EU-Lateinamerika-Gipfel Angst vor dem Abstieg

Beim EU-Lateinamerika-Gipfel sitzen zwei Regionen mit mauen Wirtschaftszahlen am Tisch. Während Europa gegen Schulden kämpft, geht es auf der anderen Seite der Erde ums Überleben.

Arbeiter in Brasilien: Nach dem Boom kam der Stillstand

Arbeiter in Brasilien: Nach dem Boom kam der Stillstand

Foto: Mario Tama/ Getty Images

Lateinamerika hatte seit der Jahrtausendwende zunächst gute Wirtschaftsnachrichten produziert. Als Vorzeigemodell für wirtschaftliche Entwicklung lobten die Vereinten Nationen und der Internationale Währungsfonds beispielsweise Brasilien. Der Grund für die Euphorie: Viele lateinamerikanische Länder haben es geschafft, ihr Wirtschaftswachstum so zu steuern, dass viele Arme davon profitieren.

Doch in den vergangenen Jahren ist die Stimmung gekippt. In Brasilien protestieren Hunderttausende gegen Korruption und steigende Lebenshaltungskosten,der argentinische Staat ist 2014 pleitegegangen, und Venezuela leidet unter hoher Inflation. Woher kommen die Probleme?

Das Armutswunder von Lateinamerika

Die Kennzahlen zur Armut in Lateinamerika kannten jahrelang nur eine Richtung: abwärts. Während die Armutsquote im Jahr 2002 noch bei rund 44 Prozent lag, ist sie innerhalb von nur zehn Jahren auf 28 Prozent gefallen. Der Anteil der extrem Armen hat sich im gleichen Zeitraum gar nahezu halbiert.

Als extrem arm gilt, wer sich von seinem Einkommen nicht einmal einen einfachen Nahrungsmittel-Warenkorb kaufen kann. Wer sich zwar Essen leisten kann, aber für andere Grundbedürfnisse kein Geld mehr hat, gilt als arm.

In absoluten Zahlen sind demnach seit der Jahrtausendwende 61 Millionen Menschen der Armut entkommen. Das entspricht der Einwohnerzahl Großbritanniens. Weitere 33 Millionen konnten sich immerhin anders als zuvor genug Essen kaufen.

Durch den Aufstieg entstand in vielen lateinamerikanischen Ländern innerhalb eines Jahrzehnts eine breite Mittelschicht. Nach Zahlen der Weltbank  gehörte dazu im Jahr 2012 etwa jeder Dritte - insgesamt also annähernd 200 Millionen Menschen. Damit stieg die Nachfrage nach Konsumgütern. Allein die Zahl der produzierten Autos in Brasilien hat sich von 2002 bis 2012 mehr als verdoppelt.

Auch die Ungleichheit ging zurück. Die Einkommen näherten sich einander an, die Armen profitierten mehr vom Aufschwung als reichere Bevölkerungsschichten.

Ein Blick auf einzelne lateinamerikanische Länder offenbart durchaus Unterschiede in der Armutsbekämpfung. In Bolivien waren zu Beginn des Jahrzehnts zwei von drei Menschen arm. Zehn Jahre später ist dieser Anteil halbiert worden. Auch in Brasilien ist der Anteil 2012 nur noch halb so groß wie im Jahr 2005. In Argentinien sind die Armutsquoten sogar einstellig.

Der Rückgang der Armut in Lateinamerika ist einhergegangen mit einem gestiegenen Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Wachstumsraten von vier Prozent des Pro-Kopf-BIP waren zwar nicht so hoch wie in China, aber deutlich höher als beispielsweise in Europa. Auch nach dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise 2009 erholte sich die lateinamerikanische Wirtschaft schnell.

Doch in den vergangenen Jahren sind die Wachstumsraten gesunken, und damit stagniert auch der Rückgang der Armut. Die Schätzungen für 2014 sagen sogar einen leichten Anstieg der Quote für extreme Armut voraus. Damit hätten innerhalb eines Jahres zwei Millionen Menschen mehr nicht genug Geld für Grundnahrungsmittel.

Wer den Stillstand verstehen will, muss zuerst den Boom verstehen. "Das hohe Wachstum war sehr stark vom Export von Rohstoffen getrieben", sagt der Direktor des Giga-Instituts für Lateinamerika-Studien, Detlef Nolte.

Das Wirtschaftswachstum hat einem neuen Weltbank-Bericht  zufolge vor allem dafür gesorgt, dass die Einkommen der ungelernten Arbeiter angestiegen sind. "Der Anstieg der Einkommen war die treibende Kraft hinter der Armutsreduktion", sagt Weltbank-Expertin Louise Cord.

Lateinamerika sitzt auf großen Rohstoffvorkommen. In Chile, Peru und Mexiko liegen nach Angaben des US Geological Survey (USGS) 45 Prozent der weltweiten Kupferreserven. Chile alleine verfügt über mehr als die Hälfte der Lithiumreserven. Venezuela und Mexiko wiederum gehören zu den Top Ten der größten Ölproduzenten der Welt. Brasilien exportiert Eisenerz und Soja.

Doch die Einnahmen fließen nicht mehr so wie früher. Die Preise für Metalle sind innerhalb von vier Jahren um 40 Prozent gefallen. Der Ölpreis hat sich im vergangenen Jahr halbiert.

So gerät Lateinamerika zunehmend unter Druck. Fehlende Einnahmen aus Exporten reißen an vielen Stellen Löcher in die Staatshaushalte. Die Regierungen müssen zusehen, wie sie ihre teilweise umfangreichen Sozialprogramme finanziert bekommen. Auch diese haben - von Land zu Land in unterschiedlichem Ausmaß - zur Reduktion der Armut beigetragen, wie Zahlen der Economic Commission for Latin America and the Caribbean  zeigen.

Die Staats- und Regierungschefs suchen nach Auswegen. "Brasilien drängt auf eine Freihandelszone mit der EU", sagt Giga-Forscher Nolte. Der Wunsch ist bei Angela Merkel angekommen: Lateinamerika sei an einer engen Zusammenarbeit mit Europa interessiert, sagte die Kanzlerin in Brüssel.

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