Schuldenkrise Finanzministerium zeichnet düsteres Euro-Crash-Szenario

Das Wachstum würde massiv einbrechen, die Arbeitslosigkeit auf mehr als fünf Millionen steigen: Nach SPIEGEL-Informationen rechnet das Finanzministerium für den Fall eines Euro-Zusammenbruchs mit katastrophalen Folgen für die deutsche Wirtschaft.
Gespiegeltes Euro-Symbol vor der EZB-Zentrale: Eine noch so teure Rettung das kleine Übel

Gespiegeltes Euro-Symbol vor der EZB-Zentrale: Eine noch so teure Rettung das kleine Übel

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Hamburg - Der Finanzminister findet klare Worte. Im Interview mit dem SPIEGEL warnt Wolfgang Schäuble eindringlich davor, den Euro aufs Spiel zu setzen. Sollte die gemeinsame Währung auseinanderbrechen, wovon er nicht ausgehe, bestehe die Gefahr, "dass vieles von dem, was wir erreicht und liebgewonnen haben, in Frage gestellt würde - vom gemeinsamen Binnenmarkt bis hin zur Reisefreiheit in Europa". Ein Auseinanderbrechen der EU wäre aber absurd, so Schäuble. "Das kann, darf und wird nicht sein."

Welche Gefahren Deutschland bei einem Euro-Kollaps drohen, zeigt ein Papier aus Schäubles Ministerium. Ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone hätte für die deutsche Wirtschaft katastrophale Folgen. Zu diesem Ergebnis kommt nach SPIEGEL-Informationen eine Untersuchung des Bundesfinanzministeriums (BMF).

Der Wachstumseinbruch würde im ersten Jahr nach Wiedereinführung einer eigenen deutschen Währung bis zu zehn Prozent betragen, sagt ein Szenario voraus. Die Arbeitslosigkeit würde wieder auf mehr als fünf Millionen Menschen steigen.

Das Finanzministerium hat seine Erkenntnisse bislang unter Verschluss gehalten, aus Angst, die Kosten einer Euro-Rettung nicht mehr unter Kontrolle halten zu können. "Gemessen an solchen Szenarien erscheint eine noch so teure Rettung als kleines Übel", zitiert der SPIEGEL einen BMF-Beamten.

Obwohl in Griechenland eine Regierung unter dem Konservativen Antonis Samaras zustande gekommen ist, bleibt die Situation angespannt. Die neue Koalition in Athen forderte sogleich eine Aufweichung des Sparprogramms. Man wolle weniger sparen und zwei Jahre mehr Zeit zur Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen, heißt es in einem Strategiepapier. Doch Zugeständnisse an Griechenland hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel schon zuvor ausgeschlossen.

Merkel reist am Mittwoch nach Paris

Zudem tun sich neue Brandherde auf: Italiens Wirtschaft schrumpft immer weiter, die Bevölkerung wehrt sich gegen das Sparprogramm von Regierungschef Mario Monti, die Jugendarbeitslosigkeit erreicht beängstigende Werte. Spanien bekam von seinen Euro-Partnern zwar Hilfskredite von bis zu 100 Milliarden Euro zur Stützung der maroden Banken zugesichert - wird aber an den Märkten trotzdem mit Rekordzinsen für seine Staatsanleihen abgestraft.

Um der Krise endlich Herr zu werden, haben sich die vier größten Wirtschaftsnationen Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien gerade auf einen 130 Milliarden schweren Wachstumspakt geeinigt. Statt stur zu sparen, soll nun die Wirtschaft angekurbelt werden. Auch die Finanztransaktionsteuer soll kommen - wenn auch zunächst nur in kleinerem Kreis.

Auf dem EU-Gipfel in Brüssel Ende der Woche sollen die restlichen Mitgliedsländer überzeugt werden. Kanzlerin Merkel wird bereits am Mittwoch nach Paris reisen, um gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten François Hollande den Gipfel vorzubereiten.

Europäer rechnen nicht mit Schuldenrückzahlung aus Griechenland

Trotz der politischen Bemühungen geben die meisten Deutschen, Franzosen, Spanier und Italiener einer Umfrage zufolge die Finanzhilfen für Griechenland verloren. Die Bewohner der vier größten Wirtschaftsnationen der Euro-Zone gehen mehrheitlich davon aus, dass Griechenland das in der Krise geliehene Geld nie zurückzahlen wird, wie aus einer Umfrage von Ifop für die "Bild am Sonntag", die französische "Le Journal du Dimanche", die italienische "Corriere della Sera" und die spanische "ABC" hervorgeht. In Frankreich seien 85 Prozent dieser Ansicht, in Deutschland 84 Prozent, in Spanien 72 Prozent und in Italien 65 Prozent.

Deshalb sei ein Großteil der Befragten auch dafür, Griechenland als Konsequenz aus der Euro-Zone auszuschließen. 78 Prozent der Deutschen und 65 Prozent der Franzosen hätten sich dafür ausgesprochen. In Spanien und Italien, selber Krisenstaaten im Visier der Finanzmärkte, fällt das Urteil etwas milder aus. Ungefähr die Hälfte - 51 Prozent in Spanien und 49 Prozent in Italien - unterstützen einen Ausschluss Griechenlands.

Die Aufgabe des Euro scheint jedoch keine Option. In Deutschland sind 39 Prozent dafür, in Frankreich 26 Prozent, in Spanien 25 Prozent und in Italien 28 Prozent. Das Ifop-Institut befragte zwischen dem 18. und 21. Juni knapp 4000 Menschen in den vier Ländern.

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hut/yes/dpa/Reuters