Einkommensstudie So unterschiedlich profitieren Europäer vom Binnenmarkt

Die EU ist stolz auf ihren gemeinsamen Binnenmarkt, den größten Wirtschaftsraum der Welt. Doch was bringt er einzelnen Regionen? Eine neue Studie zeigt große Unterschiede - und einen Gewinner, der nicht mal EU-Mitglied ist.

Griechischer Containerhafen Piräus
AP / Petros Giannakouris

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Ohne Brüssel ginge es uns besser: Diese Meinung war während der Eurokrise von vielen Griechen zu hören und vor dem Brexit-Referendum von vielen Briten. Hinweise auf die Vorteile einer Mitgliedschaft in Eurozone oder Europäischer Union überzeugten die Bürger nicht. Das könnte auch daran liegen, dass Europäer sehr unterschiedlich von einer zentralen Errungenschaft der EU profitieren - dem gemeinsamen Binnenmarkt.

Wie stark die Unterschiede sind, zeigt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, die an diesem Mittwoch veröffentlicht wird und dem SPIEGEL vorab vorlag. Darin wurde für Regionen in ganz Europa berechnet, wie sich der Binnenmarkt auf die Einkommen auswirkt.

Grundsätzlich profitieren demnach alle EU-Bürger vom Handel ohne Grenzkontrollen. Insgesamt steigert der Binnenmarkt die Einkommen jährlich um rund 420 Milliarden Euro, was rund 2,5 Prozent der Wirtschaftleistung in der EU entspricht. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt durch den Binnenmarkt im Schnitt um 840 Euro höher.

"Dabei zeigen sich jedoch je nach Region große Unterschiede", schreiben die Autoren, Giordano Mion von der University of Sussex und Dominic Ponattu von der Bertelsmann-Stiftung, die kürzlich schon ähnliche Berechnungen zum Brexit veröffentlichten. "Insgesamt legen die Ergebnisse der Simulationen nahe, dass Länder im geografischen Zentrum Europas stärker profitieren, insbesondere im Vergleich zur südlichen Peripherie."

Eine Folge: Die größten Zuwächse werden in einem Land erzielt, das zwar Teil des Binnenmarkts, aber selbst kein EU-Mitglied ist: in der Schweiz. In Zürich steigert der Binnenmarktzugang die Pro-Kopf-Einkommen der Studie zufolge um fast 3600 Euro, auch andere Schweizer Regionen profitieren überdurchschnittlich. An der Spitze finden sich außerdem Luxemburg (2834 Euro) sowie London (rund 2700 Euro) - das durch den Brexit bald den Zugang zum Binnenmarkt verlieren könnte.

Europas Marktmacht

Schon innerhalb von Großbritannien zeigt sich jedoch, wie unterschiedlich die Menschen vom Binnenmarkt profitieren. So liegen die Einkommensgewinne im Landesdurchschnitt nur bei knapp 800 Euro und im Norden des Landes zum Teil deutlich darunter, im Großraum Manchester etwa bei 580 Euro.

Ähnliche Gefälle gibt es in Deutschland: Mit einem durchschnittlichen Plus von 1046 Euro liegt die Bundesrepublik insgesamt über dem europäischen Durchschnitt. Doch während Regionen wie Oberbayern oder Hamburg auf Zuwächse von knapp 1500 Euro pro Jahr und Kopf kommen, sind es in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt weniger als 700 Euro. "Je stärker Industrie und Exportbranchen in einer Region verankert sind, desto höher sind in der Regel auch die Einkommensgewinne durch den Binnenmarkt", sagt Studienautor Ponattu.

Griechenland und Zypern unter den Schlusslichtern

In ärmeren Regionen oder Ländern können allerdings auch kleinere Einkommenssteigerungen eine große Wirkung haben. So ist es etwa in Tschechien. Dessen Pro-Kopf-Gewinne sind mit rund 666 Euro zwar vergleichsweise gering, mit einem prozentualen Plus von fast vier Prozent der Wirtschaftsleistung liegt das Land jedoch auf dem dritten Platz in der EU.

Zypern und Griechenland hingegen - beides Brennpunkte der Eurokrise - gehören nicht nur bei den Pro-Kopf-Gewinnen zu den Schlusslichtern. Mit relativen Zuwächsen der Wirtschaftsleistung von gut zwei Prozent liegen sie auch in der Gesamtbetrachtung am unteren Ende. An der Spitze verzeichnen Schweizer, Luxemburger und Belgier jeweils Zuwächse von mehr als vier Prozent.

Um auf die Zahlen zu kommen, nutzten die Forscher ein sogenanntes Gravitationsmodell, das die Größe einzelner Märkte und die Entfernung zu anderen Handelspartnern berücksichtigt. Zunächst wurde anhand von Handelsdaten und einer statistischen Analyse geschätzt, wie stark der Binnenmarkt die Kosten für ein Land senkt - etwa durch den Wegfall von Grenzkontrollen. Dann simulierten Ponattu und Mion die Abschaffung des Binnenmarkts, berechneten die entstehenden Mehrkosten und ihre Folgen für Produktivität, Preise und Einkommen. Die dadurch in der Simulation entstehenden Einkommensverluste setzten sie gleich mit den heutigen Einkommensgewinnen durch den Binnenmarkt.

Können die unterschiedlichen Auswirkungen des Binnenmarkts nun den Brexit oder Griechenlands zeitweiligen Flirt mit einem Euro-Aus erklären? Ponattu beschäftigte sich auch mit dieser These, stieß zum Teil aber auf gegenteilige Ergebnisse. So stimmten einige britische Regionen für den Brexit, die der Studie zufolge zu den größten Profiteuren des Binnenmarkts gehören - etwa das südenglische Kent. Das könnte Ponattu zufolge daran liegen, dass andere Themen beim Referendum wichtiger waren - etwa die Migration, die Brexit-Befürworter am häufigsten als Motiv nannten.

Denkbar ist aber auch, dass die Einkommensgewinne selbst innerhalb einer Region sehr ungleich verteilt waren. Schließlich können sich hinter den durchschnittlichen Pro-Kopf-Werten starke Ausreißer in beide Richtungen verbergen. In jedem Fall gebe es Anzeichen dafür, dass die regionalen Unterschieden auch innerhalb von EU-Ländern zunehmen, sagt Ponattu. "Und der Binnenmarkt hilft bislang wenig dabei, sie zu verringern."

Zusammengefasst : Europäische Regionen profitieren einer neuen Studie zufolge sehr unterschiedlich stark vom EU-Binnenmarkt. Die größten Einkommensgewinne verzeichnen Regionen im Zentrum Europas, besonders in der Schweiz, Luxemburg und Belgien. Deutlich unter dem Durchschnitt liegen hingegen Länder am südöstlichen Rand des Kontinents wie Griechenland und Zypern.

Transparenzhinweis: Die Bertelsmann-Stiftung ist Mehrheitseignerin des Bertelsmann-Konzerns, der über den Verlag Gruner + Jahr am SPIEGEL beteiligt ist.



insgesamt 41 Beiträge
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furorteutonikus 08.05.2019
1. Kaffeesatz
Ich könnte den Beiden auch meinen Kaffeesatz zur Verfügung stellen. Der Text ist aus meiner Sicht vorwiegend durch Annahmen und nicht nachvollziehbare Beziehungen untereinander geprägt. Aber selbst wenn alles richtig wäre, komme ich zu dem Ergebnis dass es, Beispiel Schweiz, besser ist, nicht in der EU zu sein.
thomasconrad 08.05.2019
2. Für 'Normalo's
hat der Spass In Deutschland Löhne an und unter der Armutsgrenze gebracht, dazu Nullzinsen und permanente Nettozahlerei an den Rest vom Zirkus.Zusätzlich haben sich früher billige Auslandsferien mit dem Euro massiv verteuert.Wenn die besagten Zugewinne bei durchschnittlichen Menschen ankommen würden, d'accord.... So wie jetzt kommt das viel zu Wenigen zu Gute
claus7447 08.05.2019
3. Wäre doch ein Argument
Das die Schweiz eine vollmitgliedschaft beantragt. Den Franken dürfen sie gerne behalten, dafür bekommen sie volles mitspracherecht und müssen nicht am katzentisch sitzen. Ja ich weiss, das Problem liegt in der Ostschweiz, inner- und Ausserroden plus plus. Wäre dennoch mal ein positives Ereignis. 1992 liegt lange zurück!
eunegin 08.05.2019
4. and the winner is....
die Schweiz. Deutschland hat zwar auch große Vorteile durch den Binnenmarkt, aber die Schweizer sind halt schlau und sichern sich die Vorteile ohne die Nachteile...
Sucher der Wahrheit 08.05.2019
5. Warum keine Prozentangaben?
die absoluten Werte täuschen doch nur einen Gewinn vor. Prozentuale Angaben könnte man viel besser mit der jeweiligen Inflation vergleichen. Wahrscheinlich wäre dann zu viel rote Farbe im Bild.
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