Strategie gegen den Energienotstand Es muss jetzt etwas kosten

Michael Böhmer
Jens Hobohm
Ein Gastbeitrag von Michael Böhmer und Jens Hobohm
Um das Land vor dem Gasnotstand zu bewahren, reichen Ratschläge nicht mehr: Die Energiepreise müssen endlich sichtbar steigen, damit Anreize zum Sparen bestehen. Und die Bürger sollten erfahren, was sie konkret erwartet.
Fotomontage

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Foto: Christian Ohde / IMAGO

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»Lasst nie den alten Grundsatz rosten: Es muss a) wehtun, b) was kosten.« Ursprünglich von Dichter Eugen Roth auf einen erfolgreichen Arztbesuch bezogen, scheinen wir in der aktuellen Gaskrise genau auf jenes Prinzip zuzusteuern.

Die Appelle der Regierung, den Gasverbrauch zu reduzieren, greifen nicht. Es läuft so viel Warmwasser durch die Duschköpfe wie eh und je. Und im Baumarkt werden die Radiatoren knapp – die dann im Herbst im Zweifel auch mit Strom aus Gaskraftwerken betrieben werden. Heißt es also einfach abwarten, bis die Rechnung auf den Tisch kommt – und es richtig schmerzhaft wird?

Um Deutschlands Gesellschaft und Wirtschaft vor dem Gasnotstand zu bewahren, braucht es eine klare Kommunikation, warum es gerade jetzt darauf ankommt, jede Kilowattstunde zu sparen. Und vor allem, was passiert, wenn wir es nicht tun. Gut gemeinte Ratschläge reichen dafür nicht aus. Sorgt die Politik nicht dafür, dass Verbraucherinnen und Verbraucher seitens der Gasversorger über bevorstehende Kosten transparent informiert werden, lässt sie diese ins offene Messer laufen.

Noch sind die Kosten nicht spürbar, und wer ändert schon gern seine Gewohnheiten ohne triftigen Grund?

Die Gaspreise könnten sich für private Haushalte verdreifachen

Etwa 40 Prozent der knapp 41 Millionen privaten Haushalte in Deutschland heizen mit Gas. Durch den Anstieg der Weltmarktpreise für Erdgas im Zuge des Ukrainekrieges werden die Belastungen für diese schon bald rasant steigen – in der Diskussion sind Preissteigerungen um den Faktor drei. Bleibt das Gas länger aus, kann es auch noch höher gehen.

Ein Beispiel: Ein Vier-Personen-Haushalt in einem Mehrfamilienhaus verbraucht im Schnitt 15.000 kWh pro Jahr. Die Rechnung würde somit ausgehend vom Jahresdurchschnitt 2021 von rund 1100 Euro auf 2500 Euro (2022) und noch weiter auf 3200 Euro oder mehr (2023) ansteigen.

Entscheidend ist dabei der individuelle Vertrag. Viele Haushalte verfügen über Gaslieferverträge mit festen Abschlagszahlungen. Damit sind die diskutierten Kostensteigerungen für die meisten Menschen abstrakt. Wenn also der Abschlag noch auf der Grundlage des Vorjahres ermittelt wurde, drohen mit Ende der Abrechnungsperiode Nachzahlungen im teils vierstelligen Bereich. Der oben erwähnte Beispielhaushalt müsste 1000 bis 2100 Euro nachzahlen, wenn sein Abschlag bisher bei etwa 92 Euro lag.

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Besser dran sind also die Haushalte, die länger laufende Verträge mit Preisbindung mit ihren Gasversorgern vereinbart haben? Das könnte sich als Trugschluss entpuppen. In diesem Fall trägt zwar der Energieversorger die höheren Kosten, wenn er selbst das Gas zu höheren Preisen beschaffen muss. Meist haben diese Verträge aber eine Laufzeit von nicht mehr als zwei Jahren. Sollte das Wirtschaftsministerium aber demnächst die dritte Stufe des Gasnotfallplans ausrufen, gibt das den Gasversorgern die Möglichkeit, jene Verträge mit Preisbindung rasch zu kündigen.

Entscheidungen treffen, bevor sie einen treffen

Das Problem in beiden Fällen: Die Verbraucherinnen und Verbraucher erreicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt und wohl auch in den kommenden Monaten, wenn die Heizperiode beginnt, kein konkretes Preissignal. Kein Wunder also, dass die Einsparbemühungen der Haushalte geringer ausfallen, als es möglich wäre. Es fehlt die Transparenz, um eine informierte Entscheidung zu treffen. Noch sind die Kosten nicht spürbar und wer ändert schon gern seine Gewohnheiten ohne triftigen Grund? Erst recht, wenn diese Gewohnheiten nicht nur vermeintlich harmlos sind, sondern ein Grundbedürfnis darstellen. Folglich werden Einsparpotenziale nicht ausgeschöpft und die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Gasversorgung liegen höher, als sie müssten.

Die Folgen sind umso schmerzlicher: Viele Haushalte werden die hohen Nachzahlungen schlichtweg nicht leisten können. Sie müssen mit Transferleistungen abgefedert werden. Es sind (teilweise) Zahlungsausfälle, im schlimmsten Fall Privatinsolvenzen zu erwarten. Sozialer Sprengstoff inklusive. Diese Zahlungsausfälle belasten wiederum die (ohnehin schon strapazierten) Bilanzen der Gasversorger. Im Fall von Stadtwerken wirkt sich das negativ auf die kommunalen Haushalte aus. Auch öffentliche Rettungsaktionen von in Schieflage geratenen Gasversorgern (siehe Uniper ) könnten sich häufen. Nicht zuletzt würde eine Gasmangellage vor allem die Industrie treffen. Die geringere Nachfrage der privaten Haushalte nach anderen Gütern belastet die Konjunktur insgesamt zusätzlich.

Verbraucher müssen jetzt wissen, was sie erwartet

Um diese heute so klar absehbaren Probleme abzufedern, sollte die Regierung Gasversorger und Vermieter verpflichten, den Haushalten gemäß der aktuellen Marktlage regelmäßig eine Mitteilung zu senden, gegenwärtig z.B. alle drei Monate. Ähnlich der jährlichen Renteninformation gilt es, die Kerninformationen transparent aufzuzeigen: die aktuelle Höhe der Abschlagszahlungen sowie die absehbare Höhe der monatlichen Kosten bei Fortschreibung des aktuellen Gaspreises. Vor allem aber konkrete, in Euro bewertete, Hinweise für Einsparmöglichkeiten. Die Raumtemperatur beispielsweise um 1 Grad zu senken bringt 10 Euro im Monat.

»Man kann die Menschen zur Vernunft bringen, indem man sie dazu verleitet, dass sie selbst denken.«

Voltaire

Falls rechtlich möglich, sollten die Abschlagszahlungen zudem unterjährig angepasst werden mit dem Ziel, dass die Nachzahlung möglichst gering ausfällt. Kunden mit Preisbindung müssen zumindest über das Risiko informiert werden, dass ihr Vertrag gekündigt werden könnte, wenn eine Gasmangellage eintritt.

Rationale Entscheidungen können nur auf der Grundlage von Daten getroffen werden. Diese Daten müssen den privaten Haushalten jetzt an die Hand gegeben werden. Und dann wird auch der große Philosoph und Aufklärer Voltaire wieder einmal recht behalten: »Man kann die Menschen zur Vernunft bringen, indem man sie dazu verleitet, dass sie selbst denken.«

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