Langsame Energiewende Erst 120 Kilometer neue Stromleitungen 2021

Die zentrale Infrastruktur der Energiewende kommt nur schleppend voran. Nach SPIEGEL-Informationen wurden im laufenden Jahr erst gut ein Drittel so viele Stromleitungen gebaut wie 2020.
Hochspannungsleitung in Niedersachsen

Hochspannungsleitung in Niedersachsen

Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

Der Ausbau des deutschen Stromnetzes dürfte 2021 deutlich langsamer vorankommen als im Vorjahr. Das geht aus einer Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Frage des Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer hervor. Laut dem Papier, das dem SPIEGEL vorliegt, sind im laufenden Jahr erst rund 120 Kilometer der neuen Höchstspannungsleitungen gebaut worden, die im Rahmen des Bundesbedarfsplans (BBPlG) und des Energieleitungsausbaugesetzes (EnLAG) für die Energiewende vorgesehen sind.

2020 waren insgesamt immerhin etwa 341 Kilometer gebaut worden. 2019 waren es rund 203 Kilometer, 2018 gut 171 Kilometer.

Die Erweiterung der Stromnetze gilt als zentraler Baustein der Energiewende. Denn das Energiesystem wird dezentraler, es gibt in ihm immer mehr schwankende Stromquellen und immer mehr Einspeisepunkte. Hinzu kommt, dass eine beträchtliche Menge Ökostrom durch Windparks auf dem Meer erzeugt wird – und diese Elektrizität erst in den industriereichen Süden transportiert werden muss.

Insgesamt liegt der Ausbau deutlich hinter Plan. Von den rund 12.234 Kilometern , die die zuständige Bundesnetzagentur für die Energiewende veranschlagt, sind nach den neuesten Zahlen aus dem Wirtschaftsministerium nur 1739 Kilometer komplett fertiggestellt. Bei mehr als 3400 Kilometern der geplanten Leitungen läuft noch nicht einmal ein Genehmigungsverfahren.

Hauptgründe für das langsame Vorankommen sind komplizierte bürokratische Auflagen und Verfahren sowie Bürgerinitiativen, die den Bau neuer Leitungen in ihrem Umfeld zu verzögern versuchen – und damit auch oft Erfolg haben. Die Bundesregierung musste bestehende Planungen teils wieder über den Haufen werden.

Die Stromtrassen sind durch den langsamen Leitungsbau schon heute teils überlastet – was zu volkswirtschaftlicher Verschwendung führt. Wenn in den Netzen zu viel Strom ist, müssen erst die konventionellen Kraftwerke ihre Produktion herunterfahren. Wenn das nicht reicht, müssen auch Ökostromanlagen abgeregelt werden. Da die Abnahme von deren Strom eigentlich Pflicht ist, werden die Anlagenbetreiber in der Folge entschädigt.

Die Kosten dafür werden den Verbrauchern auf ihre Stromrechnung aufgeschlagen, ebenso die Kosten für andere Ausgleichsmaßnahmen in den Netzen. Laut Schätzungen der Bundesnetzagentur fielen 2020 bis zu 1,34 Milliarden Euro an Entschädigungen für das sogenannte Einspeisemanagement an.

Der Leitungsbedarf könnte auf verschiedene Arten verringert werden, zum Beispiel durch Stromspeicher, ein verbessertes Lastmanagement mit sogenannten Smart Grids oder durch eine stärkere Integration des europäischen Stromnetzes. In all diesen Punkten kommt die deutsche Energiewende jedoch ebenfalls eher schleppend voran.

Während der Ausbau bedenklich lahmt, steigt der Bedarf an erneuerbaren Energien – und damit an neuen Netzen. Ein Grund dafür ist die sogenannte Sektorenkoppelung, durch die Wirtschaftsbereiche jenseits des Energiesektors möglichst schnell CO₂-frei werden sollen. Im Verkehr sollen verstärkt Elektroautos eingesetzt werden, bei der Gebäudebeheizung sind es strombetriebene Wärmepumpen. Die Bundesregierung will zudem im großen Stil mittels Ökostrom sogenannten grünen Wasserstoff herstellen und im Verkehrs-, Wärme- und Industriesektor zusätzlich CO₂ einsparen.

Der Abgeordnete Krischer wirft der Bundesregierung Untätigkeit vor. »Vor genau drei Jahren hat Peter Altmaier den Netzausbau zur Chefsache erklärt«, sagt der Fraktionsvize der Grünen. »Viel rausgekommen ist dabei nicht, auch weil er bei der versprochenen Beschleunigung der Planungs- und Genehmigungsprozesse nicht entscheidend geliefert hat.«

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