Weltweiter Wandel der Stromerzeugung Das Ökozeitalter bricht an

Die Energiewende ist zum Milliardenmarkt geworden. Rund um den Globus laufen Projekte für eine grünere Strom- und Wärmeerzeugung. Doch ausgerechnet Deutschland droht ins Hintertreffen zu geraten.
Modell einer Windturbine am New Yorker East River: Weltweiter Wandel

Modell einer Windturbine am New Yorker East River: Weltweiter Wandel

Foto: Corbis

Die deutsche Energiewende wird oft als Paradebeispiel des dämmernden Ökozeitalters genannt. Dabei sind die deutschen Bemühungen alles andere als einzigartig. Auch in vielen anderen Ländern versuchen Regierungen wegen der Erderwärmung, der Kernschmelze von Fukushima, wegen regionaler Umweltverheerungen oder einfach wegen der Gewinnaussichten das fossil-nukleare Zeitalter zu überwinden. Viele Länder sind dabei ebenso erfolgreich wie die Deutschen. Manche deutlich erfolgreicher.

In der chinesischen Stadt Dezhou etwa sind schon jetzt so viele solarthermische Kraftwerke in Betrieb wie in der gesamten EU. In Vietnam haben 146.000 Biogas-Anlagen eine neue, nachhaltigere Landwirtschaft geschaffen. Und der US-Staat New York setzt derzeit alle Hebel in Bewegung, um bis 2025 die Hälfte seiner Energie aus erneuerbaren und dezentralen Quellen zu beziehen.

Der Ökostromanbieter Lichtblick und der Umweltschutzverband WWF haben die globale Energiewende genauer untersucht. Ihre Bestandsaufnahme zeigt, dass die Bundesrepublik in vielen Bereichen nicht mehr Vorreiter ist - schlimmstenfalls könnte Deutschland im globalen Wettbewerb um den Multi-Milliardenmarkt sogar ins Hintertreffen geraten, heißt es in ihrer Studie.

100 Energiewendeprojekte aus anderen Ländern haben Lichtblick und der WWF zusammengetragen. In den kommenden Wochen wollen sie diese veröffentlichen. SPIEGEL ONLINE stellt fünf Projekte und fünf besonders bemerkenswerte Trends der globalen Energiewende vorab vor.

Trend eins: 854 Gigawatt erneuerbare Energie

Zwischen 2000 und 2013 wurden weltweit Ökostromanlagen in Höhe von insgesamt 854 Gigawatt in Betrieb genommen. Das entspricht der Leistung von 854 mittleren Atomkraftwerken. Die Kapazität aller konventionellen Kraftwerke (Kohle-, Öl- und Gas), die im selben Zeitraum in Betrieb gingen, war etwa doppelt so groß. Doch die erneuerbaren Energien holten merklich auf.

Trend zwei: Mehr neue Ökostromanlagen als fossile Kraftwerke

Beim Neubau haben die erneuerbaren Energien im Jahr 2013 erstmals die konventionellen Kraftwerke überholt. Die Leistung der Ökostromanlagen, die in diesem Jahr ans Netz gingen, war größer als die aller Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke, die im selben Jahr in Betrieb genommen wurden.

Trend drei: Weltweiter Solarboom

Zwischen 2004 und 2014 hat sich die global installierte Leistung von Solaranlagen nahezu verfünfzigfacht - von 3,7 auf mehr als 180 Gigawatt. Die Hälfte des Zuwachses entstand, dank eines massiven Preisverfalls für Solarmodule, allein in den Jahren 2012 und 2013. Der Boom dürfte sich fortsetzen: Viele Wissenschaftler schätzen, dass Photovoltaikanlagen in wenigen Jahren die günstigste Form der Stromerzeugung sein dürften.

Trend vier: Windkraft überholt Atomkraft

Die global installierte Windenergieleistung hat zwischen 2004 und 2014 von 47 auf etwa 370 Gigawatt zugenommen und sich damit fast verachtfacht. Im ersten Halbjahr 2015 übertraf die Leistung aller weltweit installierten Windräder erstmals die aller kommerziellen Atomkraftwerke.

Trend fünf: Dreistellige Milliardeninvestitionen pro Jahr

Auch bei den Investitionen liegt der Ökostrom inzwischen deutlich vor den traditionellen Energietechnologien. Zwischen 2000 und 2012 flossen 57 Prozent der Neuinvestitionen in Anlagen zur Stromerzeugung in den erneuerbare-Energien-Sektor, 40 Prozent in fossile und drei Prozent in Atomkraftwerke. Allein 2014 wurden weltweit rund 270 Milliarden Dollar in erneuerbare Energien investiert.