Erdogan-Schwiegersohn Albayrak Das Gesicht der Krise

Die türkische Wirtschaft befindet sich im Niedergang, die Währung im freien Fall. Nun soll Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak als Finanzminister die Wende herbeiführen. Es ist unwahrscheinlich, dass ihm das gelingt.
Finanzminister Albayrak bei Verkündung des "neuen Wirtschaftsmodells"

Finanzminister Albayrak bei Verkündung des "neuen Wirtschaftsmodells"

Foto: YASIN AKGUL/ AFP

Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach der Wahl im Juni seinen Schwiegersohn Berat Albayrak vom Energie- zum Finanzminister beförderte, deuteten viele Beobachter das als eine Art Krönung: Albayrak, so hieß es, nehme den nächsten Schritt auf einem Weg, der ihn irgendwann an die Spitze des türkischen Staats führen werde.

Nun sieht es so aus, als hätte Erdogan, wohl ohne es zu wollen, dem Ehemann seiner Tochter Esra mit der Beförderung eher geschadet. Albayrak ist als Finanzminister über Nacht zum Gesicht der schwersten türkischen Wirtschaftskrise seit 2001 geworden.

Die Inflation ist mit 15 Prozent so hoch wie seit 14 Jahren nicht mehr. Die Sanktionen der USA gegen zwei türkische Minister infolge des Streits um die Festnahme des amerikanischen Pastors Andrew Brunson haben das Vertrauen der Investoren in die Türkei endgültig zerstört. Türkische Unternehmen stehen kurz vor der Pleite.

Die türkische Lira befindet sich seit Monaten auf einem steilen Abstieg - der nun in einen freien Fall übergegangen ist: Am Freitag verlor sie bereits am Morgen zeitweise deutlich mehr als zehn Prozent, nachdem die "Financial Times" über die Sorgen der Europäischen Zentralbank um EU-Großbanken mit starkem Türkei-Geschäft berichtete. Danach erholte sich der Kurs etwas - bis sich Donald Trump zu Wort meldete.

Erdogan wähnt sich im "Wirtschaftskrieg" mit dem Westen

Der US-Präsident kündigte auf Twitter an, die Zölle auf Aluminium und Stahl aus der Türkei zu verdoppeln. Die Lira brach binnen Kurzem ein, zeitweise lag ihr Wert um 20 Prozent niedriger als am Vortag, später stabilisierte sie sich bei rund 15 Prozent im Minus. Erdogan verwendete die Ankündigung aus Washington umgehend als weiteren Beweis für seine Behauptung, allein der Westen sei schuld an der prekären Lage. Der Präsident sprach am Nachmittag von einem "Wirtschaftskrieg" und forderte die Türken auf, zur Stützung der Währung Devisen gegen Lira zu tauschen. Solidarität werde die wichtigste Reaktion auf den Westen sein. Die Krise sei "künstlich".

Wechselstube in Ankara: Lira im freien Fall

Wechselstube in Ankara: Lira im freien Fall

Foto: ADEM ALTAN/ AFP

Für seinen Schwiegersohn Albayrak hätte der Zeitpunkt für die Attacke aus dem Weißen Haus kaum ungünstiger sein können: Beinahe zeitgleich präsentierte der Finanzminister am Freitagnachmittag in Istanbul seinen Plan gegen die Krise - der weit mehr sein soll, nämlich gleich ein "neues Wirtschaftsmodell". Konkretes konnte Albayrak aber nicht vorlegen. Er bekräftigte die Unabhängigkeit der Zentralbank und versprach in vagen Worten, Staatsausgaben zu drosseln und die Inflation zu bekämpfen.

Albayraks Auftritt dürfte den Niedergang der türkischen Wirtschaft bestenfalls verlangsamen, aber kaum stoppen. Zu dramatisch ist der Verfall der Lira, zu hoch sind die Dollar-Schulden, die türkische Unternehmen angehäuft haben.

Erdogans Kronprinz

Zudem dürfte die Märkte kaum beruhigen, dass mit Albayrak ein Mann die Mitverantwortung für das Schicksal des Landes trägt, der bislang nur begrenzt finanzpolitische Erfahrung gesammelt hat. Albayrak hat für die Calik Holding, einen türkischen Textil-, Energie- und Baukonzern, in New York gearbeitet. 2007 stieg er mit gerade einmal 29 Jahren zum CEO des Unternehmens auf. Ein Jahr später kaufte er die Tageszeitung "Sabah" und den Fernsehsender ATV. Er verfügte von da an auch über politische Macht. 2015 machte Erdogan ihn zum Energieminister.

Erdogan will mindestens noch fünf Jahre regieren, bis zum 100. Geburtstag der Republik 2023, wahrscheinlich länger. Trotzdem treibt ihn keine andere Frage so sehr um wie jene nach seinem Erbe. Vertraute berichten, Erdogan wäre es am liebsten, wenn ihm ein Familienmitglied als Präsident folgen würde, keines seiner vier Kinder jedoch kommt für den Posten infrage, weshalb Albayrak bislang als Kronprinz galt.

Erdogan bezieht seinen Schwiegersohn bei fast allen wichtigen Entscheidungen mit ein. Albayrak wiederum lässt Parteifreunde und Minister seine besondere Nähe zum Präsidenten spüren. Auf Reisen nimmt er, anders als alle anderen Offiziellen, kein eigenes Auto, sondern setzt sich zu Erdogan in die Limousine. Bei Kabinettssitzungen legt er demonstrativ die Hand auf die Schulter seines Schwiegervaters, plaudert für alle hörbar über Frau und Kinder. Albayrak trete auf, als wäre er selbst Präsident, kritisiert ein Regierungspolitiker gegenüber dem SPIEGEL. Er erteile Kabinettskollegen Anweisungen, schreibe ihnen vor, wie sie ihr Ressort zu führen und wen sie einzustellen hätten.

Analyse im Video: "Anzeichen für eine existenzielle Krise"

SPIEGEL ONLINE

Die Wirtschaftskrise könnte Albayraks Karriere nun jäh beenden. Zwar ist es beinahe ausgeschlossen, dass Erdogan seinen Schwiegersohn entlässt. Sollte sich die Wirtschaft nicht rasch erholen, dürfte Albayrak als möglicher Nachfolger Erdogans jedoch nicht länger infrage kommen.

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