EU-Gipfel zum Fiskalpakt Was die Kanzlerin vom Fußball lernen kann

Auf dem EU-Gipfel in Brüssel wird am Abend der Fiskalpakt beschlossen, künftig soll Haushaltsdisziplin herrschen in Europa. Im Profifußball gilt eine solche Schuldenbremse bereits - mit ernüchterndem Ergebnis. Wer weiter unsolide wirtschaften will, findet immer ein Schlupfloch.

dapd

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in Brüssel steigt das große Euro-Finale: An diesem Montag soll dort auf dem EU-Gipfel der Fiskalpakt beschlossen werden, eine paneuropäische Schuldenbremse - und schon vorab ist klar, dass die bei weitem nicht so hart ausfallen wird, wie Kanzlerin Angela Merkel angekündigt hat. Die Teams von 17 Euro-Ländern und neun weiteren EU-Staaten haben in den vergangenen Wochen erbittert selbst um die Spielregeln des Pakts gefeilscht.

Allein dieses Ringen lässt nichts Gutes erwarten. Denn letztendlich sind nicht so sehr die konkreten Formulierungen für den Erfolg eines Abkommens entscheidend, viel wichtiger ist der Wille der Akteure. Wer vom Nutzen eines Regelwerks überzeugt ist, sucht nicht nach Schlupflöchern. Aber wer sie sucht, der findet sie auch.

Ein Beleg für diese zugegebenermaßen simple Einsicht findet sich im Fußball. Dort gilt bereits, worum in Brüssel noch gerungen wird - eine europäische Schuldenbremse. Und dort lässt sich die ganze Bandbreite der Methoden beobachten, mit denen eine solche Regelung ausgehebelt werden kann: von plump bis erstaunlich kreativ.

Die Proficlubs in Europa dürfen nämlich - die Feinheiten an dieser Stelle einmal beiseite gelassen - ab der Saison 20111/2012 nur noch so viel Geld ausgeben, wie sie operativ einnehmen. Zu den operativen Einnahmen gehören auf jeden Fall nicht die Milliardensummen, mit denen russische Oligarchen wie Roman Abramowitsch oder Ölscheichs wie Mansour Bin Zayed al-Nahyan ehemals darbende Vereine wie den FC Chelsea oder Manchester City in international gefürchtete Giganten verwandelt haben.

Wer keine Spieler mehr kaufen kann, mietet sich welche

Mit dem "Financial Fair Play" genannten Regelwerk will die europäische Fußball-Union (Uefa) solcher Wettbewerbsverzerrung Einhalt gebieten - und zudem die bedrohlichen Schuldenberge bekämpfen, die sich bei vielen Clubs aufgehäuft haben. Denn wer keinen Scheich oder Oligarchen als Mäzen im Hintergrund hatte, dem blieben oft nur Schulden, um international mitspielen zu können.

Umgerechnet 3,9 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten haben die Vereine der englischen Premier League. Die spanische Primera Division steht mit 3,5 Milliarden Euro in der Kreide - bei einem Jahresumsatz von zuletzt 1,6 Milliarden Euro. Im Vergleich dazu und in erstaunlicher Parallele zur Politik wirtschaften deutsche Vereine mit rund 600 Millionen Euro Schulden geradezu solide.

Diese Horrorbilanzen bedrohen inzwischen das Fußballgeschäft. "Wenn ein Verein mitten in der Saison pleitegeht, funktioniert die Liga oder der europäische Wettbewerb nicht mehr", sagt Wolfgang Maennig von der Universität Hamburg. Was der Wirtschaftswissenschaftler und frühere Ruder-Olympiasieger befürchtet, war zu Beginn dieser Saison in Spanien zu besichtigen. Dort fiel der erste Spieltag wegen eines Spielerstreiks aus, weil die Vereine schlicht 50 Millionen Euro an Gehältern schuldig geblieben waren. Mehr als ein Dutzend spanischer Proficlubs ist pleite und steht unter Insolvenzrecht.

Dazu gehört etwa Real Saragossa - was den bankrotten Club laut "Handelsblatt" jedoch nicht davon abhielt, im Sommer den acht Millionen Euro teuren Torhüter Roberto von Benfica Lissabon zu verpflichten. Allerdings zahlte Saragossa selbst lediglich 86.000 Euro, denn der Spieler gehört eigentlich einer externen Gesellschaft, von der ihn der Club quasi mietet. Womit wir bei den Tricks wären, mit denen Vereine die Regeln des Financial Fair Play aushebeln.

Manchester City umgeht das Regelwerk weit weniger elegant als die Nordspanier. Dem Besitzer Scheich Mansour aus Abu Dhabi sind künftig keine direkten Finanzspritzen mehr erlaubt. In den vergangenen zweieinhalb Jahren investierte er kolportiert fast eine Milliarde Euro in den Edelkader des Clubs. Das geht künftig nicht mehr. Doch dafür sponsert in den kommenden zehn Jahren mit Etihad die Fluglinie des Halbbruders von Scheich Mansour den Club mit mehr als 450 Millionen Euro, wenn die Erfolge stimmen. Immerhin - hier sorgt die Schuldenbremse dafür, dass Manchester City nur noch rund die Hälfte der bisherigen Scheich-Investitionen in einem vierfach längeren Zeitraum erhält.

Die Spielermutter als hochdotierte Managerin

Die Uefa kündigte zwar an, sich den Deal genau anzusehen, aber weil ein Teil des Geldes in ein Trainingszentrum investiert wird, das der Jugendausbildung dienen und auch noch öffentlich zugänglich sein soll, könnte der Fußballverband seinen Segen geben. Investitionen in diese Bereiche sind von der Schuldenbremse explizit ausgenommen.

Denkbar sind noch eine Menge anderer Möglichkeiten, das Financial Fair Play auszuhebeln: "Wenn ein Spieler nicht zu üppig bezahlt werden darf, kann man immer noch die Mutter als scheinbar hochdotierte Managerin einstellen", sagt Maennig. Real Madrid hingegen hat vor zehn Jahren vorgemacht, wie man mit dem Verkauf eines Trainingsgeländes 480 Millionen Euro von der öffentlichen Hand bekommen kann. Ein Beihilfe-Verfahren der EU endete 2004 ergebnislos.

Doch selbst wenn die Uefa Einwände gegen bestimmte Transaktionen hat, könnte es für die betreffenden Clubs glimpflich ausgehen. Denn ebenso wie in der Euro-Zone ist auch im Profifußball unklar, wie Verstöße gegen die Schuldenbremse konkret geahndet werden. Von der Geldstrafe bis zum Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben hält sich die Uefa vieles offen.

Wenig Aussichten auf Erfolg hat hingegen die Methode, nach der man offenbar beim FC Malaga und Paris Saint-Germain verfährt. Beide Clubs sind kürzlich von Investoren aus dem Emirat Katar übernommen worden. Malaga und Paris ignorieren die Regeln einfach. Saint-Germain wartet allein in dieser Saison mit einem geschätzten Minus aus Spielertransfers von 84 Millionen Euro auf. Solch einen dreisten Verstoß wird sich die Uefa wohl nicht bieten lassen.

Und so liefert die Fußball-Schuldenbremse zumindest einen Trost für Angela Merkel, falls am Ende des EU-Gipfels ein nicht mehr ganz so harter Fiskalpakt beschlossen werden sollte. Auch das Financial Fair Play der Uefa ist nicht wasserdicht. Aber immerhin: Die Zeit der grenzenlosen Sorglosigkeit im Fußball Europas ist vorbei, die Löcher in den Etats werden immerhin kleiner. Wer dennoch mehr Schulden machen möchte als erlaubt, muss sich zumindest etwas einfallen lassen.



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rl1972 30.01.2012
1. Vergleich
Zitat von sysopAuf dem EU-Gipfel in Brüssel wird am Abend der Fiskalpakt beschlossen, künftig soll Haushaltsdisziplin herrschen in Europa. Im Profifußball gilt*solche eine Schuldenbremse bereits - mit ernüchterndem Ergebnis. Wer weiter unsolide wirtschaften will, findet immer ein Schlupfloch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,812136,00.html
Es gibt allerdings einen kleinen Unterschied , denn wenn einer dieser Schummelvereine pleite geht kommt der Rest der Liga nicht für dessen Schulden auf , sondern es geht direkt in die dritte Liga. Andererseits kann man aber auch sagen das nur solche Vereine zu diesen Methoden greifen die es anderweitig ganz offensichtlich nicht bringen.
brux 30.01.2012
2. Albern
Der Artikel ist albern. Es geht ja nicht darum, jedes Euro-Land zum Heiligen zu machen. Es geht darum, die Konsequenzen bei Verstoessen klar zu definieren. Wer so wie die Griechen wirtschaftet, wird am Ende nicht gerettet. Wer seine 5 Sinne beisammen hat, wird dann schon aufpassen. Wer sich unbedingt umbringen will, kann das gerne tun.
horstma 31.01.2012
3. Wenns doch wie im Fußball wäre
Zitat von sysopAuf dem EU-Gipfel in Brüssel wird am Abend der Fiskalpakt beschlossen, künftig soll Haushaltsdisziplin herrschen in Europa. Im Profifußball gilt*solche eine Schuldenbremse bereits - mit ernüchterndem Ergebnis. Wer weiter unsolide wirtschaften will, findet immer ein Schlupfloch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,812136,00.html
Der Vergleich mit dem Fußball ist super, aber der Autor bleibt auf halbem Wege stehen. Wenn die Finanzen der Euroländer ähnlich konsequent kontrolliert würden wie die der Profivereine, hätten wir kein Griechenlandproblem. Griechenland wäre schon in der ersten Saison wegen falscher Angaben über die Finanzen zwangsabgestiegen, Lizenzentzug. Ähnliches jetzt. Und komischerweise regt sich bei den Fußballclubs keiner darüber auf, daß eine fremde Instanz diese Finanzen kontrolliert, und nicht ein Manager desselben Vereins. Dort hat man also schon lange diesen externen "Sparkommissar", den Griechenland so fürchtet. Man muß leider sagen: Zumindest was das anbelangt, ist der Fußball wesentlich besser organisiert als unsere ganzen Finanzexperten in Berlin, Brüssel, oder wo sie auch immer sitzen mögen. Im Fußball ist ein Club insolvent, wenn er insolvent ist, und nicht erst dann, wenn die restlichen Clubs dazu nicken.
Roßtäuscher 31.01.2012
4. Die Kanzlerin kann vom Fußball noch eine Menge lernen: Mehr Disziplin
Zitat von sysopAuf dem EU-Gipfel in Brüssel wird am Abend der Fiskalpakt beschlossen, künftig soll Haushaltsdisziplin herrschen in Europa. Im Profifußball gilt*solche eine Schuldenbremse bereits - mit ernüchterndem Ergebnis. Wer weiter unsolide wirtschaften will, findet immer ein Schlupfloch. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,812136,00.html
Neben der vermissten Disziplin soll sie endlich lernen zum gesagten Wort zu stehen und verlässlich sein. Sie muss endlich lernen, sie ist eine Person unter öffentlicher Beobachtung, auch bei einem Fußballspiel der National Mannschaft. Sie benahm sich beispielsweise in Südafrika bei der letzten WM, neben dem Präsident Zwanziger sitzend, wie ein abgefeimter Kutscherlehrling, der sich bei einem derben Witz auf die speckigen Schenkel haut, durch die Zähne spuckt sofern man welche hat. Doch bevor sie das alles, nach über 6 Jahren auf der Regierungsbank, noch intus hat, wird sie hoffentlich abgesetzt oder demnächst abgewählt wegen mangelndem Können und der fehlenden Zuverlässigkeit.
yyz 31.01.2012
5. laolawelle...de luxe...;-)
ein großartiger artikel...! hier wird dem SPON leser endlich mal auf allgemein verständliche weise sehr bildhaft vor augen geführt wie diese hoch komplexen und für den interessierten bürger kaum verständlichen ökonomischen-wirtschaftlichen zusammenhänge wirklich funktionieren... es gibt anscheinend doch noch hoffnung... weiter so !!!... vielleicht können sie durch ihren höchst kreativen denkansatz des "fußball-politik vergleichs" in zukunft einen wahren begeisterungssturm für diese doch eher unbequeme thematik entfachen und die allgemein vorherrschende politikverdrossenheit in eine echte euro-laolawelle umwandeln... ihre redakteure sollten viel öfter den KICKER lesen...;-)
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