Ermittlungen gegen IWF-Chefin Lagarde Madame und die Frage der Moral

Christine Lagarde, Chefin des IWF, ist in einen französischen Finanzskandal verwickelt. Jetzt wird offiziell gegen sie ermittelt. Für ihre Kritiker - auch die im eigenen Haus - ein gefundenes Fressen.

Von , New York


Als Christine Lagarde ihr Amt 2011 antrat, wurde sie zunächst ins Ethikseminar geschickt. Dort musste sich die erste Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) - selbst eine profilierte Juristin - über sexuelle Belästigung, Mobbing und Mauscheleien belehren lassen.

"Als Geschäftsführerin wird von Ihnen erwartet, dass Sie den höchsten ethischen Verhaltensnormen genügen", schrieb der IWF in ihren Vertrag. "Sie müssen auch nur den Anschein der Anstößigkeit vermeiden." Die neue Ethik-Klausel war eine Folge der Sex-Vorwürfe gegen Lagardes in Verruf geratenen Vorgänger Dominique Strauss-Kahn.

Jetzt aber ist auch Lagarde selbst ins Benimm-Visier gerückt: Ein Pariser Gericht hat formelle Ermittlungen gegen die "fünftmächtigste Frau der Welt" ("Forbes") eingeleitet. Es geht um eine alte, doch umso pikantere Finanzaffäre, in der Lagarde bisher nur als Zeugin firmierte.

Nun aber wird ihr vorgeworfen, eine aktivere Rolle gespielt zu haben. Der Vorwurf: "Nachlässigkeit." Höchststrafe: ein Jahr Haft und 15.000 Euro.

Natürlich gilt das Unschuldsprinzip. Lagarde streitet die Anschuldigungen als "unbegründet" ab, auch der IWF steht hinter ihr: Lagarde - die bei Bekanntwerden des Ermittlungsverfahrens auf dem Rückweg von Paris in die USA war - werde den Vorstand "alsbald" unterrichten, erklärte IWF-Sprecher Gerry Rice. Bis dahin gebe es "keinen weiteren Kommentar".

Nicht nur Fans im eigenen Haus

Intern rumort es freilich. Sicher: Der IWF ist von Natur aus umstritten und seine Chefin von Amts wegen; IWF-Jahrestreffen sind Garanten für "antiimperialistische" Proteste. Auch aus dem konservativen Lager kommt Gegenwind - etwa von den US-Republikanern, die Lagardes Finanzreformen blockiert haben.

Doch auch im eigenen Hause hat Lagarde nicht nur Fans. Sie ist keine Ökonomin, und manche im IWF-Betonbunker unweit des Weißen Hauses sprechen ihr hinter der Hand die Fähigkeit ab, die globalen Wirtschaftskrisen managen zu können. Die Entwicklungsländer wiederum stoßen sich daran, dass die Französin die IWF-Herrschaft der Industriestaaten fortsetzt.

Nun könnten die Kritiker die Pariser Affäre zum Vorwand nehmen, Lagarde zu stürzen und statt dessen jemanden ihrer Wahl zu bestallen.

Die Affäre Tapie - wie tief steckt Lagarde drin?

Bernard Tapie: 403 Millionen Euro im Schiedsverfahren zugesprochen
REUTERS

Bernard Tapie: 403 Millionen Euro im Schiedsverfahren zugesprochen

Benannt nach dem Geschäftsmann Bernard Tapie, hat die "L'Affaire Tapie" alle Elemente eines klassischen Mauschelskandals. Sie begann 1994, als Tapie seine Mehrheit am Sportartikelhersteller Adidas an seine staatliche Hausbank Crédit Lyonnais verkaufte, sich dann aber geprellt fühlte. Jahrelang klagte er gegen die Regierung, bis die 2008 in ein Schiedsverfahren einwilligte, das Tatie 403 Millionen Euro zubilligte.

2011 begann ein Spezialgericht diese Entscheidung zu prüfen. Der Verdacht: Das Schiedsverfahren sei zugunsten Tapies manipuliert gewesen. Im Fadenkreuz, neben Präsident Nicolas Sarkozy und etlichen Kabinettsmitgliedern: die damalige Finanzministerin - Christine Lagarde.

Denn es war Lagardes Beschluss, den Streit an das Schiedsgremium zu verweisen. Zweimal hatte das Gericht verkündet, sie sei keine Verdächtige, sondern "nur" Zeugin. Unklar ist, warum sich das nun geändert hat.

Von wem stammt die Unterschrift?

Problematisch ist Lagardes Unterschrift auf einem Dokument, das die Zahlung an Tatie in Kraft setzte. Es handele sich um eine vom Computer erstellte Signatur, die Lagarde nicht als ihre eigene erkenne, sagte ihr Anwalt Yves Repiquet der Agentur Reuters. Lagardes damalige Assistentin Stephane Richard - heute Chef der französischen Telecom - hat dem widersprochen: Lagarde habe über alles Bescheid gewusst.

"Nach dreijähriger Prozedur hat eine einzige Anschuldigung überlebt", erklärte Lagarde an diesem Mittwoch nach der Bekanntgabe der formellen Ermittlungen: "Dass ich durch Unachtsamkeit oder Unaufmerksamkeit nicht interveniert haben könnte, um das Schiedsverfahren, das den lang andauernden Tapie-Rechtsstreit zu Ende brachte, zu blockieren."

Das klingt in der Tat dünn und juristisch banal, ist aber im Kontext dieses hochnotpeinlichen Dramas brisant. Zumal auch die Vorwürfe gegen Lagardes Vorgänger Strauss-Kahn rechtlich nie Fuß fassten, seinen Ruf - und seine illustre Karriere - aber trotzdem ruinierten.

Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn: Ruf und Karriere ruiniert
Getty Images

Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn: Ruf und Karriere ruiniert

Ihr ethischer Anspruch war bisher Lagardes Visitenkarte. "Um Vertrauen wiederherzustellen, brauchen wir einen Wandel zu höherer Integrität und Verantwortlichkeit", sagte sie im Mai in London. "Ethisches Verhalten ist eine wichtige Dimension finanzieller Stabilität."

Jetzt gilt dieser Maßstab auch bei ihr.



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Bernd Grossmann 27.08.2014
1. Würde es streng nach der ethischen Vertragsklausel des IWF gehen...
...dann hätte der IWF extreme Personalengpässe. Bitte zeigen Sie mir eine Führungskraft aus der Finanzbranche die nicht korrupt oder in einen Finanzskandal verwickelt wäre. Dies gehört inzwischen zum `guten Ton` dieser Branche (Zitat: `"Als Geschäftsführerin wird von Ihnen erwartet, dass Sie den höchsten ethischen Verhaltensnormen genügen", schrieb der IWF in ihren Vertrag.` )
MaxSeelhofer 27.08.2014
2. Ach nein! - Es gilt die Unschuldsvermutung.
Ach nein! – Indes: es gilt die Unschuldsvermutung. – Würden Sie Frau Lagarde in ihrer Klein-/mittelständischen Firma einstellen? – Eher nein. – You got it (auf Neudeutsch: Sie haben es geschnallt!). – Die Dame hat doch null Ahnung: jeder schwäbische Kleinstunternehmer und jeder deutsche Arbeitnehmer ist doch hundertmal (?) schlauer - oder?
Ton_Chrysoprase 27.08.2014
3. IWF Finanzbranche?
Interessant mal wieder die Kommentare zu sehen. Der IFW hat weniger mit der Finanzbranche zu tun als die Bundesbank oder die EZB und kaum mehr als das Finanzministerium. K
specialsymbol 27.08.2014
4. Vom Computer erstellte Signatur
Lustigerweise ist das heutzutage üblich - fast jeder Banker hat seine Unterschrift hochaufgelöst eingescannt, Dokumente werden damit nur noch bedruckt. So kann die "am besten gelungene" ausgewählt werden und immer wieder verwendet werden, denn natürlich ist auch wichtig wie gut die Unterschrift aussieht. Erkennen lässt sich das mit bloßem Auge nicht mehr. Mit den in Banken üblichen Druckern kann man derartig echt drucken, dass man selbst mit der Lupe keinen Unterschied sieht, geschweige denn mit bloßem Auge. Stellt sich jetzt also die Frage: ist das nur eine Taktik, um im Notfall eine "Geh aus dem Gefängnis"-Karte zu haben?
igasch 27.08.2014
5. Ja und
wer mistest mal endlich diesen ganzen Schlamm da aus. Ob IFW, EU oder EZB alle tanzen dort doch nur den Tango Korrupti.
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