Energieanalyst Carlos Pascual "Wir erleben eine Ära des Überflusses"

Die Knappheit am globalen Ölmarkt ist vorerst vorbei, sagt Carlos Pascual, Ex-Energiechef im US-Außenministerium. Seine Prognose: Auch wenn der Ölpreis zuletzt ein wenig gestiegen ist - er bleibt noch bis Sommer 2016 niedrig.
Erdölförderung in North Dakota: Schwache Nachfrage, starkes Angebot

Erdölförderung in North Dakota: Schwache Nachfrage, starkes Angebot

Foto: Andrew Burton/ Getty Images

München - Für Autofahrer ist es eine schlechte Nachricht, für die Organisation erdölexportierender Länder, kurz Opec, ein Hoffnungsschimmer. Die Ölpreise haben nach monatelanger Talfahrt zuletzt wieder ein wenig zugelegt. Am Dienstagmorgen stieg der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent auf etwa 62 Dollar, der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) auf gut 53 Dollar.

Nach Einschätzung des Ölministers des Opec-Landes Katar, Mohammed Al-Sada, gibt es Hinweise auf eine Trendwende am Ölmarkt. Der Ölminister von Kuwait, Ali Al-Omair, sagte, dass das Angebot an Rohöl auf dem Weltmarkt geringer sei als bisher angenommen - was vor allem daran liege, dass die Bohrungen in den USA zurückgingen.

Die Vereinigten Staaten hatten durch die sogenannte Fracking-Technologie, einem Verfahren, bei dem Öl per Wasser, Sand und Chemikalien aus feinen Gesteinsschichten gepresst wird, in den vergangenen Jahren einen wahren Förderboom erlebt. Manche US-Firmen, die diese noch immer vergleichsweise teure Technik anwenden, kämpften wegen der billigen Ölpreise zuletzt jedoch ums Überleben.

Renommierte Experten, darunter der Ölanalyst Carlos Pascual, glauben dagegen nicht, dass die US-Firmen so schnell klein beigeben. Sie erwarten eher, dass sie gestärkt aus dem Preiskampf hervorgehen. Und dass der Ölpreis noch sehr lange niedrig bleiben könnte.

Zur Person
Foto: © Donna Carson / Reuters/ REUTERS

Carlos Pascual, Jahrgang 1958, war US-Botschafter in Mexiko und der Ukraine und Energiechef im US-Außenministerium. Heute ist er Vizepräsident der US-Energieberatungsfirma IHS.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pascual, im Frühjahr 2012 riefen Analysten das Zeitalter aus, in dem Öl mindestens 100 Dollar pro Barrel kostet. Derzeit kostet es nur etwas mehr als die Hälfte. Was ist passiert?

Pascual: Einerseits hat das schwache globale Wirtschaftswachstum die Nachfrage nach Öl gedämpft. Andererseits ist das Angebot durch verschärften globalen Wettbewerb deutlich gestiegen. Dank der Fracking-Technologie fördern die USA immer mehr Öl. Gleichzeitig weigert sich Saudi-Arabien, seine Ölexporte zu reduzieren, wie die Regierung es sonst zu Zeiten eines Überangebots getan hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Zeit des 100-Dollar-Öls vorbei?

Pascual: Erst einmal ja. Wir erleben jetzt eine Ära des Überflusses.

SPIEGEL ONLINE: Für wie lange?

Pascual: Vermutlich bis Sommer 2016. Bis dahin dürfte die Fördermenge wieder der wachsenden globalen Nachfrage entsprechen.

SPIEGEL ONLINE: Die Internationale Energieagentur schreibt in einem aktuellen Bericht, dass US-amerikanische Fracking-Firmen leiden, weil ihre Einnahmen aus Ölverkäufen oft nicht einmal mehr die Produktionskosten decken. Wenn diese Firmen pleitegehen, könnte es mit dem Überfluss schnell vorbei sein.

Pascual: Ich glaube nicht, dass das passiert. Überall auf der Welt verbessern die Energieproduzenten ihre Produktionstechniken und nutzen verstärkt Informationstechnologie, um die Kosten zu drücken. Die Industrie wird immer effizienter - was die Phase des Überangebots sogar verlängern könnte.

SPIEGEL ONLINE: Der amerikanische Fracking-Boom hat auch geopolitische Folgen. Das Ölembargo gegen Iran im Jahr 2011 etwa war nur möglich, da die USA die Produktionsausfälle ausgleichen konnten. Manche Hardliner fordern nun ein ähnliches Embargo gegen Russland - eine realistische Option?

Pascual: Nicht einmal im Ansatz. Russland deckt mehr als zehn Prozent der globalen Ölnachfrage ab. Fielen die aus, würde der Ölpreis durch die Decke gehen. Und zwar so sehr, dass die Weltwirtschaft Schaden nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Russland dagegen nutzt seine Energieindustrie als geostrategische Waffe. Der Konflikt mit der Ukraine hätte in Europa fast eine Gaskrise verursacht.

Pascual: Das lag zunächst an der hohen Abhängigkeit der Ukraine vom russischen Gas. Die aber wäre gar nicht nötig. Binnen zehn Jahren könnten Gasimporte aus Russland für die Ukraine nur noch eine von mehreren Optionen sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Pascual: Die Ukraine kann die heimische Gasproduktion von 20 auf 30 Milliarden Kubikmeter pro Jahr steigern. Sie kann zudem eine Infrastruktur bauen, die den Import von 15 Milliarden Kubikmetern Gas aus Europa ermöglicht. Und sie kann ihren Verbrauch durch Effizienzmaßnahmen von 50 auf 45 Milliarden Kubikmeter pro Jahr drücken.

SPIEGEL ONLINE: Selbst wenn die Ukraine das schaffen sollte - die EU wäre dadurch kaum weniger abhängig von Russland.

Pascual: Europas Abhängigkeit vom russischen Gas sinkt doch schon. Viele Mitgliedstaaten haben in Infrastruktur für den Import von Flüssiggas investiert. Auch das europäische Pipelinenetz wurde stark ausgebaut, Gas kann inzwischen sehr flexibel zwischen EU-Ländern hin- und herfließen.

SPIEGEL ONLINE: Bulgarien, Finnland, das Baltikum und Griechenland sind vom europäischen Pipelinenetz noch immer ziemlich abgeschottet. Würde Russland seine Lieferungen nach Europa stoppen, wären sie rasch unterversorgt.

Pascual: Europa sollte sein Pipelinenetz deshalb weiter ausbauen, um noch weniger verwundbar zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Selbst das perfekte Pipelinenetz ist nutzlos, wenn nicht ausreichend Gas hindurchfließt. Europas heimische Produktion geht aber zurück, umso wichtiger wird es, langfristige Gaslieferungen zu sichern. Es sieht eher so aus, als würde Europa künftig von Russland immer abhängiger.

Pascual: Es geht doch gar nicht darum, russisches Gas aus Europa zu verbannen - sondern Optionen zu haben. Norwegen könnte mehr Gas liefern, es könnte auch mehr per Schiff an den Flüssiggasterminals ankommen. Europa sollte sich eine Infrastruktur bauen, die es erlaubt, mit mehreren potenziellen Partnern zu verhandeln.