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14. April 2019, 18:59 Uhr

Wettbewerb und Wohlstand

Hatte Marx doch recht?

Eine Kolumne von

Linke Ideen, auch der radikaleren Sorte, sind in vielen westlichen Ländern wieder populär - bis hin zur Verstaatlichung von Teilen der Wirtschaft. Es gibt bessere Antworten auf aktuelle Probleme.

Irgendwann sei Schluss. Die Großunternehmen würden immer größer und immer mächtiger. Unerträglich! Mit der Zeit würden die Widerstände gegen das herrschende System so stark, dass es kollabieren müsste.

So beschrieb Karl Marx das Endspiel um die bürgerliche Gesellschaftsordnung. Es komme zu einer immer stärkeren "Koncentration der Kapitalien. (…) Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten (...) wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung", so heißt es im ersten Band von "Das Kapital", erschienen 1867.

Am Ende kommt, was kommen muss - die Revolution.

Der gesellschaftliche Kollaps sei die quasi notwendige Folge eines Prozesses, der zur immer weitergehenden "Koncentration der Produktionsmittel" führe. Wenige Firmen würden sehr groß und mächtig, alle anderen hätten keine Chance. Oder, wie Marx drastisch formulierte: "Je ein Kapitalist schlägt viele todt."

152 Jahre später erleben wir einen fernen Nachhall dieser Gedanken. Linke Ideen, auch der radikaleren Sorte, sind wieder populär. In den USA ist der Begriff "Sozialist" nicht mehr verfemt. In Großbritannien und Frankreich gibt es große linke Bewegungen - Labour unter Jeremy Corbyn und La France insoumise unter Jean-Luc Mélenchon -, die massive staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft wünschen. Sogar in Deutschland wird nun über die Verstaatlichung von Wohnraum gestritten.

Monopole und andere Kalamitäten

Auch den Wirtschaftswissenschaften ist die Konzentration von Macht und Wohlstand wieder Analysen wert. Vor einigen Jahren legte der französische Ökonom Thomas Piketty sein Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" vor, ein Werk, das sich explizit auf Marx bezog und durch eine Fülle an langen historischen Datenreihen beeindruckte. Kurz darauf stellte der US-Ökonom Joseph Stiglitz, ehemals Chefvolkswirt der Weltbank, fest, dass Teile der Wirtschaft "Ausbeutungsrenten" ("exploitation rents") kassierten, weil sie ihre "Monopolmacht" ausspielen könnten.

Nun hat der Internationale Währungsfonds (IWF) die Ergebnisse einer groß angelegten Untersuchung vorgelegt, pünktlich zur Frühjahrstagung der Weltfinanz in Washington in der abgelaufenen Woche. Die Botschaft: Seit dem Jahr 2000 hat die "Marktmacht" einiger Unternehmen spürbar zugenommen. Und dieser Effekt drohe sich in Zukunft zu verstärken.

Hatte Marx etwa doch recht? Und wenn ja, was kann man tun?

Die Macht und die Preisfrage

Die IWF-Studie basiert auf Daten von rund einer Million Unternehmen aus 27 Ländern, darunter viele EU-Staaten und die USA. Sie umfasst die Jahre 2000 bis 2015. Weil Marktmacht nicht sonderlich gut messbar ist, nehmen die Ökonomen Preisaufschläge ("markups") in den Fokus: Unternehmen mit Marktmacht können Preise verlangen, die deutlich über den (Grenz-)Kosten der Produktion liegen - und entsprechend höhere Gewinne einfahren. Sie verfügen also über irgendwelche Alleinstellungsmerkmale, die Wettbewerber auf Distanz halten. Firmen in schwächerer Marktposition müssten hingegen bei überhöhten Preisen befürchten, dass die Kunden in Scharen zur Konkurrenz abwandern.

Ein Ergebnis der Studie lautet: Die Gewinnaufschläge sind insgesamt gestiegen, wenn auch bislang moderat. Und sie konzentrieren sich auf eine relativ kleine Zahl von Unternehmen und Branchen. Firmen mit gestiegener Preissetzungsmacht sind tendenziell groß, überdurchschnittlich produktiv und in Besitz von "immateriellen Wirtschaftsgütern" (geistiges Eigentum, Design, Image und dergleichen). Zwei Drittel der höheren Preisaufschläge gehen auf Firmen zurück, die bereits eine starke Marktposition haben, nicht auf innovative Newcomer.

The Winner takes - most

In einer Marktwirtschaft sollten erhöhte Gewinne zusätzliche Anbieter anlocken, wodurch das Angebot größer wird, die Preise, und mithin die Gewinne, wieder sinken. Dieser Effekt führt dazu, dass die Früchte des Wirtschaftens sich in der Gesellschaft insgesamt verbreiten - der Wettbewerb sorgt für eine Diffusion von Innovation und Wohlstand.

Wenn jedoch Wettbewerber kaum Chancen haben, wird die Sache schwierig. Ein extremes Beispiel für solche Zutrittsbeschränkungen sind die Datenmultis (Google, Facebook, Amazon und andere), die von einer ganzen Reihe von Größenvorteilen profitieren. Je mehr Nutzer sie haben, desto wertvoller werden ihr Netzwerk, ihr Datenbestand, ihre Algorithmen und folglich auch die Services, die sie anbieten können.

Ein solcher Effekt ist nicht zwangsläufig gesellschaftlich nachteilig. Es ist möglich, dass die Fastmonopolisten in sogenannten Winner-take-most-Märkten gegenüber potenziellen kleineren Wettbewerbern so große Vorteile haben, dass tatsächlich die Allgemeinheit profitiert - in dem Sinne, dass vergleichbare Services ohne die Existenz der Datenkraken schlicht nicht angeboten würden - und wenn, dann nur zu erheblich höheren Kosten und Preisen.

Aber es sind nicht nur solche Größenvorteile, die den Wettbewerbsdruck dämpfen, auch staatliche Regulierungen spielen eine Rolle. So entdeckten die IWF-Forscher auch in der Finanzbranche und bei Versorgern erhöhte Preisaufschläge, ebenso in hochproduktiven Dienstleistungsbranchen - von Architekten bis Wirtschaftsprüfern -, die besonders geschützt sind, häufig als Folge effektiver Lobbyarbeit.

"Die Hülle wird gesprengt"

Nicht betroffen von den gestiegenen Preisaufschlägen ist übrigens der IWF-Studie zufolge die Industrie. Auch wenn die Konzentration im produzierenden Gewerbe zugenommen hat und auf vielen Märkten weltweit nur noch wenige Anbieter präsent sind - siehe die Autobauer -, so ist der Wettbewerb doch zumeist hart und heftig.

Insgesamt jedoch hat die gemessene zunehmende Marktmacht negative volkswirtschaftliche Auswirkungen. Wenn sich die Wirtschaft auf wenige mächtige Unternehmen konzentriere, hätten diese weniger Anreize zu investieren und zu innovieren, so die IWF-Studie. Die Verteilung der Einkommen werde ungleicher; Wachstum und Wohlstand blieben zurück. Wie gesagt, bislang seien diese Effekte nur moderat sichtbar. Aber sie könnten sich in der Zukunft zu einem massiven Problem ausweiten.

Wenn der Fortschritt nicht in die weitere Gesellschaft diffundieren kann, dann läuft etwas grundsätzlich falsch im Kapitalismus. Wie ziselierte Marx? "Die Koncentration der Produktionsmittel" erreiche irgendwann einen Punkt, da sie "unverträglich" werde mit "ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigenthums schlägt". Und weiter: "Die Expropriateurs werden expropriirt." Beutet die Ausbeuter aus!

Hört die Signale!

Bekanntlich fand die von Marx vorhergesagte Revolution nicht statt. In England, Frankreich oder den Niederlanden, den damals am höchsten entwickelten Ländern, blieb der große Umsturz aus. Lediglich in Agrarstaaten mit Entwicklungsrückstand konnten sich später Lenin, Mao und Co. durchsetzen. In Industriestaaten (Tschechoslowakei, Ostdeutschland) gelang dem Sozialismus nur mit sowjetischer Waffengewalt der Sieg.

Westliche Länder hingegen waren in der Lage, sich graduell zu reformieren - durch neue Institutionen, Regeln, Gesetze. Die zentralen Instrumente dabei sind offene Grenzen, die den Wettbewerbsdruck erhöhen, und die Wettbewerbskontrolle, in der EU ausgeübt durch die zuständigen Kommissarinnen Cecilia Malmström und Margrethe Vestager. Firmenzusammenschlüsse verbieten, das Ausnutzen marktbeherrschender Stellungen ahnden - kaum vorstellbar zu Marx' Zeiten.

Worum es jetzt gehen sollte, ist ein Update des Instrumentariums. Die neuen datengestützten Quasimonopole erfordern neue Regeln. Muss man ihnen zum Beispiel verbieten, kleinere Unternehmen aufzukaufen, die zu schlagkräftigen Wettbewerbern heranwachsen könnten? Und wenn ja, wie beurteilt man das? Oder: Kann, soll, muss man die Digitalriesen dazu verpflichten, ihre Datenbasis allgemein zugänglich zu machen, sodass auch andere sie nutzen können? Gibt es Hürden, beispielsweise im Bildungs- und Forschungssystem, die die Diffusion von Innovationen und damit die Intensivierung des Wettbewerbs behindern? Sollte man gar große Datenbestände - die unentgeltlich erworbene Produktionsbasis - besteuern, wie es in den USA einige fordern?

Klar ist, was falsch wäre: alte Großunternehmen schützen (siehe die industriepolitischen Vorstellungen von Wirtschaftsminister Peter Altmaier) oder gar Produktionsmittel verstaatlichen. Solche rein defensiven Strategien würden die Probleme nicht lösen, sondern verschlimmern. Es sollte darum gehen, die Dynamik zu erhalten und möglichst viele daran teilhaben zu lassen - nicht darum, die Dynamik zu bremsen.

Ich vermute, Karl Marx, der Ökonom, würde das heute ähnlich sehen. Bei Marx, dem Revolutionstheoretiker, bin ich mir nicht so sicher.

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