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30. Januar 2012, 17:37 Uhr

EU-Gipfel zum Fiskalpakt

Was die Kanzlerin vom Fußball lernen kann

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Auf dem EU-Gipfel in Brüssel wird am Abend der Fiskalpakt beschlossen, künftig soll Haushaltsdisziplin herrschen in Europa. Im Profifußball gilt eine solche Schuldenbremse bereits - mit ernüchterndem Ergebnis. Wer weiter unsolide wirtschaften will, findet immer ein Schlupfloch.

in Brüssel steigt das große Euro-Finale: An diesem Montag soll dort auf dem EU-Gipfel der Fiskalpakt beschlossen werden, eine paneuropäische Schuldenbremse - und schon vorab ist klar, dass die bei weitem nicht so hart ausfallen wird, wie Kanzlerin Angela Merkel angekündigt hat. Die Teams von 17 Euro-Ländern und neun weiteren EU-Staaten haben in den vergangenen Wochen erbittert selbst um die Spielregeln des Pakts gefeilscht.

Allein dieses Ringen lässt nichts Gutes erwarten. Denn letztendlich sind nicht so sehr die konkreten Formulierungen für den Erfolg eines Abkommens entscheidend, viel wichtiger ist der Wille der Akteure. Wer vom Nutzen eines Regelwerks überzeugt ist, sucht nicht nach Schlupflöchern. Aber wer sie sucht, der findet sie auch.

Ein Beleg für diese zugegebenermaßen simple Einsicht findet sich im Fußball. Dort gilt bereits, worum in Brüssel noch gerungen wird - eine europäische Schuldenbremse. Und dort lässt sich die ganze Bandbreite der Methoden beobachten, mit denen eine solche Regelung ausgehebelt werden kann: von plump bis erstaunlich kreativ.

Die Proficlubs in Europa dürfen nämlich - die Feinheiten an dieser Stelle einmal beiseite gelassen - ab der Saison 20111/2012 nur noch so viel Geld ausgeben, wie sie operativ einnehmen. Zu den operativen Einnahmen gehören auf jeden Fall nicht die Milliardensummen, mit denen russische Oligarchen wie Roman Abramowitsch oder Ölscheichs wie Mansour Bin Zayed al-Nahyan ehemals darbende Vereine wie den FC Chelsea oder Manchester City in international gefürchtete Giganten verwandelt haben.

Wer keine Spieler mehr kaufen kann, mietet sich welche

Mit dem "Financial Fair Play" genannten Regelwerk will die europäische Fußball-Union (Uefa) solcher Wettbewerbsverzerrung Einhalt gebieten - und zudem die bedrohlichen Schuldenberge bekämpfen, die sich bei vielen Clubs aufgehäuft haben. Denn wer keinen Scheich oder Oligarchen als Mäzen im Hintergrund hatte, dem blieben oft nur Schulden, um international mitspielen zu können.

Umgerechnet 3,9 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten haben die Vereine der englischen Premier League. Die spanische Primera Division steht mit 3,5 Milliarden Euro in der Kreide - bei einem Jahresumsatz von zuletzt 1,6 Milliarden Euro. Im Vergleich dazu und in erstaunlicher Parallele zur Politik wirtschaften deutsche Vereine mit rund 600 Millionen Euro Schulden geradezu solide.

Diese Horrorbilanzen bedrohen inzwischen das Fußballgeschäft. "Wenn ein Verein mitten in der Saison pleitegeht, funktioniert die Liga oder der europäische Wettbewerb nicht mehr", sagt Wolfgang Maennig von der Universität Hamburg. Was der Wirtschaftswissenschaftler und frühere Ruder-Olympiasieger befürchtet, war zu Beginn dieser Saison in Spanien zu besichtigen. Dort fiel der erste Spieltag wegen eines Spielerstreiks aus, weil die Vereine schlicht 50 Millionen Euro an Gehältern schuldig geblieben waren. Mehr als ein Dutzend spanischer Proficlubs ist pleite und steht unter Insolvenzrecht.

Dazu gehört etwa Real Saragossa - was den bankrotten Club laut "Handelsblatt" jedoch nicht davon abhielt, im Sommer den acht Millionen Euro teuren Torhüter Roberto von Benfica Lissabon zu verpflichten. Allerdings zahlte Saragossa selbst lediglich 86.000 Euro, denn der Spieler gehört eigentlich einer externen Gesellschaft, von der ihn der Club quasi mietet. Womit wir bei den Tricks wären, mit denen Vereine die Regeln des Financial Fair Play aushebeln.

Manchester City umgeht das Regelwerk weit weniger elegant als die Nordspanier. Dem Besitzer Scheich Mansour aus Abu Dhabi sind künftig keine direkten Finanzspritzen mehr erlaubt. In den vergangenen zweieinhalb Jahren investierte er kolportiert fast eine Milliarde Euro in den Edelkader des Clubs. Das geht künftig nicht mehr. Doch dafür sponsert in den kommenden zehn Jahren mit Etihad die Fluglinie des Halbbruders von Scheich Mansour den Club mit mehr als 450 Millionen Euro, wenn die Erfolge stimmen. Immerhin - hier sorgt die Schuldenbremse dafür, dass Manchester City nur noch rund die Hälfte der bisherigen Scheich-Investitionen in einem vierfach längeren Zeitraum erhält.

Die Spielermutter als hochdotierte Managerin

Die Uefa kündigte zwar an, sich den Deal genau anzusehen, aber weil ein Teil des Geldes in ein Trainingszentrum investiert wird, das der Jugendausbildung dienen und auch noch öffentlich zugänglich sein soll, könnte der Fußballverband seinen Segen geben. Investitionen in diese Bereiche sind von der Schuldenbremse explizit ausgenommen.

Denkbar sind noch eine Menge anderer Möglichkeiten, das Financial Fair Play auszuhebeln: "Wenn ein Spieler nicht zu üppig bezahlt werden darf, kann man immer noch die Mutter als scheinbar hochdotierte Managerin einstellen", sagt Maennig. Real Madrid hingegen hat vor zehn Jahren vorgemacht, wie man mit dem Verkauf eines Trainingsgeländes 480 Millionen Euro von der öffentlichen Hand bekommen kann. Ein Beihilfe-Verfahren der EU endete 2004 ergebnislos.

Doch selbst wenn die Uefa Einwände gegen bestimmte Transaktionen hat, könnte es für die betreffenden Clubs glimpflich ausgehen. Denn ebenso wie in der Euro-Zone ist auch im Profifußball unklar, wie Verstöße gegen die Schuldenbremse konkret geahndet werden. Von der Geldstrafe bis zum Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben hält sich die Uefa vieles offen.

Wenig Aussichten auf Erfolg hat hingegen die Methode, nach der man offenbar beim FC Malaga und Paris Saint-Germain verfährt. Beide Clubs sind kürzlich von Investoren aus dem Emirat Katar übernommen worden. Malaga und Paris ignorieren die Regeln einfach. Saint-Germain wartet allein in dieser Saison mit einem geschätzten Minus aus Spielertransfers von 84 Millionen Euro auf. Solch einen dreisten Verstoß wird sich die Uefa wohl nicht bieten lassen.

Und so liefert die Fußball-Schuldenbremse zumindest einen Trost für Angela Merkel, falls am Ende des EU-Gipfels ein nicht mehr ganz so harter Fiskalpakt beschlossen werden sollte. Auch das Financial Fair Play der Uefa ist nicht wasserdicht. Aber immerhin: Die Zeit der grenzenlosen Sorglosigkeit im Fußball Europas ist vorbei, die Löcher in den Etats werden immerhin kleiner. Wer dennoch mehr Schulden machen möchte als erlaubt, muss sich zumindest etwas einfallen lassen.

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