Power-to-Gas Die verschleppte Energierevolution

Wieder einmal: In Deutschland wird eine Zukunftstechnologie entwickelt - und dann überlässt man der Konkurrenz das Feld. Dabei könnte Wasserstoff aus Ökostrom helfen, Kohlekraftwerke überflüssig zu machen.

Uniper

Aus Pritzwalk berichtet


Head of Hydrogen, Herr des Wasserstoffs: Die Jobbeschreibung von René Schoof klingt futuristisch. Seit 2012 betreut der rotblonde Mittvierziger bei dem Energiekonzern Uniper das Geschäftsfeld, das keinen Ertrag bringt - obwohl es ein unverzichtbarer Baustein der Energiewende werden könnte.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 19/2019
Energiewende: Wie eine große Idee am deutschen Kleingeist scheitert

Die Energierevolution soll in Pritzwalk stattfinden, in einem kleinen, idyllischen Ort nahe dem Müritzsee. An einem sonnigen Vormittag läuft Schoof an silbrigen Kesseln vorbei, in denen unter Einsatz von Ökostrom Wasserstoff produziert wird. Bis zu 360 Kubikmeter schaffen die Kessel pro Stunde. Teils speisen sie den Wasserstoff direkt ins Gasnetz ein, teils verarbeiten sie ihn zu grünem Methan weiter.

Die sogenannte Power-to-Gas-Anlage war eine der ersten weltweit und ist dazu bis heute eine der größten ihrer Art. Eigentlich soll sie helfen, die sogenannte all electric world infrage zu stellen: die Vorstellung, dass die Energiewende nur gelingen kann, wenn irgendwann alles mit Strom läuft, auch sämtliche Heizungen und Autos. Leute wie Schoof wollen Wasserstoff als zweiten zentralen Energieträger im Energiesystem der Zukunft etablieren.

Fotostrecke

4  Bilder
Power-to-Gas: Die verschleppte Energierevolution

In der Region um Pritzwalk zeigt sich schon jetzt, wie dieses System einst funktionieren könnte. Rund um Unipers Testanlage boomen die erneuerbaren Energien: Wind-, Solar- und Biogasanlagen erzeugen bis zu viermal mehr Strom als Bürger und Firmen verbrauchen.

In anderen Teilen der Republik müssen die Anlagen oft abgeregelt werden, wenn zu viel Strom in den Netzen ist. Rund 1,4 Milliarden Euro an Entschädigungen haben die Betreiber von Ökostromanlagen dafür im vergangenen Jahr bekommen. Die Power-to-Gas-Anlage im Pritzwalk wirkt solch sinnloser Geldverschwendung entgegen: Sie nutzt einen Teil der überschüssigen Strommassen, und das auf vielfältige Weise.

Megaspeicher für grüne Stromwelt

Das grüne Erdgas, das Uniper in Pritzwalk produziert, ist gleich doppelt nützlich: Man kann es in Gaskesseln verheizen und so den CO2-Ausstoß des Wärmesektors drosseln. Und man kann es in Zeiten von Stromknappheit in Gaskraftwerken verfeuern. In Zukunft, wenn die Atom- und Kohlekraftwerke weitgehend abgeschaltet sind und erneuerbare Energien den Großteil des Strombedarfs decken, wird gerade Option zwei immer wichtiger.

Im Winter kommt es regelmäßig zu sogenannten Dunkelflauten, zu Zeiträumen, in denen kaum Solar- und Windenergie erzeugt wird und gleichzeitig der Strombedarf besonders hoch ist. Wenn einst alle Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet sind, dann müssten rund 35 Terawattstunden Energie in Speichern vorgehalten werden, um bei Dunkelflauten den Blackout zu vermeiden.

Power-to-Gas-Anlagen können einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Und sie haben im Vergleich zu Pump- und Batteriespeichern einen großen Vorteil: Sie sind mit dem rund 500.000 Kilometer langen deutschen Gasnetz verbunden, in dem sich schon jetzt insgesamt rund 350 Terawattstunden Energie speichern lassen - genug für zehn große Dunkelflauten.

Die Möglichkeiten von Power-to-Gas sind damit noch nicht ausgeschöpft. Uniper-Manager René Schoof erwägt, auf dem Gelände in Pritzwalk auch noch eine Wasserstofftankstelle hochzuziehen und vorbeifahrende Lkw zu betanken. Andere Testanlagen verkaufen Wasserstoff zudem an die Industrie. Er eignet sich nämlich auch bestens, um chemische Grundstoffe herzustellen.

Nachzügler Deutschland

Solche Lösungen, Power-to-X genannt, sind aus Sicht vieler Forscher die Voraussetzung dafür, dass die Bundesrepublik ihren CO2-Ausstoß um mehr als 80 Prozent senken kann. Im Sinne einer vorausschauenden Klimapolitik sei es wichtig, "bereits in naher Zukunft die entsprechenden Weichenstellungen vorzunehmen", schrieb der Londoner Branchendienst Frontier Economics vergangenen Dezember in einer Studie.

Allein: Solche Maßnahmen sind bislang kaum in Sicht.

"Es gibt kein tragfähiges Geschäftsmodell für Power-to-Gas", sagt Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, der die Technologie vor gut zehn Jahren mit entwickelt hat. "Das ist umso bedauerlicher, weil Länder wie Dänemark, die Niederlande oder Japan ihren Power-to-X-Sektor bereits konsequent ausbauen."

Im zuständigen Wirtschaftsministerium heißt es, die Technologie sei wegen ihres geringen Wirkungsgrads "wirtschaftlich noch nicht vertretbar". Tatsächlich geht derzeit bei der Produktion von grünem Gas im Schnitt gut die Hälfte der ursprünglich erzeugten Energie verloren. Doch die Effizienz der Anlagen steigt. EU-Forscher etwa haben kürzlich schon einen Wirkungsgrad von 75 Prozent erreicht - und sehen noch deutlich Luft nach oben.

Forscher Sterner findet es fahrlässig, die technologische Führerschaft bei Power-to-X aus der Hand zu geben. "Im Entwickeln innovativer Lösungen sind wir Deutschen stets Weltmeister", sagt er. "Aber dann überlassen wir es allzu oft anderen Nationen, Technologien reif für den Massenmarkt zu machen und damit Milliarden zu verdienen." Das sei bei der Solarenergie so gewesen, es drohe sich bei den Batteriespeichern zu wiederholen - und nun auch beim Power-to-X.

Auch die Anlage in Pritzwalk hat derzeit keine rosige Zukunft. Momentan würde es ihm schon reichen, sagt Energiemanager Schoof, wenn das Projekt "nicht irgendwann ungenutzt in der Landschaft steht".

insgesamt 399 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kaiser.friedrich 07.05.2019
1. Wasserstoff ist keine Lösung
Jeder, der schon mal im UHV-Labor mit Wasserstoff gearbeitet hat, weiss wie schwer dieser zu handhaben ist, da die Moleküle so klein sind, dass sie selbst durch Stahlwände durch diffundieren. Es hat einen Grund, warum sich trotz der langen Verfügbarkeit von Wasserstofffahrzeugen, die sich nie in der breiten Masse durchgesetzt haben. Mal davon abgesehen rechne ich sowieso nicht damit, dass der SPIEGEL meinen Kommentar freigibt, also koennte ich mir das hier auch sparen.
christoph_schlobies 07.05.2019
2. Wasserstoff aus AKW ist sehr viel sinnvoller
Wasserstoff aus AKW ist sehr viel sinnvoller,weil dann nämlich die teuren Anlagen rund um die Uhr laufen könnten.- Man sollte AKW nur zu diesem Zweck bauen-die kann man dann auch weit weg von Siedlungen errichten.Das wäre zwar unnötig,aber die deutschen Hysteriker stellen leider einen politischen Faktor dar. Es könnte Wasserstoff hergestellt werden -also auch O 2 -und andere Treibstoffe und Heizöle .Das wäre sinnvoll ..
carinesophie 07.05.2019
3. ohne Mathe-Abi / logischem Denken kommt nur Murks-Politik raus
Aktuell scheinen in der Smartphone-sozialisierten Jugend das logische Denken wie im Matheabitur fast völlig verschwunden zu sein. Ich mutmaße, daß auch zuvor schon nicht immer die Mathe-Versteher und wahren Intellektuellen in die Politik gewechselt sind, sondern eher die Mathe-Analphabeten - anders kann ich mir den E-Auto-Wahnsinn nicht erklären. Jeder 7.-Klässler mit etwas Verständnis für Physik weiß, daß es mit E-Autos nicht klappen kann.
klauswerner2 07.05.2019
4. Wieso ist die Effizienz eigentlich so wichtig?
Wieso ist die Effizienz eigentlich so wichtig? Das verstehe ich nicht - wenn man doch den Strom nimmt, den man sonst für teures Geld ans Ausland verkauft, odert wenn man den Strim nimmt, für den ansonsten Windparkbetreiber entschädigt werden, wenn sie die Anlagen bei zuviel Produktion herunterregeln, dann ist es doch völlig egal wie effizient die Anlagen sind - es wäre immer noch "billig". klauswerner
kritischer-spiegelleser 07.05.2019
5. verschleppte Energierevolution?
Ja, da gäbe es viele Möglichkeiten. Gäbe es da nicht die Kohlelobby und die Gas-Lobby und die Windkraft-Lobby usw. Und da ist es als Politiker eben schwer, sich zu entscheiden. Wasserstoff wäre eine Alternative um sinnvoll Windkraft-Strom zu speichern und auch als eigenständiger Energelieferant eine Alternative zum Windkraft-Strom. Aber Deutschland macht nun mal seine Energiepolitik sehr engstirnig und sehr teuer!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.