man neben den Haushalten allerdings auch den Strombedarf von Gewerbe und Industrie, sei der Speicherbedarf in ländlichen Regionen nicht mehr wirtschaftlich vertretbar, heißt es in der Studie weiter. In städtischen Regionen sei Energieautarkie mit Solar- und Windanlagen schon ohne Berücksichtigung der Industrie nicht praktikabel. Die Bevölkerungsdichte sei einfach zu hoch.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Regionen ihren Strom ausschließlich durch Solar- und Windanlagen gewinnen, da Wasser- und Biogas- und Geothermiekraftwerke nicht flächendeckend verfügbar seien. In Regionen, in denen sich solche Arten der Energiegewinnung in die Versorgung einbinden lassen, sind die Voraussetzungen für Energieautarkie deutlich günstiger.

"Lokale Autarkie kann als Konzept in Einzelfällen und unter günstigen Bedingungen zwar umsetzbar sein", fasst UBA-Chef Jochen Flasbarth die Studie zusammen. "Ein Ansatz für eine tragfähige regenerative Energieversorgung ganz Deutschlands ist sie jedoch nicht." Das spreche aber nicht gegen die Energieversorgung Deutschlands aus dezentralen Quellen. Der geplante Ausbau der Übertragungsnetze sei hierfür allerdings unverzichtbar.