Euro-Turbulenzen Altkanzler Schmidt zerpflückt Merkels Krisenpolitik

Ein Kenner spricht Klartext. Helmut Schmidt hat die Politik der Bundesregierung in der Finanzkrise angegriffen - Kanzlerin Merkel agiere "nicht sehr geschickt", findet er. Generell fehlten in Europa Politiker mit Überblick und Urteilskraft.

Alt-Bundeskanzler Schmidt: "Im tiefsten Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre"
dpa

Alt-Bundeskanzler Schmidt: "Im tiefsten Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre"


Berlin - Er kritisiert die Bundesbank scharf und vermisst Führungsstärke bei Europas Spitzenpolitikern: Wenn es um die aktuelle Euro-Krise geht findet Helmut Schmidt deutliche Worte.

"Generell würde ich sagen: Europa fehlen Führungspersönlichkeiten - Personen in hohen Ämtern der Nationalstaaten mit genügendem Überblick über nationale wie internationale Fragen und ausreichender Urteilskraft", sagte der frühere Bundeskanzler in einem Interview mit dem "Handelsblatt".

Als Ausnahme nannte Schmidt Jean-Claude Juncker, den Premierminister von Luxemburg, dessen Land aber zu klein sei, um eine substantielle Rolle zu spielen.

An Bundeskanzlerin Angela Merkel übt Schmidt dagegen deutliche Kritik. Sie agiere in der Krise "nicht sehr geschickt". Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble kommt nicht gut weg: "Haushalts- und Steuerprobleme versteht er gut. Doch die internationalen Geld- und Kapitalmärkte, das Bankensystem oder die Aufsicht über die Banken und Schattenbanken sind neu für ihn."

Zu den Ursachen der aktuellen Währungskrise in Europa sagte Schmidt: "Der sogenannte Stabilitäts- und Wachstumspakt hat keinen Gesetzescharakter, sondern ist lediglich eine Vereinbarung zwischen Regierungen." Es sei nicht hilfreich gewesen, dass Frankreich und Deutschland in der ersten Hälfte des Jahrzehnts die Vorschriften des Pakts verletzt haben. "Merkel würde diese Fehler gerne korrigieren, aber ihre Erfolgsaussichten sind recht gering", sagte der 91-Jährige.

Die Bundesbank ging Schmidt mit scharfen Worten an. "Im tiefsten Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre. Sie sind gegen die europäische Integration", sagte der "Zeit"-Herausgeber. Schmidts Kritik richtet sich gegen den ehemaligen Bundesbank-Chef Hans Tietmeyer und seine Nachfolger: "Sie denken nicht wirklich liberal. Sie neigen dazu, zu sehr nach nationalen Interessen zu agieren, und haben die strategische Notwendigkeit der europäischen Integration nicht verstanden."

"Es hätte Spekulationen gegen die D-Mark gegeben"

Schmidt kritisierte auch die Krisenpolitik der europäischen Staaten. Viele Länder hätten es nicht verstanden, "die richtigen Regeln" zu setzen. Notwendig seien "striktere Regeln für das wirtschaftliche Verhalten" der Euro-Staaten. Zudem hätten diese "den großen Fehler begangen", zu viele Staaten in die Währungsunion aufzunehmen.

Schmidt gilt als einer der frühen Wegbereiter des Euro. Der Altkanzler hatte sich in den siebziger Jahren zusammen mit dem damaligen französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing für eine einheitliche Währung eingesetzt. Unter seiner Ägide wurden der sogenannte Ecu geschaffen, der Vorläufer des Euro. Den verteidigt Schmidt: "Bis jetzt hat die Idee einer gemeinsamen Währung meine volle Unterstützung", sagte er.

Hätte Deutschland den Euro nicht eingeführt, hätte es sich nach Ansicht Schmidts ebenfalls leicht im Visier von Finanzmarkt-Spekulationen wiederfinden können. In diesem Fall "hätte es in den vergangenen 20 Jahren mindestens ein- oder zweimal eine Spekulation gegen die D-Mark gegeben", sagte Schmidt. "Und deren Größenordnung hätte das alles überstiegen, was wir mit Griechenland oder Irland erlebt haben."

EU beschließt Irland-Hilfe

Die EU arbeitet weiter intensiv an der Eindämmung der Krise. Die EU-Finanzminister haben das Hilfspaket in Höhe von 85 Milliarden Euro für das krisengeschüttelte Irland gebilligt. Das berichteten Diplomaten am Rande des Treffens am Dienstag in Brüssel. Dublin hat demnach bis 2015 Zeit, sein Defizit unter die Marke von drei Prozent der Wirtschaftsleistung zu bringen - und damit ein Jahr länger als ursprünglich geplant. EU und der Internationale Währungsfonds (IWF) hatten das Paket bereits Ende November auf den Weg gebracht.

Irland ist das erste Euro-Land, das unter den riesigen Rettungsschirm der Europäer mit einem Volumen von 750 Milliarden Euro schlüpft. Die Insel wird von einer schweren Bankenkrise erschüttert, das Defizit wird im laufenden Jahr 32 Prozent betragen.

wit/AFP/dpa

insgesamt 2040 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
japan10 04.12.2010
1.
Zitat von sysopDie europäische Schuldenkrise galt mit der Rettung Griechenlands und dem Rettungsschirm für den Euro im Frühjahr dieses Jahres als überwunden. Doch nun ist der Euro nach Ansicht von Experten so gefährdet wie nie. Muss Deutschland den Euro um jeden Preis sichern?
Das dürfte D nicht gelingen. Wenn in der Vergangenheit ein Spekulant das engl.Pfund zu Fall bringen konnte, dann ist der Euro gegen das Geld, welches die Mathematiker derzeit zur Verfügung haben fast ohne Chance. Der Euro wäre nicht in dieser Lage, hätten nicht andauernd Angriffe seitens der Hedgefonds und Investmentbanken auf die Euroländer stattgefunden. Würden sich diese Leute auf den $ oder auf den Rubel so einschießen wären diese Länder Zahlungsunfähig. Die Lage in den USA ist nicht besser als in Griechenland. Wahrscheinlich müssen in Griechenland nicht soviel Leute aus dem Mülleimer essen.
Liberalitärer, 04.12.2010
2. Etwas älter
Zitat von sysopDie europäische Schuldenkrise galt mit der Rettung Griechenlands und dem Rettungsschirm für den Euro im Frühjahr dieses Jahres als überwunden. Doch nun ist der Euro nach Ansicht von Experten so gefährdet wie nie. Muss Deutschland den Euro um jeden Preis sichern?
"Angela Merkel warned that Germany could abandon the euro German chancellor said to have made comments during an EU summit dinner in Brussels at the end of October" http://www.guardian.co.uk/world/2010/dec/03/angela-merkel-germany-abandon-euro Nein, sagt(e) Frau Dr. Merkel
maximilian sperber, 04.12.2010
3.
Die politischen Willenskundgebungen, den Euro in der jetzigen Form zu retten, koste es was es wolle, werden bereits in den nächsten Monaten sukzessive abnehmen.
merapi22 04.12.2010
4. Aenderungen fuer die Zukunft notwendig!
Zitat von japan10Das dürfte D nicht gelingen. Wenn in der Vergangenheit ein Spekulant das engl.Pfund zu Fall bringen konnte, dann ist der Euro gegen das Geld, welches die Mathematiker derzeit zur Verfügung haben fast ohne Chance. Der Euro wäre nicht in dieser Lage, hätten nicht andauernd Angriffe seitens der Hedgefonds und Investmentbanken auf die Euroländer stattgefunden. Würden sich diese Leute auf den $ oder auf den Rubel so einschießen wären diese Länder Zahlungsunfähig. Die Lage in den USA ist nicht besser als in Griechenland. Wahrscheinlich müssen in Griechenland nicht soviel Leute aus dem Mülleimer essen.
Bei der Asienkrise 1997 hat der Stadtstaat Singapur der Spekulation standgehalten, die Sekulanten haben da Verluste eingefahren. England hat damals auch nur nachgegeben, weil ein tieferer Pfundkurs, der Wirtschaft Vorteile brachte! England hat heute weit groessere Probleme, die Euro Krise ist bald vergessen, wird von anderen ueberlagert! Krisen sind aber heilsam fuer Wirtschaft und Politik, es bedarf grundlegender Anderungen, wie etwa das BGE um zukuenftige, wirklich Systemgefaehrdente Krisen zu vermeiden!
alpenjonny 04.12.2010
5. Wer A sagt, muss auch B sagen
Gruezi! Um den EURO zu retten, muss D die Hosen ganz weit herunterlassen und blechen, dass die Schwarte kracht und oben auf dem Hunsrück die Wegweiser vor Schreck umfallen. Madame Merkel braucht in der Tat beinahe eine Kurpackung Kamille und Nerventee, um das alles auf die Reihe zu bringen. Altkanzler HK wolle den EURO, um jeden Preis. Oder wer A sagt muss auch B sagen. Mitgehangen, mitgefangen. Die Lister der beinahe insolventen EU-Mitglieder wird länger und länger. Zahlen, bis D nicht mehr kann, Punkt und Schluss.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.