Stefan Schultz

Energiewende Macht Strom billiger und Benzin dafür teurer!

Die Energiesektoren als Ganzes denken: Die SPD will mit dieser Idee des eigenen Wirtschaftsministeriums nichts zu tun haben. Dabei wäre es der überfällige Impuls für eine echte Energiewende.
Autos, Windrad: Energiesektoren zusammendenken

Autos, Windrad: Energiesektoren zusammendenken

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Kennen Sie den Film "Inception"? Es geht darin grob gesagt um eine möglichst clevere Strategie, anderen Menschen den eigenen Willen aufzuzwingen: Ein Gangster, gespielt von Leonardo DiCaprio, versucht mittels Drogen und futuristischer Traumtechnologie einen Gedanken so tief ins Unterbewusstsein eines Managers einzupflanzen, dass dieser am Ende denkt, es sei seine eigene Idee.

So etwas in der Art (wenn auch nicht so clever) hat offenbar gerade irgendjemand in der SPD versucht.

Am Donnerstag kursierte in einigen Tageszeitungen ein angebliches Positionspapier der Sozialdemokraten zum Thema Energiewende. In diesem finden sich auch Vorschläge für mögliche Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD. Ein Vorschlag erregte besonders viel Aufmerksamkeit: Die kommende Bundesregierung solle Strom schleunigst billiger machen, heißt es. Gegenfinanziert werden solle das ganze mit höheren Abgaben auf Heiz- und Kraftstoffe.

Das Dementi der SPD folgte prompt. Man habe mit dem Papier nichts zu tun, sagt ein Parteisprecher. Grundlage für die anstehenden Sondierungen sei das eigene Wahlprogramm - sonst nichts.

Tatsächlich wurde das Positionspapier ursprünglich von zwei Abteilungsleitern aus dem SPD-geführten Bundeswirtschaftsministerium verfasst und nur von dem zuständigen Staatssekretär Rainer Baake (Grüne) abgesegnet, nicht aber von Ministerin Brigitte Zypries (SPD). Wie das Expertenpapier zum angeblichen Positionspapier der Sozialdemokraten geworden ist, weiß angeblich niemand.

Bedauerlich ist indes, dass sich die SPD so schnell von dem Vorschlag distanziert. Denn inhaltlich ist er für die Zukunft der Energiewende genau das Richtige.

Energiewende ganzheitlich denken

Bislang ist die sogenannte Energiewende nämlich vor allem eine Stromwende gewesen: Während der Ausbau von Solar-, Wind- und Biogasanlagen im vergangenen Jahrzehnt zügig voranging, passierte in den anderen beiden, mindestens ebenso wichtigen Energiesektoren herzlich wenig.

Im Wärmebereich gibt es noch immer viel zu viele klimaschädliche Ölheizungen und viel zu wenige gut gedämmte Häuser. Und im Verkehrssektor müht sich die Regierung eher, die Folgen der Dieselaffäre für die deutsche Autoindustrie abzupuffern, statt die Elektromobilität ernsthaft voranzubringen.

Diese einseitige Energiepolitik hat unangenehme Folgen: Die Stromkosten für Unternehmen und Privatkunden gehen durch die Decke, während Verkehrs- und Wärmesektor zu viel Kohlendioxid ausstoßen. Die Regierung droht deshalb ihre Klimaziele für 2020 und 2030 zu verfehlen.

Ein vielversprechender Ausweg aus diesem Dilemma ist die sogenannte Sektorenkopplung . Hinter diesem Begriff verbirgt sich die Vernetzung von Strom-, Wärme- und Verkehrssektor, wobei alle drei Sektoren irgendwann vorwiegend aus Ökostrom gespeist werden könnten. Ein Beispiel dafür sind E-Autos anstelle von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren.

Billigerer Strom, dafür teurere Heiz- und Kraftstoffe: Ein Finanzausgleich zwischen den drei Energiesektoren wäre ein erster Schritt in eine solche Energiezukunft. Die Kosten für den Ausbau von Ökostromanlagen für die Verbraucher würden so erträglicher. Benzin- und Dieselautos würden hingegen unattraktiver, Wärmedämmung rechnete sich schneller. Und der Bundeshaushalt würde geschont.

Natürlich sollte man die drei Energiesektoren nur sehr behutsam koppeln. Sonst könnten rasch Zehntausende Arbeitsplätze oder die Versorgungssicherheit der Industrienation Deutschland auf dem Spiel stehen.

Grundsätzlich aber wäre es zu begrüßen, wenn die kommende Bundesregierung über genau dieses Thema spricht, statt wieder nur endlos über den Kohleausstieg zu streiten. Sie hätten dann nämlich die Chance, die Energiewende ganzheitlich zu gestalten.

Womit wir wieder bei Leonardo DiCaprio wären: Eine ganzheitliche Energiepolitik - das ist ein Gedanke, den man gar nicht tief genug ins Unterbewusstsein der zuständigen Politiker einpflanzen kann.