Freihandel mit Südamerika EU vereinbart "größten Deal ihrer Geschichte"

Die USA und China stecken tief in ihrem Handelskonflikt - da rücken Europäer und Südamerikaner enger zusammen: Beim G20-Gipfel haben sie die größte Freihandelszone der Welt beschlossen.

Jean-Claude Juncker
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Jean-Claude Juncker


Die EU und der südamerikanische Staatenbund Mercosur wollen gemeinsam die größte Freihandelszone der Welt aufbauen. Nach jahrelangen Verhandlungen sei eine politische Einigung erzielt worden, teilte die EU-Kommission mit. Kommissionschef Jean-Claude Juncker sprach von einem "historischen Moment". Laut BBC nannte er den Deal "den größten in der Geschichte der EU".

Die vereinbarte Freihandelszone sei eine großartige Nachricht für Unternehmen, Arbeitnehmer und die Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantik.

Auch der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro schrieb auf Twitter: "Historisch! Dies wird eines der wichtigsten Handelsabkommen aller Zeiten sein und unserer Wirtschaft enorme Vorteile bringen. Großartiger Tag."

Vier südamerikanische Länder sind dabei

Die Verhandlungen zwischen der EU und den Mercosur-Ländern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay liefen mit Unterbrechungen bereits seit dem Jahr 2000. Das Abkommen soll über den Abbau von Zöllen und anderen Handelshemmnissen den Warenaustausch stärken und Unternehmen Kosteneinsparungen in Milliardenhöhe bringen.

Der Staatenbund Mercosur ist mit einer Bevölkerung von mehr als 260 Millionen Menschen einer der großen Wirtschaftsräume der Welt. Die EU kommt sogar auf mehr als 512 Millionen Einwohner.

Das Abkommen mit der Mercosur-Gruppe soll das größte werden, das die EU jemals vereinbart hat. Bislang ist dies das Abkommen mit Japan, das am 1. Februar in Kraft trat und die bisher größte Freihandelszone der Welt schuf.

Die Exporte von EU-Unternehmen in die vier Mercosur-Staaten beliefen sich 2018 auf rund 45 Milliarden Euro, in die andere Richtung waren es Ausfuhren im Wert von 42,6 Milliarden Euro. Für den lateinamerikanischen Staatenbund ist die EU bereits heute der wichtigste Handels- und Investmentpartner.

Konflikte sind programmiert

Die Mercosur-Staaten exportieren vor allem Nahrungsmittel, Getränke und Tabak in die EU. Von dort gehen wiederum vor allem Maschinen, Transportausrüstungen sowie Chemikalien und pharmazeutische Produkte nach Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. "Der Vertrag hat ein enormes Potenzial, um die Investitionen zu erhöhen. Das ist fundamental, um nachhaltiges Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen sowie die Armut in unserem Land zu bekämpfen", schrieb der argentinische Finanzminister Nicolás Dujovne auf Twitter.

Allerdings gibt es auch Kritik an dem Freihandelsabkommen. Viele europäische Landwirte befürchten, dem Wettbewerb mit den Agrargroßmächten aus Südamerika nicht gewachsen zu sein. Im Gegensatz zu anderen Branchen gilt der Agrarsektor in der Region als ausgesprochen wettbewerbsfähig. Zum einen wird im Mercosur-Bund in deutlich größerem Maßstab produziert, was Kostenvorteile mit sich bringt. Zudem gehen die Landwirte in der Region sehr großzügig mit Pflanzenschutzmitteln und Gentechnik um, was viele Verbraucher in Europa kritisch sehen.

Verbraucherschützer kritisieren, dass für das Abkommen die in Europa recht hohen Standards abgesenkt werden könnten, um den Exporteuren aus den Mercosur-Ländern den Marktzugang zu erleichtern.

Klares Signal Richtung USA

Umweltschützer befürchten, dass die neuen Absatzmärkte für Fleisch- und Sojaexporte aus Brasilien dazu führen könnten, dass die Weide- und Anbauflächen erweitert werden und dafür der Amazonas-Regenwald weiter abgeholzt wird. Brasiliens Präsident Bolsonaro gilt als Freund der Agrarindustrie, Umweltschutz hingegen gehört nicht zu seinen Prioritäten. Das könnte weltweite Auswirkungen haben, da der Regenwald als CO2-Speicher eine große Bedeutung im globalen Kampf gegen die Klimaerwärmung hat.

Neben der wirtschaftlichen Dimension hat das geplante Abkommen auch eine politische. Die EU will angesichts der aktuellen Politik der USA ein Zeichen für freien und fairen Handel setzen - vor allem, nachdem US-Präsident Donald Trump die Pläne für das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP einstampfte und auch die US-Beteiligung am Pazifik-Handelsabkommen TPP aufkündigte. "Inmitten internationaler Handelsspannungen senden wir das starke Signal, dass wir für regelbasierten Handel stehen", schrieb Juncker.

wal/dpa



insgesamt 93 Beiträge
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mannakn 28.06.2019
1. Super, hier sollen...
...sich Bauern und Bürger klimafreundlicher aufstellen, dafür wird jetzt der Markt mit Produkten der Abholznation Brasilien geflutet. Herzlichen Dank für Konsequenz....ich hoffe der Kunde setzt hier deutliche Zeichen.
Maryland Madman 28.06.2019
2. Fairer Handel vor freiem Handel
Viel wichtiger ist es, dafür zu sorgen, dass der Bonus, der durch die ersparten Zölle und Einfuhrgebühren erwirtschaftet wird, auch tatsächlich bei der Bevölkerung ankommt und nicht nur bei ein paar Superreichen auf beiden Seiten. Außerdem darf die EU keine Zugeständnisse machen, was Standards bei ethischer und nachhaltiger Nahrungsmittelerzeugung anbelangt.
andregera 28.06.2019
3. Na ganz großartig!
Das bedeutet dann wohl die komplette Abholzung des Regenwaldes für Sojabohnenanbau, den dann unsere Rinder und Schweine zum fressen bekommen, und Europa seine Fleischwaren noch billiger in die große weite Welt ausliefern kann.
TomTheViking 28.06.2019
4. endlich eine erfreuliche Nachricht
Die deutsche Agrarindustrie muss dieses Abkommen ebenfalls nicht fürchten. Schweinefleisch können die auch nicht billiger. Soja ist Tierfutter, das kann man nicht wirklich essen wollen. Milch werden die ebenfalls nicht liefern können. Ein einziges Produkt können die billiger und das ist Rindfleisch aus extensiver Viehaltung. Hier kann Deutschland aufgrund der teuren und in geringem Maße vorhandenen Flächen nicht mithalten. Den sogenannten "Ökobauern" mit Rinderhaltung kann dies wirklich kneifen. Aber der "Ökokunde" kann ja Regionalität belohnen. Ich fühle mich bei den derzeitigen Rindfleischpreisen ausgenommen. Na dann schauen wir mal was dann eine Pampamast-Kalbshaxe kostet.
phantasierender... 28.06.2019
5. Oh mein Gott ...
jetzt werden auch noch die letzten Rindermäster in der EU aufgeben (die nach den höchsten Anbauvorschriften weltweit wirtschaften) damit in Südamerika weiter Regenwaldflächen abgeholzt werden können. man wird sagen :"seht her wie wir unseren Rinderbestand abgebaut haben was soviel Tonnen weniger co2 und Methan verhindert hat" das dafür aber zig Quadratkilometer Regenwald der Jahrtausende gewachsen ist gekostet hat interessiert weder unsere grünen Wähler noch sonst jemand in der EU. Klimaschutz ad absurdum - und sowas wird von "unseren" Politikern auch noch gefeiert - ich bin Sprachlos... mal sehen wie lange das die französischen Landwirte mitmachen ...
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