Euro-Krise Deutschland hat den Hellas-Tick

Schulden, Schulden, Schulden: Die Probleme in Griechenland halten Europa fest im Griff. Dabei ist die Lage dort ein Sonderfall. Unsolide öffentliche Haushalte sind keineswegs das Hauptproblem der Euro-Zone. Durch das Hellas-Drama lässt sich die Politik in eine falsche Richtung treiben.

Ausschreitungen in Athen nach den Sparbeschlüssen: Fatale Fixierung auf Griechenland
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Ausschreitungen in Athen nach den Sparbeschlüssen: Fatale Fixierung auf Griechenland

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Immer wieder Griechenland. Immer wieder Zittern. Immer weiter driftet Europa in die falsche Richtung. Seit Anfang 2010 steht der kleine, überschuldete Südoststaat an der Schwelle zum Bankrott. Und es könnte sein, dass es dieses Mal tatsächlich eng wird - dass das griechische Drama zur europäischen Tragödie wird, dass Griechenland in den Bankrott rutscht, andere Länder mitreißt und am Ende die Währungsunion insgesamt zerstört.

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Heft 7/2012
Verboten gefährlich

Die Krisenlogik, der Regierungen und Notenbanken in den vergangenen zwei Jahren gefolgt sind, geht so: Scheitert Griechenland, scheitert der Euro, scheitert Europa - scheitert schließlich Deutschland, das sechs Jahrzehnte lang viel in die europäische Integration investiert hat.

Doch die Fixierung auf die griechische Krise hat Europa insgesamt in eine falsche Richtung getrieben. Es ist der Eindruck entstanden, unsolide öffentliche Haushalte seien das Hauptproblem des Euro-Landes. Nicht nur Griechenland, so der Tenor der Debatte, auch viele andere Staaten hätten sich in der Euro-Ära ein lockeres Leben gegönnt, hätten hohe Staatsdefizite gefahren. Und jetzt seien sie so hochverschuldet, dass sie an der Pleite entlang schrammen und (von den Deutschen) gerettet werden müssen. Die Währungsunion, so die populäre Argumentation, verführe dazu, auf Kosten anderer eine verantwortungslose Politik zu machen, weil man sich darauf verlassen könne, im Zweifel (von den Deutschen) gerettet zu werden. Diesen Anreiz zur finanzpolitischen Verantwortungslosigkeit zu beseitigen, das war und ist die Ratio hinter dem deutschen Kurs seit Ausbruch der Staatsschuldenkrise.

Die Anderen sind auch nicht schlimmer als Deutschland

Im Mittelpunkt stand stets die Frage, wie man die Spielregeln im Euro-Raum so verschärfen kann, dass der Stabilitäts- und Wachstumspakt möglichst automatisch wirkt - dass also Staaten daran gehindert werden, Budgetdefizite von mehr als drei Prozent des BIP zuzulassen. Um nicht missverstanden zu werden: Die Staatsfinanzen auf ein solides Regelwerk zu stellen, ist eine gute Idee, genauso wie die Schuldenbremse, die die Große Koalition ins Grundgesetz hat schreiben lassen.

Aber dass hohe Defizite seit Beginn der Währungsunion das Hauptproblem seien, dieser Befund geht an der Realität vorbei. Die Wahrheit ist: Nur wenige Mitgliedstaaten haben seit Beginn der Währungsunion eine rücksichtslos freigiebige Finanzpolitik betrieben.

Dieser Vorwurf trifft zu allererst Griechenland, das schon mit gefälschten Zahlen Euro-Mitglied wurde und das auch danach in keinem einzigen Jahr die Drei-Prozent-Regel eingehalten hat. Der Vorwurf, in der Währungsunion zu hohe Defizite zugelassen zu haben, trifft auch auf Portugal zu. Seit 2003 machte der Staat Jahr für Jahr mehr Schulden als erlaubt.

Die anderen Problemländer - die PIIGS (Portugal, Irland, Italien, Griechenland, Spanien) sowie Belgien - haben sich hingegen fiskalisch nicht viel anders verhalten als Deutschland: In guten Zeiten reduzierten sie ihr Defizit, bei schwacher Entwicklung ließen sie höhere Defizite zu als erlaubt.

Irland erwirtschaftete über die ganzen Nullerjahre Haushaltsüberschüsse, bis zum Ausbruch der Krise 2008. Die Regierung in Dublin reduzierte Staatsschulden bis auf eine Schuldenquote von unter 30 Prozent, halb so hoch wie Deutschlands vor der Krise. Erst seit die völlig überschuldete private Wirtschaft daniederliegt, hat Irland ein Staatsschuldenproblem und musste sich unter den Euro-Rettungsschirm flüchten.

Auch Spanien hatte in den Nullerjahren ausgeglichene Haushalte, in einigen Jahren sogar Überschüsse. Die Staatsschuldenquote sank bis 2007 auf 42 Prozent des BIP. Das Problem des Landes war der Bauboom und die stark steigende Verschuldung der Unternehmen, die bis 2008 auf 140 Prozent des BIP hochschnellte, mehr als doppelt so hoch wie der vergleichbare Wert für Deutschland. Das Problem aber waren nicht seine Staatsschulden.

Italien sitzt auf einer großen Hypothek, die die Regierungen in den siebziger und achtziger Jahren angehäuft haben: ein Schuldenberg von 120 Prozent des BIP. Diese Quote haben die römischen Regierungen immerhin stabilisieren können. Sicher, die Haushaltsdefizite lagen in vielen Jahren leicht über drei Prozent, darin Deutschland nicht unähnlich. Italiens Problem besteht darin, dass die verkrustete Wirtschaft zu wenig Dynamik hinbekommt, als dass sie die inzwischen panischen Finanzmärkte beruhigen könnte.

Belgien, wie Italien mit hohen Schulden aus der Vergangenheit belastet, hielt sich bis zum Ausbruch der Krise ständig an die Drei-Prozent-Regel. Die Schuldenquote, die in den neunziger Jahren bei 130 Prozent des BIP gelegen hatte, sank auf 88 Prozent 2007. Und im Zuge der Krise stieg sie nur moderat, anders als etwa Deutschlands Werte.

Es ist wahr: Die allermeisten westlichen Staaten - auch Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die USA - sind mit zu hohen Staatsschulden in die Krise gestartet. Sie hätten zuvor mehr sparen und ihre Schuldenstände senken müssen. Aber das Pauschalurteil, der Euro verführe zu hemmungsloser Schuldenmacherei, wird durch die Zahlen nicht belegt.

Private, nicht öffentliche Schulden sind Europas Problem

Nein, der Mutterboden dieser Krise ist die gigantische private Verschuldung, die sich über lange Zeit ungebremst aufbauen konnte. Vor allem die privaten Schulden explodierten seit Beginn der Währungsunion förmlich: Bürger kauften hemmungslos Immobilien, Unternehmen "hebelten" ihr Eigenkapital mit immer mehr Fremdkapital. Dadurch entstanden deformierte Wirtschaftsstrukturen - mit zu großen Bausektoren und zu geringer Produktivität im Exportsektor.

Aber während die schwer lösbare Problematik dieser Ungleichgewichte wenig Aufmerksamkeit erfahren hat, stand die Finanzpolitik der Euro-Mitgliedstaaten seit Ausbruch der Krise im Zentrum der Diskussion - auch weil der falsche Eindruck entstand, Griechenland sei überall.

Die große Frage bleibt: Wie werden Volkswirtschaften wie die spanische mit einem Rückstand bei der Wettbewerbsfähigkeit innerhalb eines multinationalen Währungsraums wieder fit?

Möglich, dass der Euro am Ende doch noch an der Hellas-Fixierung scheitert - einfach weil Europa aus dem Sonderfall Griechenland die falschen Schlüsse zieht.



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
recardo 14.02.2012
1.
Zitat von sysopDPASchulden, Schulden, Schulden: Die Probleme in Griechenland halten Europa fest im Griff. Dabei ist die Lage dort ein Sonderfall. Unsolide öffentliche Haushalte sind keineswegs das Hauptproblem der Euro-Zone. Durch das Hellas-Drama lässt sich die Politik in eine falsche Richtung treiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814913,00.html
Euro-Knechtschaft abschaffen; D-Mark wieder einführen und dann sollen die Griechen streiken wie sie wollen. Das geht uns dann nichts mehr an. Wir haben die falsche Währung seit über zehn Jahren, die ist nicht nur schlecht für Deutschland, sie ist schlecht überall, wie man sieht. Es war eine der schlechtesten Dinge, die Deutschland in den letzten Jahrzehnten getan hat, einfach dieses elende Geld. Es ist uns aufgeschwatzt worden, es würde Frieden bringen in Europa, die Wirtschaft sollte stetiger wachsen : all der Müll wurde uns erzählt und alles ist die pure Lüge. Raus aus dem Euro, je eher, desto besser und gleich die EU Macht wegnehmen, mit den Briten zusammen; die hatten ohnehin mit allem Recht, was sie sagten. Eine Schande ist, was unsere Eliten dem ganzen Europa antaten!
wibo2 14.02.2012
2. Ihr Master of Desaster der EU hört auf den Rat des Ehrenwerten Cameron!
Zitat von sysopDPASchulden, Schulden, Schulden: Die Probleme in Griechenland halten Europa fest im Griff. Dabei ist die Lage dort ein Sonderfall. Unsolide öffentliche Haushalte sind keineswegs das Hauptproblem der Euro-Zone. Durch das Hellas-Drama lässt sich die Politik in eine falsche Richtung treiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814913,00.html
Schulden kann man nicht mit immer mehr Schulden abbauen. Diese Binsenweisheit will trotz der täglich neuen Zeichen an der Wand den Verwaltern der europäischen Euro - Desasters nicht in den Sinn kommen! Jetzt helfen nur noch 2 Maßnahmen: 1. Schulden von Irland, Portugal, Spanien und Griechenland werden nicht mehr verzinst! Weil die total pleite sind sowohl privat als auch staatlich. 2. das Geld für die Schulden von Irland, Portugal, Spanien und Griechenland werden von der EZB zinsfrei gedruckt und den Banken über 20 Jahre festgelegt nach und nach zurückgegeben! 3. Irland, Portugal, Spanien und Griechenland brauchen ein Geschäftsmodell, damit sie ihre Staatsausgaben bestreiten können! Das ist eine Herausforderung sondersgleichen, die noch nie dagewesen ist.So und nicht anders könnte es gehen! MfG wibo2
Strichnid 14.02.2012
3. ...
Zitat von wibo2Schulden kann man nicht mit immer mehr Schulden abbauen. Diese Binsenweisheit will trotz der täglich neuen Zeichen an der Wand den Verwaltern der europäischen Euro - Desasters nicht in den Sinn kommen! Jetzt helfen nur noch 2 Maßnahmen: 1. Schulden von Irland, Portugal, Spanien und Griechenland werden nicht mehr verzinst! Weil die total pleite sind sowohl privat als auch staatlich. 2. das Geld für die Schulden von Irland, Portugal, Spanien und Griechenland werden von der EZB zinsfrei gedruckt und den Banken über 20 Jahre festgelegt nach und nach zurückgegeben! 3. Irland, Portugal, Spanien und Griechenland brauchen ein Geschäftsmodell, damit sie ihre Staatsausgaben bestreiten können! Das ist eine Herausforderung sondersgleichen, die noch nie dagewesen ist.So und nicht anders könnte es gehen! MfG wibo2
Sehr richtig. So löst man Überschuldungskrisen. So hat auch China vor nunmehr 12 Jahren seine letzte Bankenkrise gelöst. Es wird aber eher der Euro zerbrechen, als dass die Merkel diese mathematischen Notwendigkeiten anerkennt.
mansmann 14.02.2012
4. Staatsschulden sind das Problem
Zitat von sysopDPASchulden, Schulden, Schulden: Die Probleme in Griechenland halten Europa fest im Griff. Dabei ist die Lage dort ein Sonderfall. Unsolide öffentliche Haushalte sind keineswegs das Hauptproblem der Euro-Zone. Durch das Hellas-Drama lässt sich die Politik in eine falsche Richtung treiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814913,00.html
Natürlich sind Staatsschulden das Problem - wer so hohe Schulden anhäuft, dass er eine Zinssteigerung nicht aushalten kann (die notwendigerweise kommt, wenn das Risiko steigt), hat ein schlechtes Risikomanagement - das die meisten Staaten, die so handeln, ihren Unternehmen nicht erlauben. Soll sich jeder Staat in Europa endlich mal an das halten, was er seinen Bürgern und Unternehmen (oft ja mit Recht) vorschreibt! Und eines ist in diesem Artikel definitiv falsch: Der Stabilitätspakt hat ausgeglichene Haushalte und Schuldenabbau vertraglich fixiert. Die Regeln für die jährliche Neuverschuldung waren immer nur als Ausnahmen gedacht! Wer sich an den Pakt hätte halten wollen, hätte in allen normalen Jahren einen ausgeglichenen Haushalt vorgelegt und nur in den Krisenjahren verschuldet - und dann auch nur bis zur Grenze. Auch die 80- oder 120-%-Regeln für die Gesamtverschuldung gg. BIP sind als OBERGRENZEN gedacht gewesen. - Und ohnehin sind alle diese Prozentzahlen irgendwie willkürlich. Am Ende bleibt: Was da geplant war, die Theorie, wie auch die daraus entstandene (viel schlechtere) Praxis gehen von einem falschen, zu toleranten Verständnis von Staatsschulden aus. Ist ja auch kein Wunder: Haben ja genau die Politiker gemacht, die vorher die Schulden schon verbrochen haben.
2wwk 14.02.2012
5. Merkwuerdiger Artikel
Zitat von sysopDPASchulden, Schulden, Schulden: Die Probleme in Griechenland halten Europa fest im Griff. Dabei ist die Lage dort ein Sonderfall. Unsolide öffentliche Haushalte sind keineswegs das Hauptproblem der Euro-Zone. Durch das Hellas-Drama lässt sich die Politik in eine falsche Richtung treiben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814913,00.html
es mag schon stimmen dass wir auch zu viele private Schulden haben, aber GR geht Pleite weil der Staat zu viel ausgibt! Es gibt zwar moechte-gern Oekonomen die behaupten ein Staat kann nicht zu viel ausgeben, dass ist aber Quatsch! Natuerlich, wenn die Buerger auch noch zu viele Schulden haben, haben die auch mehr ausgegeben als sie einnehmen, das ist dann eine Verschaerfung des Problems und macht es schwerer fuer die Regierung mehr Steuern einzutreiben! .... aber nichts aendert sich daran, dass man haushalten muss! 160% des Jahreseinkommen als Schulden und mehr Staatsdiener als Positionen geht halt nicht!
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