Thomas Fricke

Energiekrise Und wenn die Inflation bald schon wieder weggeht?

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Seit Monaten überbieten sich die Inflationsprognostiker mit immer neuen Horrorvorhersagen. Könnte allerdings auch sein, dass es ganz anders kommt.
Gasflamme auf dem Herd

Gasflamme auf dem Herd

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Patrick Pleul / dpa

So schnell kann’s gehen. Über Wochen schien der Trend nur nach oben zu gehen und die Inflation stetig zuzunehmen, prophezeiten Endzeitvorhersager auf Dauer jetzt fünf und mehr Prozent Geldentwertung jährlich. Während immer neue Ängste um die Energieversorgung für immer neue Schübe bei Gas- und Strompreisen sorgten. Jetzt melden Beobachter plötzlich, dass die Gasfrachter um Europa herum im Stau stehen. Weil die Speicher voll sind – und gar nicht so viel Gas gelagert werden kann wie bestellt.

Und weil jetzt auch noch gefühlter Spätsommer ist und die Heizungen saisonunüblich aus bleiben, stürzen die Preise an den stark spekulativ getriebenen Gasmärkten – diese Woche im extrem kurzfristigen Handel sogar teils kurz mal unter null. Das heißt: Die Anbieter des guten Gases zahlten – virtuell – zeitweise sogar drauf, um das Zeug loszuwerden.

Natürlich war das nur ein neuer irrer Moment an den Märkten. Und natürlich heißt das nicht, dass plötzlich auch für unsereins alles wieder billiger würde. Im Schnitt wird Gas selbst an den hibbeligen Märkten noch mit 100 Euro pro Megawattstunde gehandelt. Allerdings ist das schon nur noch ein Drittel von dem, was kurzzeitig im August verlangt wurde. Und die jüngsten Abstürze könnten ein Signal dafür sein, wie schnell sich die Richtung bei den Preisen wieder ändern kann.

Noch scheint der Hype um die schlimmste Prognose zu laufen. Und noch sehen sich vor allem die bestätigt, die schon immer gegen die Notenbanken wetterten – und in den Niedrigzinsen der vergangenen Jahre den wahren Grund für die Inflation dieser Monate sehen. Das hieße, dass die Teuerungswelle auch ohne Gaspreisanstiege noch über Jahre weiterginge.

Ob das die treffende Deutung ist, ist nur alles andere als sicher. Die Inflation ist ja nicht zufällig genau zu dem Zeitpunkt so stark gestiegen, als Wladimir Putin  auf einen Krieg in der Ukraine  zuzusteuern – und die Abhängigkeit vom russischen Gas als Kriegsmittel auszunutzen begann. Wenn hier und in den Nachwirkungen der Coronapandemie auf etliche Lieferketten der entscheidende Treiber für unsere derzeitige Inflation liegt, hängt die Dauerhaftigkeit des Übels auch mehr von Gasangebot und Gasnachfrage, von Putin und Spekulationstrieben ab als von, sagen wir, der Rabiatheit, mit der die Zinsen steigen.

Und dann stehen die Chancen auf ein Ende der Extremteuerung womöglich besser, als es gängige Dauerinflations-Propheten derzeit noch behaupten.

Dafür spricht, dass die viel zitierten Lieferengpässe seit Monaten nachlassen und es Unternehmen wieder zunehmend einfacher fällt, ihre Vorprodukte zu beziehen – während Verbraucher zunehmend mit Kaufzurückhaltung auf hohe Preise reagieren; was es Firmen wiederum zunehmend schwer macht, die Preise noch weiter anzuheben. Laut Umfragen schränken zwei Drittel der Deutschen ihren Konsum bereits ein . Und: Der Eifer der Wirtschaft, Preise (weiter) anzuheben, hat seit den Hochs im Frühjahr wieder nachgelassen, wie Ifo-Umfragen ergeben.

Die Preisbremsen wirken

Wie es um die Lieferengpässe von allen möglichen Waren weltweit steht, ermittelt monatlich die New York Fed, ein regionaler Teil der US-Notenbank. Der entsprechende Index lag im September so niedrig wie seit zwei Jahren nicht. Dazu trägt jetzt auch die Rezession bei, die bei vielen Unternehmen in den USA wie in Europa die Preissetzungsspielräume ebenfalls wieder schwinden lässt.

Hinzu kommt: Die jüngsten Trends an den Rohstoffmärkten lassen auch eher Entspannung erwarten. Nicht nur Gas ist in den vergangenen Wochen wieder günstiger geworden. Ähnliches gilt für Rohöl, das zuletzt deutlich unter 100 statt bei zeitweise 130 US-Dollar je Barrel gehandelt wurde. Die Preise für Industrierohstoffe sind seit dem Hoch im Frühjahr um ein Drittel sogar regelrecht eingebrochen, wie die Experten des HWWI-Instituts berechneten. Für alle Rohstoffe zusammen ergibt sich im Schnitt seit Frühjahr ein Preisrückgang um 15 Prozent.

In Deutschland werden zudem Gas- und Strompreisbremsen – wenn auch erst spät – dazu beitragen, dass die zwischenzeitlich so stark erhöhten Preise von den Verbrauchern gar nicht ganz bezahlt werden müssen. Auf den Grundverbrauch sollen nach Vorschlag der Expertenkommission dann nur zwölf Cent je Kilowattstunde Gas fällig werden. Nimmt man beide Preisbremsen zusammen, könnte die Inflation nächstes Jahr um zwei bis drei Prozentpunkte niedriger ausfallen, als es ohne Deckelung der Fall gewesen wäre.

Nach Schätzungen von Holger Schmieding, Chefökonom der Berenberg Bank , dürfte die Inflation in den nächsten Wochen zwar tatsächlich erst einmal noch steigen – schon, weil viele Energieanbieter die höheren Kurse erst allmählich an die Kunden weitergeben. Der Höhepunkt dürfte aber Anfang des Jahres erreicht sein, so Schmieding. Und dann werde die Jahresrate schon deshalb rapide sinken, weil das Niveau der Preise im Vorjahr so stark gestiegen war – ein Basiseffekt. Ende 2023 könnte die Inflation im Euroraum von derzeit rund zehn auf nur noch 3,5 Prozent gefallen sein – 2024 dann auch wieder auf etwa zwei Prozent.

Ob das sicher so kommt? Natürlich ist derzeit nichts sicher. Das größte Risiko sei, so Schmieding, dass Putin die Lage eskalieren lasse – nicht nur politisch und militärisch, sondern dadurch auch auf den Energiemärkten. Wenn die Gaspreisexplosion eine der Hauptursachen der bisherigen Inflation war, würde eine neue Eskalation auch die nächste Inflationsverschlimmerung mit sich bringen.

Nur ist das Szenario weit weniger wahrscheinlich, als es die eskalierenden Inflationsprophezeiungen derzeit vermuten lassen. Da wird womöglich viel Angst ohne gute Begründung gemacht. Und dann wäre es gut, nicht nur mit dem Schlimmsten zu rechnen. Schon um die Inflation nicht unnötig zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden zu lassen.

Es spricht einiges dafür, dass die Inflation nach dem aktuellen Schock nicht wieder auf Jahre bei null liegen wird – schon weil klimapolitisch gewollt höhere CO₂-Preise oder die Knappheit von Fachkräften am Arbeitsmarkt für etwas höheren Druck sorgen. Nur wird das eher ein paar Zehntel mehr Inflation bringen, nicht gleich zehn oder mehr Prozent, wie in der jüngsten Zeit. Kein Grund zu Fatalismus.

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