Enquete-Kommission Abgeordnete warnen vor grüner Wachstumsfalle

Mit Hightech wollen Firmen den Klimawandel bekämpfen. Doch Mitglieder einer Bundestagskommission warnen: Viele Verbesserungen verpuffen durch erhöhten Konsum. Die Bürger müssen ihr Verhalten grundlegend ändern - das erkennen selbst Vertreter der wachstumsfreundlichen Regierungsparteien an.

Stromtrassen: Der Energieverbrauch sinkt auch mit grüner Technologie nicht zwangsläufig
EC/Alain Schroeder

Stromtrassen: Der Energieverbrauch sinkt auch mit grüner Technologie nicht zwangsläufig

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Hamburg - Der Gedanke ist reizvoll: Den drohenden Klimawandel vermeiden wir einfach durch grünen Konsum - etwa indem wir unseren alten Spritschlucker gegen ein modernes Hybridfahrzeug umtauschen. Ganz nebenbei wird damit auch noch die derzeit so labile Wirtschaft angekurbelt.

Doch allein mit sparsamerer Technologie lässt sich der Kampf gegen Erderwärmung und Ressourcenverbrauch nicht gewinnen. Zu diesem Schluss kommt eine Projektgruppe der Bundestagskommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" in einem Bericht, der am kommenden Montag vorgestellt wird und SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt.

Die Autoren verweisen auf den sogenannten Rebound-Effekt: Dabei wird eine erreichte Einsparung durch erhöhten Konsum gleich wieder aufgefressen - etwa, indem Autofahrer nach dem Kauf eines sparsamen Wagens umso mehr fahren. Schließlich kostet das pro Kilometer jetzt weniger, und ein schlechtes Gewissen muss man auch nicht mehr haben.

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass solche "Rebound-Effekte viel relevanter sind als bisher in der Umweltdebatte angenommen". Teilweise ließen sich sogar sogenannte Backfire-Effekte beobachten: Am Ende werden mit der neuen Technologie mehr Ressourcen verbraucht als zuvor. Dann wächst zwar die Wirtschaft, der Umwelt aber ist wenig gedient. Wenn die Politik dieses Dilemma nicht erkenne, so der Bericht, "bleibt sie realitätsfremd".

Das Ergebnis der Arbeitsgruppe betrifft eine der umstrittenste Fragen in der Enquete-Kommission: Lässt sich das Wirtschaftswachstum vom Verbrauch von Ressourcen entkoppeln? Wachstumskritiker halten eine solche Entkopplung für schwierig - mit ihrer Anerkennung des Rebound-Effekts geben die Abgeordneten ihnen grundsätzlich Recht. Spannend ist das vor allem deshalb, weil der Bericht von Abgeordneten aller Fraktionen erarbeitet wurde - auch der wachstumsfreundlichen Union und FDP.

Die Ölkrise als Vorbild

Welche Konsequenzen die Politik aus dieser Erkenntnis ziehen sollte, lässt die Arbeitsgruppe aber noch offen. Ein Kapitel mit Handlungsempfehlungen will sie im November nachreichen, der Abschlussbericht der gesamten Kommission erscheint erst im kommenden Jahr. Eine Einigung in allen Fragen ist unwahrscheinlich, da Teile der Kommission schon jetzt als zerstritten gelten - vor allem eine Gruppe, die über den grundsätzlichen Stellenwert von Wachstum debattiert.

Umso beachtlicher ist, dass die Projektgruppe zur Entkopplung durchaus Gemeinsamkeiten und konkrete Vorschläge gefunden hat. So haben die Mitglieder zwar unterschiedliche Ansichten zur Frage, wann die globalen Ölvorräte zur Neige gehen dürften. Letztlich sei das aber egal, sagt Kommissionsmitglied Judith Skudelny (FDP). Entscheidend sei die Erkenntnis, dass man nicht bis zum letzten Öltropfen abwarten dürfe, um Alternativen zur klimaschädlichen Verfeuerung fossiler Rohstoffe zu finden.

Was aber kann die Lösung sein, wenn technologische Verbesserungen alleine nicht ausreichen? Im Bericht heißt es, notwendig sei eine "Kultur- und Einstellungsveränderung, die in soziale Sicherheit einbettet ist". Dass solche Verhaltensänderungen möglich seien, zeige etwa die Ölkrise in den siebziger Jahren. Auf diese habe der Westen nicht nur mit einer verstärkten Erdölförderung außerhalb der Opec-Staaten reagiert, sondern auch mit größerer Sparsamkeit und einer verstärkten Nutzung von Erdgas.

Allerdings warnt der Bericht auch vor den möglichen sozialen Folgen eines solchen Umsteuerns. Ärmere Bürger könnten zu den Leidtragenden von verstärktem Klima- und Umweltschutz zu werden. Auch die deutsche Energiewende drohe niedrige Einkommensgruppen besonders zu belasten - ein Argument, mit dem Teile der Bundesregierung das Projekt erst kürzlich in Frage gestellt haben.

In der Pflicht sehen die Experten dagegen die Wirtschaft. Die habe in der Vergangenheit vor allem am Personal gespart, während die Materialkosten deutlich gestiegen seien. Künftig sollten Unternehmen deshalb vor allem hier auf Effizienz setzen - etwa, indem bei der Herstellung eines Produktes weniger Material übrig bleibt.

Geld fürs Stillhalten?

Selbst wenn Deutschland die Energiewende gelingt, bleibt aber die Frage, wie andere Staaten und besonders die Bürger in den rasant wachsenden Schwellenländern zu einer Verhaltensänderung gebracht werden können. Schließlich ist Wachstum hier häufig noch gleichbedeutend mit einem Ausweg aus der Armut.

In dieser Frage bringt der Bericht eine Möglichkeit ins Spiel, die für Diskussionen sorgen dürfte: Finanzhilfen für ärmere Länder, die auf klimafeindliche Technologien wie Kohleförderung verzichten. "Wie sollen diese Länder anders dafür gewonnen werden als durch Transferzahlungen aus den reichen Staaten?", heißt es im Bericht.

Doch die Form solcher Hilfen ist in der Bundesregierung umstritten. So verweigert Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) die deutsche Beteiligung an einem Treuhandfonds unter Aufsicht der Uno in Ecuador. Im Gegenzug für Millionenzahlungen aus dem Ausland will die ecuadorianische Regierung darauf verzichten, im Nationalpark Yasuní nach Öl zu bohren. Niebel aber sagt: "Ich zahle doch nicht, damit ein anderes Land etwas unterlässt." Auch in der Arbeitsgruppe würden solche Konzepte kritisch gesehen, sagt ein Koalitionsvertreter. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir das am Ende empfehlen."

Hermann Ott glaubt dagegen, dass Transferzahlungen bald zum Thema werden. Der Grüne leitet die Arbeitsgruppe, ihre bisherigen Ergebnisse nennt er "hervorragend". Wegen der Schuldenkrise stehe zwar vorerst die Solidarität innerhalb Europas im Mittelpunkt, sagt Ott. "Aber spätestens in einigen Jahren müssen wir sehen, ob die globale Solidarität trägt."



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marthaimschnee 20.09.2012
1.
Zitat von sysopEC/Alain SchroederMit High-Tech wollen Firmen den Klimawandel bekämpfen. Doch Mitglieder einer Bundestagskommission warnen: Viele Verbesserungen verpuffen durch erhöhten Konsum. Die Bürger müssen ihr Verhalten grundlegend ändern - das erkennen selbst Vertreter der wachstumsfreundlichen Regierungsparteien an. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,856982,00.html
Na dann: Lohndumping, HartzIV und Altersarmut für alle!
hanfiey 20.09.2012
2. Viele Verbesserungen verpuffen durch erhöhten Konsum
Und das von einer Industrie die durch Wachstum lebt?. Völlig lächerlich und auch unglaubwürdig. Solche Leute würden auch verlangen das wir weniger werden um nicht zu viel Energie zu verbrauchen. Wo sitzen denn die Verschwender, richtig die Autos machen gleich nach der Stahl und Alu-Produktion den Hauptteil aus wenn nicht gar den Hauptanteil. Werden die Autos sparsamer,ja ein wenig aber die vielen KW machen das wieder zunichte, ebenso die vielen Spielereien welche das Gewicht unnötig erhöhen. Wenn DE die Energie-wende packt ist es mir doch egal was das Ausland macht. Wenn dann das ÖL alle ist haben wir einen Technikvorsprung um den sich alle reißen werden.
wuxu 20.09.2012
3. sparen? wozu?
Warum sparen nicht erst einmal die reichen Profiteure der Ökowirtschaft. Wenn die es tun, bin ich eventuell auch dazu bereit - aber nur dann.
gedankensucher 20.09.2012
4. Auch kleine Schritte führen weiter
Sicher weist der Artikel auf ein tatsächliches Problem hin. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es wirklich so gravierend ist. Wenn ich mir ein spritsparendes Auto kaufe, dann fahre ich nicht zum Ausgleich zum Spaß in der Gegend herum, dafür sorgt auch schon der steigende Benzinpreis. Und wenn ich meine 100W-Glühbirne durch eine 8Watt-Led-Birne ersetze, lasse ich das Licht auch nicht 10x länger brennen. Wir wollen unsere Lebensstandards halten - und das geht durchaus, Schritt für Schritt, mit weniger Energie. Packen wir's an!
Analogkäse 20.09.2012
5. Der Königsweg
wäre Minuswachstum oder zumindest das Wachstum einfrieren: weniger produzieren, weniger konsumieren, weniger Ressourcenverbrauch und Abfälle ...Doch dann würde in kürzester Zeit das System zusammenbrechen. Andererseits sitzen wir in einem Auto, was schon mit hoher Geschwindigkeit durch die Gegend düst und laufend ein paar Kmh drauflegt. Die Geschwindigkeit ist bald überhaupt nicht mehr zu händeln... Es scheint, als haben wir lediglich die Wahl zwischen Pest und Cholera!
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