Michael Kröger

Industrie gegen EU-Klimaplan Die Natur schickt keine Unterhändler

Die EU-Kommission will Europa bis 2050 klimaneutral machen - und die Manager klagen und jammern. Dabei könnten sie gerade jetzt beweisen, was die deutsche Industrie leisten kann.
Dürre in Niedersachsen: Die Frist läuft ab

Dürre in Niedersachsen: Die Frist läuft ab

Foto: Julian Stratenschulte/DPA

Man kann Ursula von der Leyen nicht nachsagen, dass sie sich mit der Einarbeitung in ihren neuen Job übertrieben lange Zeit gelassen hätte. Nach dem langen und intensiven Ringen um die Wahl der neuen EU-Kommission hätte man durchaus erwarten können, dass die Hinwendung zur Sacharbeit erst einmal weniger schlagzeilenträchtig verläuft.

Doch es gibt Themen, die dulden keinen Aufschub - oder besser gesagt: nicht mehr. Dazu gehört, mehr als alles andere, der Klimawandel. Nach Jahrzehnten der Zögerlichkeit ist nun nicht nur sprichwörtlich Feuer unterm Dach. Im Sommer vernichteten Brände ganze Landstriche in Kalifornien, aktuell wüten Feuer in Australien. Die Trockenheit in Europa nimmt sich dagegen fast harmlos aus.

Von der Leyen, so gewinnt man den Eindruck, hat den Ernst der Lage erkannt. Vergangene Woche reiste sie nach Madrid, um den Teilnehmern der Klimakonferenz ihre Unterstützung zu versichern. Auch bei ihrem Besuch in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba stand der Klimawandel im Mittelpunkt. Kaum heimgekehrt legt sie jetzt ihren Plan eines "Green Deal" vor.

Bis 2050 treibhausgasfrei

Danach soll Europa in 30 Jahren völlig anders wirtschaften: Eine moderne Ökonomie im Einklang mit der Natur. Kern des "Green Deal" sind zwei Ziele: Bis 2050 sollen Treibhausgase vollständig vermieden oder gespeichert werden, sei es in Wäldern oder unter der Erde. Auf dem Weg dorthin, das ist der zweite zentrale Punkt, soll ein ehrgeiziges Etappenziel stehen: Schon 2030 soll der Ausstoß von Klimagasen 50 bis 55 Prozent unter dem Wert von 1990 liegen. Bisher geplant ist ein Minus von 40 Prozent.

Diese ökonomische Revolution wird alle betreffen, doch längst nicht alle wollen mitziehen - etwa die EU-Mitglieder Polen, Tschechien und Ungarn. Aber auch in den Ländern, die die Zeichen der Zeit erkannt haben, gibt es erhebliche Widerstände.

In Deutschland zum Beispiel sind es die Wirtschaftsverbände. Schärfere Klimaziele würden zu einer weiteren Verunsicherung von Konsumenten und Unternehmen führen, sagte BDI-Chef Dieter Kempf in Berlin. "Ständige Erhöhungen des Zielniveaus sind Gift für langlebige Investitionen. Sie führen zunehmend in Grenzbereiche der technischen, wirtschaftlichen und sozialen Machbarkeit." Der Ansatz der Europäischen Kommission sei zu einseitig, fügte Kempf hinzu. Internationale Wettbewerbsfähigkeit müsse ein ebenso wichtiges Ziel sein, denn die nötigen "Billioneninvestitionen in Klima- und Umweltschutz" müsse schließlich irgendjemand bezahlen.

Was wir nicht können...

"Was wir können, ist Strukturwandel. Was wir nicht können, ist Strukturbruch", sagte Bosch-Chef Volkmar Denner der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". Ein Veränderungsprozess brauche Zeit. "Wenn man ihn dagegen dogmatisch übers Knie bricht, wird die Industrie den Wandel nicht bewältigen können."

Solche Argumente machen sprachlos angesichts der Herausforderungen, die der Menschheit bevorstehen. Während die deutschen Industriebosse noch in dogmatischen, also theoretischen Kategorien denken, hat sich unsere Lebenswelt in der Wirklichkeit längst zu verändern begonnen. Den Terminplan kennen wir nicht genau, aber sicher ist: Es läuft eine Frist, nach deren Ablauf nur noch ein kleiner Teil der Menschheit wird existieren können - wenn überhaupt. Die Natur schickt auch keine Emissäre, mit denen sich möglicherweise ein wenig Aufschub aushandeln ließe, oder mildere Auswirkungen an dieser oder jener Stelle.

Vor diesem Hintergrund wirkt der Hinweis auf "technische, wirtschaftliche und soziale Machbarkeit" geradezu verzagt von Managern, die ihre Positionen eigentlich ihrer Voraussicht und ihren Führungsqualitäten verdanken sollten. Statt die Probleme in den Mittelpunkt zu stellen, sollten sie viel eher über mögliche Lösungen diskutieren. Denn dass wir die anstehenden Schwierigkeiten bewältigen können, steht außer Frage. Dafür gibt es zu viele gute Beispiele in der Geschichte.

Problemlösungen sind möglich

Vor der Erfindung des Verbrennungsmotors versanken die Städte im Morast der Pferdeäpfel und niemand hätte einen Cent auf das Auto gewettet. Als US-Präsident John F. Kennedy verkündete, ein Amerikaner werde innerhalb des Jahrzehnts einen Fuß auf den Mond setzen, stöhnten nicht wenige Nasa-Manager auf. Und als Mediziner in den Achtzigerjahren die Gefahr des HI-Virus erkannten, sprachen viele von einer Seuche, die die gesamte Menschheit vernichten könnte. Heute können ein, zwei Tabletten pro Tag die Anzahl der Viren so gering halten, dass keine Ansteckung mehr möglich ist. Sogar eine Impfung steht schon kurz vor der Zulassung.

Und da soll es uns nicht möglich sein, unsere Mobilität durch den Elektroantrieb - den wir schon haben - sicherzustellen? Und dafür ausreichend Energie - die wir längst emissionsfrei produzieren können - zu erzeugen und in ausreichender Menge zu speichern - wofür ebenfalls die notwendige Technologie bereitsteht? Womöglich wissen wir heute noch nicht, wie die Lösungen im Detail aussehen, und manches mag sich am Ende als technisch undurchführbar erweisen. Und selbstverständlich ist es sinnvoll, auch über problematische Nebenwirkungen nachzudenken. Aber das müssen wir mittlerweile eher im Sinne eines Strukturbruchs als eines allmählichen Strukturwandels tun. Sorry, Herr Denner.

Hinhaltetaktik stärkt radikale Kräfte

Natürlich wird der anstehende Epochenwechsel mit Verwerfungen verbunden sein, doch was nützt es, ständig darüber zu lamentieren? Vielmehr sollten wir uns klarmachen, dass jedes Hinauszögern nur den Zeitraum verkürzt, in dem Veränderungen noch mit einigermaßen glimpflichen Folgen zu bewerkstelligen sind. Je später wir anfangen, desto teurer wird es.

Die Einwände der prominenten Bedenkenträger bringen aber noch ein ganz anderes, politisches Problem mit sich. Sie stärken die radikalen Kräfte - auf der einen Seite die beharrenden, die alles beim Alten lassen wollen, auf der anderen diejenigen, denen der Wandel nicht schnell genug gehen kann. Beide Seiten haben in ihren extremen Ausprägungen wenig im Sinn mit demokratischen Prozessen, dem Schutz des Individuums und gesellschaftlicher Solidarität. Den Fliehkräften aber begegnet man am besten, wenn man sich konstruktiv an der Verwirklichung von Zielen beteiligt, deren Sinn aktuell zumindest noch eine breite Mehrheit befürwortet.