Entwicklungshilfe US-Ökonom empfiehlt Deutschland als Kolonialmacht

Der Plan ist revolutionär: Der US-Ökonom Paul Romer will in der Dritten Welt ganze Städte neu gründen - die Verwaltung sollen ausländische Demokratien wie Deutschland übernehmen. Als Vorbild dient dem Wissenschaftler der Wirtschaftsboom in Hongkong. Kritiker warnen vor Kolonialismus.
Von Laura Himmelreich
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Charter Cities: Metropolen der Zukunft?

Foto: Anne Knudsen

Hamburg - Vor zwölf Jahren wählte das Magazin "Time" den US-Ökonom Paul Romer zu einem der 25 einflussreichsten Menschen der USA. Mehrfach war er für den Wirtschaftsnobelpreis im Gespräch. Jetzt hat er ein neues Projekt. Um den Nobelpreis geht es ihm nicht, er plant Größeres.

Romer will die Übervölkerung der Erde verhindern, die Armut in Entwicklungsländern bekämpfen und für Millionen Menschen eine bessere Heimat schaffen. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich erfolgreich sein werde, aber das Potential ist so groß, dass ich an nichts lieber arbeiten möchte", sagt er. Seine Studenten an der Elite-Universität Stanford müssen zurzeit ohne ihn auskommen.

Romers Vision heißt "Charter Cities"  . Das Konzept ist so einfach wie radikal. Er möchte in der Dritten Welt neue Städte schaffen, Zufluchtsorte und Lebensräume für Millionen Menschen, die derzeit in Armut leben. In den Entwicklungsländern sollen so Metropolen aus dem Boden gestampft werden - Inseln des Aufschwungs. Alles, was es dazu braucht, sind ein Stück unbewohntes Land und funktionierende Gesetze.

Der Plan geht so: Ein Entwicklungs- oder Schwellenland stellt eine unbesiedelte Fläche zur Verfügung. Einer oder mehrere Industriestaaten entwerfen den Gründungsvertrag, die Charta für die zu bauende Stadt. Die armen Länder liefern das Land, die reichen die Gesetze. Romers Theorie: Wenn die rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen, kommt der Aufschwung von selbst.

Guantanamo soll zur Wirtschaftsmetropole werden

"Die größte Hürde für Investitionen ist bisher das politische Risiko", sagt Romer. Er erzählt in seinen Präsentationen, dass es in vielen Entwicklungsstaaten deshalb kein funktionierendes Stromnetz gebe, weil Großkonzerne die Investition scheuten. Sie müssten langfristig planen, doch sie fürchteten korrupte Beamte und mangelnde Rechtssicherheit. In einer Charter City, sagt er, bestünden diese Gefahren nicht.

Die künstliche Stadt soll mit der Kombination aus Industriestaaten-Recht und Entwicklungsland-Kosten locken. Großkonzerne und Privatinvestoren sollen kommen, weil sie hohe Renditen erwarten, Arbeiter, weil sie auf einen Job hoffen. Unternehmer, weil sie die Freiheit und die Kreativität einer Metropole im Aufbruch reizt. Menschen, Waren und Geld strömen auf das leere Stück Land.

Die ersten Charter Citys sollen an der Küste liegen, um direkten Handel mit dem Rest der Welt treiben zu können. Romer schlägt Guantanamo Bay auf Kuba vor. Dort, wo die USA derzeit ihr umstrittenes Gefangenenlager für Terrorverdächtigte betreiben, sollen zehn Millionen Menschen wohnen und arbeiten. Die USA müssten das Territorium dafür abgeben, zum Beispiel an Kanada oder einen Staatenverbund. Die Industrieländer stellen die Verwaltung der Sonderzone: die Polizei, die Gerichte und die Grenzkontrollen.

Deutschland könnte die Kontrolle übernehmen

Auch Deutschland könnte die Garantiemacht einer Charter City werden. "Wäre ich Bürger eines Entwicklungslandes, würde ich versuchen, Deutschland als Partner zu gewinnen", sagt Romer. Deutschland habe schon bei der Einführung des Euro gezeigt, wie man internationale Institutionen auf freiwilliger Basis etabliert. Außerdem sei Deutschland weniger durch eine koloniale Vergangenheit belastet als andere europäische Staaten.

Das Vorbild für die Charter City ist Hongkong: Bis 1997 war die Stadt eine britische Kronkolonie. Unter britischer Herrschaft entwickelte sie sich zu einem der bedeutendsten Handelshäfen der Welt. Die Briten sicherten den Sonderstatus, während China die Stadt und ihre Umgebung als Spielwiese für die Marktwirtschaft entdeckte. Nahe der Stadtgrenze errichtete die chinesische Führung die Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Motto: ein Land, zwei Systeme.

"Das ist sozial-technokratischer Planungswahn"

Seit den siebziger Jahren verlagerten Hongkonger Unternehmen ihre Produktion auch außerhalb der Stadtgrenzen. Gleichzeitig strömten Wanderarbeiter in die Region. Die Stadt wurde zum wirtschaftlichen Motor für das gesamte Land. Als Hongkong wieder unter die Obhut Chinas kam, war die Stadt schon mit dem Land verflochten. "Hongkong war vermutlich das erfolgreichste Entwicklungsprogramm in der Geschichte der Menschheit", sagt Romer. So wie Hongkongs Wohlstand auf China abstrahlte, sollen die Charter Citys ihrem Gastland helfen.

Romers Vorschlag ist radikal, weil er nicht auf Hilfszahlungen setzt, sondern auf unverblümte paternalistische Bevormundung. Und das ist auch die größte Kritik an dem Konzept.

"Das sieht sehr nach einer Art Entwicklungsdiktatur aus, nach sozial-technokratischem Planungswahn", sagt Steffen Angenendt, Migrationsexperte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Das Konzept ähnelt Ideen, die schon vor 30 Jahren zu Recht in den Papierkorb gewandert sind."

Romer weist den Vorwurf des Neo-Kolonialismus zurück: Zum einen geben die armen Länder ihre Flächen freiwillig in die Hand der Industriestaaten. Zum anderen würde ja niemand gezwungen, in die Stadt zu ziehen.

Deswegen lehnt er auch ab, Haiti nach dem verheerenden Erdbeben zum Pilot-Projekt für eine Charter City zu machen . "Unter den aktuellen Umständen würde der Versuch auf Haiti eine Stadt unter ausländischer Kontrolle zu errichten, die humanitäre Militär-Intervention in eine militärische Besetzung verwandeln." Dies müsse unter allen Umständen vermieden werden, sagt er.

"Der Plan ist zutiefst undemokratisch"

Und dennoch: Politisch lässt das Konzept viele Fragen offen. Denn Romer plant keine demokratischen Wahlen. Die Politiker des Industrielandes geben die Regeln für die Stadt zwar vor, aber gewählt werden sie nur in ihrem Heimatland. Für die Bürger des Entwicklungslands bleibt lediglich die Möglichkeit: mit den Füßen abzustimmen - also auszuwandern oder gar nicht erst zu kommen.

Die Charta ist für Romer ein Experimentierfeld. Die Gesetze sind geglückt, wenn Investoren, Bürger und Arbeitgeber unter den Bedingungen leben und arbeiten wollen. "Ich habe einige Jahre in Kanada gelebt und war froh, an einem Ort zu wohnen, wo ich mich auf ein funktionierendes demokratisches System verlassen konnte", sagt Romer. "Dass ich selbst nicht wählen konnte, war mir egal." Steffen Angenendt widerspricht: "Der Plan ist zutiefst undemokratisch."

Für die meisten Wissenschaftler sei die Idee reine "Science Fiction", sagt Angenendt. "Die Investitionen, die für eine solche Stadt nötig wären, übersteigen jedes Vorstellungsvermögen, die Erwartungen sind äußerst unrealistisch." Ein einziges Konzept, das alle Probleme der Entwicklungshilfe auf einmal löst, existiere eben nicht.

Schätzungen zufolge werden in den kommenden Jahrzehnten drei Milliarden Menschen weltweit vom Land abwandern und in Städte ziehen. Sie hoffen auf ein besseres Leben - doch die meisten werden in Slums enden. Paul Romer sagt, er wolle mit Politikern und Wissenschaftlern weiter seine Idee diskutieren, um das zu verhindern. Zehn Leute arbeiten bereits in seinem Team.

Sie kämpfen für eine Utopie, aber sie wollen kämpfen.

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