EU-Schuldenkrise "Griechenland ist die Bewährungsprobe"

Angst um den Euro: Der Umgang mit der Griechenland-Krise ist die große Bewährungsprobe für die Währungsunion, sagt Deutsche-Bank-Chefsvolkswirt Thomas Mayer im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Bei einer leichtfertigen Rettungsaktion für Griechenland könnte sie zerbrechen.

Euro-Symbol vor dem EU-Parlament in Brüssel: "Wir dürfen auf keinen Fall auf eine Transferunion hinsteuern"
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Euro-Symbol vor dem EU-Parlament in Brüssel: "Wir dürfen auf keinen Fall auf eine Transferunion hinsteuern"


SPIEGEL ONLINE: Herr Mayer, Bundeskanzlerin Angela Merkel stemmt sich beharrlich gegen Finanzhilfen aus der EU für Griechenland, sie fordert ein Engagement des Internationalen Währungsfonds. Ist Merkel eine schlechte Europäerin?

Mayer: Nein, im Gegenteil. Die Währungsunion ist weder eine politische noch eine Fiskalunion. Der Stabilitätspakt fordert, dass die Länder selbst mit ihren Haushaltsproblemen fertig werden. Wenn wir diesen Grundsatz vernachlässigen, ist das gefährlich für die Akzeptanz der Europäischen Währungsunion besonders in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Der Widerstand wundert dennoch. Griechenland fehlen 20 bis 30 Milliarden Euro in diesem Jahr, um Kredite zu refinanzieren. Diese Kosten erscheinen überschaubar, wenn man in Dimensionen der Finanzkrise denkt. Allein die Rettung der Hypo Real Estate kostete rund 100 Milliarden Euro.

Mayer: Sie haben recht. Gehen wir mal davon aus, dass Deutschland mit fünf Milliarden Euro oder etwas mehr einspringen müsste. Im Vergleich zu den Summen, die in der Finanzkrise aufgerufen wurden und noch immer werden, scheint das wenig. Das sagen auch die Griechen. Nach dem Motto: "Ihr zahlt das doch aus der Portokasse." Aber darum geht es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Mayer: Man schafft einen Präzedenzfall. Sofort hätten die Regierungen anderer Länder auch das Gefühl: Im Notfall können wir in Berlin anklopfen und ein paar Milliarden abrufen. Der Umgang mit der Griechenland-Krise ist deshalb eine Bewährungsprobe, er wird bestimmen, wie es mit dem Euro weitergeht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sorgen sich um die Währung?

Mayer: Natürlich. Wir dürfen auf keinen Fall auf eine Transferunion hinsteuern, in der die starken Länder die weniger starken finanziell permanent stützen. Sonst wird die Akzeptanz für den Euro in der Bevölkerung schnell schwinden. Die Währungsunion könnte daran mittelfristig zerbrechen. Der deutsche Steuerzahler ist doch nicht bereit, dauerhaft Geld für Länder aufzubringen, die über ihre Verhältnisse wirtschaften.

SPIEGEL ONLINE: Also ist es richtig, Griechenland zum IWF zu schicken?

Mayer: Es ist zumindest der erste Schritt. Aber von den 30 Milliarden Euro, die Athen voraussichtlich in diesem Jahr fehlen, wird der IWF vielleicht zehn Milliarden beisteuern.

SPIEGEL ONLINE: Also kommen die EU-Partner mittelfristig gar nicht um Kredite herum?

Mayer: Wie weitere Hilfen aussehen werden, muss man sehen. Es sind auch Kreditgarantien denkbar. Aber das ist nicht der entscheidende Punkt. Die Frage ist: Wie schaffen wir Mechanismen für ähnliche Situationen in Zukunft? Und vor allem: Was machen wir, wenn der IWF scheitert? Angenommen, er gibt Griechenland Geld, macht Auflagen, und das alles hilft nicht. Genau das ist in Argentinien Anfang des letzten Jahrzehnts passiert. Damals haben die IWF-Leute in Buenos Aires ihre Koffer gepackt, und das Land ist pleite gegangen. Im Fall Griechenland wäre das der GAU.

SPIEGEL ONLINE: Was würde passieren?

Mayer: Bei einem ungeordneten Bankrott schmieren die Preise der Staatsanleihen sofort ab. Die deutsche Finanzbranche könnte das theoretisch bis zu 40 Milliarden Euro kosten - so hoch sind die Forderungen, die wir an Griechenland haben. Eine Insolvenz in Athen könnte außerdem andere Schuldenstaaten wie Spanien oder Portugal mitreißen. Die Finanzkrise II wäre endgültig da. Und vielleicht wäre sie noch schlimmer als die erste. Die südlichen Länder der Euro-Zone sind allein in Deutschland mit mehr als 520 Milliarden Euro verschuldet. Wir müssen Vorkehrungen gegen solche Szenarien treffen. An dieser Stelle könnte ein Europäischer Währungsfonds (EWF) ansetzen,...

SPIEGEL ONLINE: …den Sie gemeinsam mit einem Wissenschaftskollegen schon im Februar vorgeschlagen haben und den jetzt auch Bundesfinanzminister Schäuble einrichten will. Aber was könnte denn eine europäische Organisation - die man noch neu schaffen müsste - besser als der IWF?

Mayer: Ganz einfach. Ein EWF könnte einen Staat, wenn alle anderen Maßnahmen fehlgeschlagen sind, in eine geordnete Insolvenz führen. Er könnte zum Beispiel seine Schulden zeitweise übernehmen und so einem Ausverkauf bei den Anleihen entgegenwirken. Dazu hat der IWF keine Instrumente.

SPIEGEL ONLINE: Vorher freilich muss man eine Behörde schaffen, Fachpersonal aufbauen. Würde das nicht Jahre dauern?

Mayer: Ich glaube, ein EWF könnte binnen zwölf Monaten stehen. Man muss doch nicht erst in Brüssel eine Baugrube ausheben. Eine virtuelle, rechtliche Einheit würde reichen. Die Elemente sind vorhanden. Und Griechenland ist die Trockenübung. Es werden bereits Brüsseler Statistiker und Fiskalexperten nach Athen geschickt, die die Zahlen prüfen und Reformen überwachen.

SPIEGEL ONLINE: Aber um der EU dauerhaft Kompetenzen zu übertragen und einen EWF zu schaffen, müsste der Lissabonner Vertrag aufgeschnürt werden. Es ist doch reichlich optimistisch zu glauben, das sei in zwölf Monaten machbar.

Mayer: Der Vertrag müsste nur geändert werden, wenn man einem Land auch die Möglichkeit geben will, aus dem Euro auszusteigen. Alles andere ließe sich unter der Möglichkeit der verstärkten Zusammenarbeit bewerkstelligen, die der Kontrakt vorsieht. Es ist nur eine Frage des politischen Willens.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Ökonomen-Kollegen fordern, statt solchen Aufwand zu betreiben, solle man einfach die bestehenden Institutionen verbessern. Reichen nicht neue, automatische Sanktionen für Verstöße gegen den Stabilitätspakt?

Mayer: Folgt man dieser Denkweise könnte man sich im Gesundheitswesen auch auf Vorsorgemaßnahmen beschränken und auf Krankenhäuser verzichten. Was wir im Falle drohender Staatspleiten jedoch brauchen, ist eine echte Kur. Wenn Länder sich trotz aller Maßnahmen überschulden, müssen wir wirksame Instrumente haben und einsetzen.

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Seite 1
mitwisser, 18.03.2010
1.
Zitat von sysopNach dem Drama in Griechenland fragen sich EU und Euro-Zone, wie man ähnliche Desaster künftig verhindern kann. Ideen dafür gibt es reichlich. Viele allerdings sind Schaumschlägerei. Und nur wenige können das grundlegende europäische Dilemma wirklich lösen. Was also tun in Europa?
Europa demokratisieren ! Weniger Beamte, mehr Transparenz. weniger Klüngel und "Weglobungen". Solange die EU den Bürger als Gegner und Zahler sieht, wird der Wunsch der Bevölkerung nach Nationalstaaten und eigener Währung zunehmen. Die aktuellen protektionistischen Handlungen und Vorschläge lassen ja ahnen, wohin die Reise gehen kann - trotz des Europäischen Gedankens! Die Menschen haben den Euro fast überall abgelehnt, Kohl und Konsorten haben ihn dennoch eingeführt. In Deutschland hat er die Kaufkraft der Menschen halbiert und die Skepsis bzgl. EU und der versammelten Abzocker-Inkompetenz wurde bestätigt. Solange die EU ein großes Versorgungswerk für mittelmäßige Politiker ist, wird kaum ein EU-Bürger für diesen Moloch sein. In der UDSSR schaffte man solch einen Moloch ab und wir lassen zu, daß eine kleine Clique diesen seit Jahren erweitert - auf Kosten unserer Bürgerrechte! Jetzt müssen wir auch noch feststellen, daß diese Tagträumer keinen Plan B für den Euro haben. Das ist kriminell. M.M. wird der Euro crashen und der Europäische Gedanke wird in die 50 er Jahre zurückkatapultiert. Hoffe mal. daß wenigstens kein Blut fließt.
rolli 18.03.2010
2.
Zitat von sysopNach dem Drama in Griechenland fragen sich EU und Euro-Zone, wie man ähnliche Desaster künftig verhindern kann. Ideen dafür gibt es reichlich. Viele allerdings sind Schaumschlägerei. Und nur wenige können das grundlegende europäische Dilemma wirklich lösen. Was also tun in Europa?
Es gab mal das Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten. Damals eine bich praktikable Version, aber unter den heutigen Gesichtspunken vielleicht hoffähig geworden. Allerdings würde dann D. in keine der Geschwindigkeiten passen. Wir haben den Turo-Kapitalismus unter der Motorhaube, und keiner in Europa will seine Bürger so ausnehmen und abzocken wie es in D. möglich ist.
frubi 18.03.2010
3. .
Zitat von sysopNach dem Drama in Griechenland fragen sich EU und Euro-Zone, wie man ähnliche Desaster künftig verhindern kann. Ideen dafür gibt es reichlich. Viele allerdings sind Schaumschlägerei. Und nur wenige können das grundlegende europäische Dilemma wirklich lösen. Was also tun in Europa?
Die EU auflösen und jeder kriegt seine Währung wieder. Das mit der EU können wir dann in 30-50 Jahren nochmal in einer anderen, weniger bürokratischen und mehr demokratischen Form, nochmal versuchen.
Robert B., 18.03.2010
4. Aktion gegen unnötige Titel!
Zitat von sysopNach dem Drama in Griechenland fragen sich EU und Euro-Zone, wie man ähnliche Desaster künftig verhindern kann. Ideen dafür gibt es reichlich. Viele allerdings sind Schaumschlägerei. Und nur wenige können das grundlegende europäische Dilemma wirklich lösen. Was also tun in Europa?
Das was ich schon die ganze Zeit schreibe. Reset. Die jetzige EU auflösen. Neustart mit nur wenigen Mitgliedern. D,A,F, Benelux und die Skandinavier in eine Union. Und Ende.
Cortado#13, 18.03.2010
5. Was ist zu tun in Europa?
In der Tat eine schicksalsträchtige Frage, die eigentlich nach dem gesunden Menschenverstand beantwortet werden muss. Die EU ist ein geldverschlingendes und unberechenbares Monster!!! Deshalb sollte die EU auf die ursprünglichen 16 Staaten wieder reduziert werden. Die einfachste Lösung ist aber, die Wahnidee von einem vereinigten Europa endlich aufzugeben. Auch aus diesem Grund sollte der Euro zerschlagen werden, er ist der grösste Volksbetrug, eine reine Abzocke-Währung. Jedes einzelne Land der ursprünglichen 16 Staaten stand ohne die EU und ohne den Euro finanziell wesentlich besser da. Aber die EU Bürokraten sehen das natürlich nicht ein, denn sie sind ausrangierte und in die EU abgeschobene Parlamentarier der einzelnen Länder mit sehr fetten Löhnen für "Nichtstuer". In meinem Fall habe ich mit dem Euro pro Monat ca. 150 Euro (umgerechnet) weniger Rente, für die Lebenshaltungskosten muss ich heute aber ca. 40% mehr zahlen! Gerade das ist der Betrug mit dem Euro. Warum machen die Politiker in Deutschland nicht eine Vergleichsrechnung DM zu Euro? Dann käme sehr schnell an das Tageslicht, dass sich auch mit dem Euro die finanzielle Situation in Deutschland wesentlich verschlechtert hat. Nur, dazu fehlt der Mut oder der Sachverstand.
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