Thomas Fricke

Abgestürzter Wechselkurs Die seltsame Aufregung um den scheinschwachen Euro

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Dass unsere Währung jetzt weniger als einen Dollar kostet, hat in Wirklichkeit keine Bedeutung. Skandalös ist eher, wie abwegig es an den Devisenmärkten zugeht.
Dollar- und Euro-Scheine

Dollar- und Euro-Scheine

Foto: Gregorio Borgia / AP

Nein, der Euro ist jetzt nicht weniger Wert als der Dollar. Und nein, wenn der Eurokurs im Devisenhandel diese Woche erstmals unter die Marke von einem Euro pro Dollar gefallen ist, zeigt das auch nicht, wie schwach doch die Euro-Wirtschaft ist. Das Schein-Event sagt mehr darüber, wie wenig das Devisencasino mit dem zu tun hat, was wirtschaftlich sinnvoll wäre, als über den Euro per se – auch wenn unsere eifrigen Eurogegner das mal wieder als Beleg für die gescheiterte Währungsunion umzudeuten versuchen.

Nach gängigem Verständnis sind Währungen der Abwertung geweiht, wenn es im betreffenden Land (oder Währungsraum) ein hohes Außenhandelsdefizit gibt – oder höhere Inflation als bei den anderen. Was auch Sinn ergäbe – zumindest nach Lehrbuch: Wer eine Exportschwäche hat, wertet ab, was die Exporte im Ausland günstiger macht und die Verkäufe ankurbeln hilft. Problem beseitigt.

Realitätscheck für die aktuelle Lage: beides Fehlanzeige. Im Euroraum werden seit Jahren Überschüsse im Export-Import-Geschäft erwirtschaftet. Und die Inflation lag über Jahre niedriger als gerade in den USA oder Großbritannien. Was selbst jetzt der Fall ist – Briten und Amerikaner haben aktuell eine höhere Inflation als etwa die Deutschen. Der Euro müsste demnach eher aufwerten als abwerten. Wenn er jetzt abwertet, werden die Exporte günstiger – und die Exportüberschüsse gegenüber den Amerikanern eher noch größer. Kuriosum.

Dass der Euro jetzt unter die vermeintliche Parität gefallen ist, sagt auch gar nichts darüber, ob man jetzt für einen Euro in Amerika mehr bekommt als zu Hause – oder umgekehrt. Erst recht nicht, dass es seit Erreichen der 1:1-Marke jetzt weniger ist.

Gängige Schätzungen kommen zu ganz anderen Ergebnissen – und ebenfalls dazu, dass es an den Devisenmärkten eigentlich in die andere Richtung gehen müsste: Die Industrieländerorganisation OECD berechnet und vergleicht regelmäßig, bei welchem Devisenkurs beide Seiten die gleiche Kaufkraft hätten – also wann man in den USA fürs Geld dasselbe bekäme wie bei uns. Demnach müsste der Euro nach Stand 2021 eher auf so etwas wie 1,30 Euro je US-Dollar steigen – und nicht fallen. Ähnliches ergibt der legendär gewordene Big-Mac-Index, den der »Economist« regelmäßig auf Basis des simplen Vergleichs der jeweiligen Preise für das Gericht eines bekannten Fast-Food-Anbieters ermittelt. Danach war der Euro Anfang 2022 um fast 15 Prozent unterbewertet. Wenn er jetzt bei immer noch höherer Inflation in den USA fällt, wird das wirtschaftliche Problem nur noch größer.

Der Haken ist, dass es im Devisencasino doch nur bedingt um solche Fundamentaldaten geht – und der Korrekturmechanismus daher aussetzt. Wie Auswertungen seit Jahren ergeben, dominiert im Handel mit den Währungen immer wieder schlicht und einfach ein ganz kurzfristiges Argument: die Frage, wo man gerade die höheren Zinsen bekommt. Da lässt sich im schnellen Handel schnell Geld verdienen. Gibt es auf den Dollar wie jetzt höhere Zinsen – allein weil derzeit die US-Notenbank angesichts heiklerer Inflation auch schneller die Sätze anhebt – schichten die Investoren von Euro und anderen Währungen auf Dollar um. Womit die Nachfrage und der Preis steigen – also der Dollarkurs. Dazu kommt dann noch der übliche Herdentrieb – und einiges an Spekulation auf die vermeintlich magische Parität. Schon ist der Euro runter – obwohl er eigentlich rauf müsste.

Dass das für viel verquere Aufregung in Deutschland sorgt, ist das eine. Das andere ist, dass all das ökonomisch auch nur bedingt Sinn ergibt. Warum sollen US-Exporteure es jetzt schwerer haben – wo die Handelsbilanz seit Jahren defizitär ist? Und die Lehrbücher in solchen Fällen einen schwächeren Dollarkurs empfehlen? Warum wertet der Euro so stark ab – obwohl sich an den Fundamentaldaten an sich nicht so viel geändert hat – und selbst die Inflation niedriger ist?

Nach dem Big-Mac-Index gab es Anfang 2022 überhaupt nur zwei Währungen, die gegenüber dem US-Dollar überbewertet waren – der Schweizer Franken und die norwegische Krone. Gegenüber allen anderen war der Dollar zu teuer – nicht weil das Land so unschlagbar ist, sondern weil der Dollar einfach viel nachgefragt wird. Ob als Sicherungswährung oder für höhere Zinsen.

Wenn all das für Aufregung sorgen sollte, dann eher darüber, was da ein paar Investoren täglich an Spiel treiben – und an schneller Bereicherung. Und wie wenig das immer wieder zu dem passt, was wirtschaftlich sinnvoll wäre. Dann wäre die Frage eher, was eines Tages mal an die Stelle eines so nur sehr bedingt sinnvollen Systems treten sollte. Und ob dann nicht die Zeit gekommen wäre, auch die Währungskurse wieder stärker zu kontrollieren. So wie das in der Nachkriegszeit mit dem Bretton-Woods-System fester, aber politisch anpassbarer Kurse der Fall war.

Dann ließe sich im Devisencasino im Zweifel zwar kein Geld mehr verdienen. Aber es wäre für den Rest der Menschheit besser.

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