Energiemarkt-Simulation 36 Kohlemeiler könnten auf einen Schlag vom Netz

Fast die Hälfte aller Braunkohlekraftwerke könnte sofort abgeschaltet werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Simulation zum deutschen Strommarkt im Auftrag von Greenpeace. Der Strompreis würde demnach nur leicht steigen.
Kühltürme eines Braunkohlekraftwerks: Dutzende Meiler überflüssig?

Kühltürme eines Braunkohlekraftwerks: Dutzende Meiler überflüssig?

Foto: Patrick Pleul/ picture alliance / dpa

Deutschland könnte drei Dutzend der ältesten Kohlekraftwerke sofort abschalten und damit 70 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Das geht aus einer Studie des Strombörsenspezialisten Energy Brainpool im Auftrag von Greenpeace hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Verbraucher müssten bei dieser Lösung allerdings draufzahlen.

Konkret hat das Institut simuliert, dass 36 alte, CO2-intensive Kohlekraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 15 Gigawatt ausgeschaltet werden. Das entspräche fast der Hälfte aller deutschen Braunkohlemeiler.

Strom wäre auch danach noch genug da, schreiben die Autoren. In Deutschland sind derzeit weit mehr Kraftwerke am Netz als nötig. Zusätzliche Energie könnte aus anderen europäischen Ländern importiert werden. So würde die deutsche Energiewende auch gleich den europäischen Energiebinnenmarkt vorantreiben, den die EU-Kommission anstrebt.

Ein Teil der eingemotteten Kraftwerke sollte in eine sogenannte strategische Reserve  wandern, schlägt Energy Brainpool vor. Das heißt: Sie würden die meiste Zeit keinen Strom verkaufen, nur bei Versorgungsengpässen würden einzelne wieder angeschaltet. Solche Noteinsätze seien aber nur sehr selten nötig, schreibt Energy Brainpool weiter. Selbst im Jahr 2023, wenn nach Willen der Regierung alle Atomkraftwerke abgeschaltet sein sollen, würde eine strategische Reserve von vier Gigawatt nur an sechs Stunden pro Jahr gebraucht.

Den Klimaschutz würde diese Lösung voranbringen. Die Verbraucher indes müssten draufzahlen. Der Strompreis würde mit der vorgeschlagenen Kohle-Notbremse um "lediglich" 0,6 Cent pro Kilowattstunde steigen, heißt es in der Studie.

"Das wird natürlich nicht allen Verbrauchern gefallen"

Fragt sich, ob den Deutschen der Klimaschutz das wert ist. Stromkunden dürften nicht begeistert sein, wenn zur Erneuerbaren-Energien-Umlage, Offshore-Wind-Umlage und den Netzentgelten nun noch ein weiterer Posten auf ihrer Stromrechnung hinzukäme.

Verbraucherschützer bewerten die Studie entsprechend zwiespältig. "Die 0,6 Cent klingen plausibel", sagt Udo Sieverding, Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW, der die Studie für SPIEGEL ONLINE begutachtet hat. Doch die Wertung "lediglich" teile er nicht. "Ein Haushalt mit einem Verbrauch von 4000 Kilowattstunden zahlt dann pro Jahr 24 Euro mehr." Zwar gebe es sicher viele zahlungsbereite Deutsche; einkommensschwachen Haushalten aber würde wegen der erneuten Strompreiserhöhung Geld für Kinderschuhe oder Mittagessen fehlen.

Die Bundesregierung will im Energiesektor mindestens 62 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen. Das ist nötig, damit sie ihr Klimaversprechen einhält: Bis zum Jahr 2020 will sie Deutschlands CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent senken.

SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte zunächst eine CO2-Strafsteuer für ältere Kohlekraftwerke erwogen. Doch sein Konzept war auf Widerstand gestoßen. Nun will der Minister nachbessern. Die Strategie, alte Meiler in einer strategischen Reserve zu parken, wird Insidern zufolge auch in der Bundesregierung wohlwollend geprüft.