Krim-Krise Deutschlands Alternativen zu Russlands Gas

In der Krim-Krise verhängt die EU bislang keine harten Sanktionen, auch weil Deutschland extrem abhängig ist von russischem Gas. Dabei gibt es durchaus Alternativen für die Versorgung.
Alternativen für Deutschlands Gasversorgung

Alternativen für Deutschlands Gasversorgung

Foto: SPIEGEL ONLINE

Hamburg - Die EU-Mitgliedstaaten sind sich einig: Die russische Regierung muss für ihre militärische Intervention auf der Halbinsel Krim bestraft werden. An diesem Donnerstag tagt der EU-Gipfel, um darüber zu beraten - doch harte Maßnahmen wird es vermutlich nicht geben. Dabei spielt auch die diffuse Angst eine Rolle, dass Russland seinerseits Öl- und Gaslieferungen in die Ukraine stoppen könnte - oder gar nach Westeuropa.

Aber ist diese Angst begründet? Tatsächlich ist die EU durch ihre hohe Abhängigkeit von russischem Gas erpressbar, zumindest theoretisch. Das ist besonders in der Bundesrepublik ein Problem. Rund 40 Prozent des deutschen Gasverbrauchs werden von Russland gedeckt, mehr als die Hälfte davon fließt via Pipelines durch die Ukraine (siehe Grafik).

"Deutschland ist zu abhängig von russischem Gas", sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das Problem habe sich durch den Bau der Nord-Stream-Pipeline im Jahre 2011 zuletzt sogar noch verschärft. Die Nord-Stream-Gasleitung verbindet Deutschland direkt mit Russland, die Leitungen sind für die nächsten 50 Jahre an den russischen Energiekonzern Gazprom vermietet.

Seit Jahren fordert Kemfert, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern - mit bescheidenem Erfolg. Erst im Sommer 2013 ist das Projekt Nabucco gescheitert - die Pipeline sollte Erdgas aus Aserbaidschan nach Europa bringen. Inzwischen startet die EU einen neuen Versuch. Im Juli 2013 ging die Trans-Adriatic-Pipeline des BP-Konzerns in Planung. Ziel ist der Transport von Erdgas aus dem kaspischen Raum über Griechenland und Italien nach Europa.

Aber reicht das, um unabhängig von Russland zu werden? "Nein, denn die Erdgasförderung in den anderen Gasregionen geht zurück", sagt Steffen Bukold, Leiter des Beratungsbüros EnergyComment . In den Niederlanden, Großbritannien und Norwegen würden sich die Gasvorkommen erschöpfen: "In Norwegen wird die Gasproduktion zwar nicht schlagartig einbrechen, aber in absehbarer Zeit stagnieren und dann schrumpfen", sagt Bukold.

Eine echte Alternative zu russischem Gas sind solche Lieferungen auf lange Sicht also nicht. Es sei denn, die Gasimporte der USA gehen weiter zurück, dann werden Kapazitäten auf dem Weltmarkt frei. Die Vereinigten Staaten werden nämlich dank ihrer - wenn auch umstrittenen Fördermethode Fracking  - zunehmend unabhängig vom Ausland. Für Gasimporteure in Europa ist das eine gute Nachricht.

Der traditionell stark regionalisierte Gas-Handel wird durch neue Transporttechniken allmählich zum Weltmarkt. Kemferts Hoffnung liegt auf dem sogenannten Liquid Natural Gas - kurz LNG. Dabei wird der Rohstoff auf minus 164 Grad abgekühlt und lässt sich stark komprimiert transportieren. Gas könnte so bald per Tankschiff aus Katar, Algerien oder anderen Ländern nach Deutschland kommen. Das Problem: Noch existieren in Deutschland keine Terminals, die solche Flüssiggas-Lieferungen annehmen können. In den vergangen Jahren war geplant, eine solche Anlage in Wilhelmshaven zu bauen, doch 2011 wurde stattdessen die russische Nord-Stream-Pipeline gebaut. "Das war ein Fehler. Man hätte längst in Deutschland stärker auf Flüssiggas setzen können", sagt Kemfert.

Immerhin: In andere EU-Länder kann LNG bereits geliefert werden. In Belgien und in den Niederlanden gibt es Terminals, die Flüssiggas umwandeln und weiterleiten können. Auch in Spanien und in Frankreich gibt es bereits große Aufnahmekapazitäten und sie werden ausgebaut.

Für die Versorgung wäre das theoretisch eine Alternative - praktisch gibt es aber noch Hindernisse. Experten streiten sich, ob eine stärkere Versorgung durch LNG für die deutsche Wirtschaft zu teuer werden würde. "Flüssiggas schwankt stark im Preis. Die Risiken sind daher relativ hoch, und die Kapazität der Transportinfrastruktur ist begrenzt", sagt Bukold.

Eine weitere Alternative, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu mindern, ist die einfachste: Deutschland könnte den eigenen Gasverbrauch zurückfahren und auf heimische Energieträger zurückgreifen. Alternativen zu Gas sind die - allerdings klimaschädliche - Kohleenergie, erneuerbare Energien und eine höhere Energieeffizienz.

Es gibt also durchaus Alternativen zum russischen Gas - die vor allem in Kombination die Abhängigkeit signifikant senken könnten. Es mangelt also nicht an Möglichkeiten, sondern vor allem am politischen Willen. Aber dabei darf nicht vergessen werden: Keine Alternative greift kurzfristig.

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