Portugals Mário Centeno Vom gescheiterten Banker zum Chef der Eurogruppe

Portugals Finanzminister Mário Centeno wird neuer Chef der Eurogruppe. Die Berufung ist für den promovierten Ökonomen die Krönung eines späten, rasanten Aufstiegs - und Hoffnung für Griechenlands Regierung.
Mário Centeno

Mário Centeno

Foto: YVES HERMAN/ REUTERS

Seinen Ritterschlag hat Mário Centeno schon im Frühjahr erhalten. Von Wolfgang Schäuble, ausgerechnet. Centeno sei der "Ronaldo" unter den EU-Finanzministern, lobte der Deutsche im Mai seinen portugiesischen Amtskollegen. Es war die größtmögliche Anerkennung für Centenos Arbeit, hatte Schäuble doch zuvor monatelang keine Chance ausgelassen, die Linksregierung in Lissabon anzuprangern wegen ihrer Abkehr vom strikten Sparkurs.

Doch dann wurde Schäuble vom Kritiker zu Centenos Karrierebeschleuniger.

Dass Mário Centeno neuer Chef der Eurogruppe wird, hat er maßgeblich der deutschen Regierung zu verdanken. Der 50-jährige Portugiese war der Wunschkandidat von Kanzlerin Angela Merkel für diesen Posten: einen der wichtigsten und schwierigsten in der EU. Oberste Aufgabe des Eurogruppen-Chefs ist es, die Wirtschaftspolitik der 19 Eurostaaten zu koordinieren. Und: Die Vorstellungen der Finanzminister könnten unterschiedlicher kaum sein. Centenos Vorgänger, der Niederländer Jeroen Dijsselbloem, musste in einer Tour Kompromisse ausbaldowern. Vor allem die milliardenschweren Hilfsprogramme und die harten Reformauflagen für Griechenland sorgten immer wieder für Streit.

Centeno kommt selbst aus einem einstigen Eurokrisenland. Seine Berufung ist für den promovierten Ökonomen die Krönung eines späten, rasanten Aufstiegs. 2013, vor seinem Quereinstig in die Politik, war er noch ein gescheiterter Banker. Damals arbeitete Centeno bei der portugiesischen Zentralbank: als stellvertretender Direktor der Abteilung für wirtschaftliche Studien. Als die Direktorenstelle nach neun Jahren endlich frei wurde, bewarb sich Centeno auf den Posten. Doch die Bank stoppte das Auswahlverfahren - und begründete dies öffentlich damit, den Anwärtern fehlten die nötigen Qualifikationen für den Posten.

Es war eine Demütigung für den ehrgeizigen Centeno. Und im Nachhinein das Beste, was ihm passieren konnte.

Lange galt Centeno als Vertreter des Liberalismus

Schon als Jugendlicher war der Sohn eines Bankmitarbeiters und einer Postangestellten ein Vorzeigeschüler. Als er 15 wurde, zog die Familie vom Algarve-Küstenort Real de Santo António nach Lissabon, um den drei Söhnen eine bessere Schulbildung zu ermöglichen. Der junge Mário brillierte, am Gymnasium wie auch in der Universität. Zwei Studiengänge schloss er ab, als Mathematiker und Volkswirt. Und seine Doktorarbeit schrieb er an der US-Eliteuni Harvard: über die Ökonomie der Arbeit. In jungen Jahren galt Centeno als Vertreter des Liberalismus; unter anderem sprach er sich gegen höhere Mindestlöhne aus.

2000 kehrte der glühende Fan des Fußballvereins Benfica Lissabon zurück in seine Heimat. Und fing beim Banco de Portugal an. 13 Jahre lang diente sich Centeno hoch bei der Notenbank. Nebenbei machte er sich in Brüssel einen Namen als Portugals Vertreter im Ausschuss für Wirtschaftspolitik, der die EU-Kommission und den -Rat berät.

Dann kam der Karriereknick. Centeno schmiss bei der Zentralbank hin und verdingte sich fortan als Berater und Hochschuldozent. Im November 2015 wurde er dann schlagartig Berufspolitiker: Nach dem Machtwechsel berief der neue sozialistische Premierminister Antonio Costa den Ökonomen ohne Parteibuch zum Finanzminister, in seiner von Kommunisten und dem Linksblock tolerierten Minderheitsregierung.

Vom ersten Amtstag an machten Centeno und Costa linksgerichtete Politik. Sie haben

  • einige Steuern gesenkt,
  • Gehaltskürzungen der Vorgängerregierungen im Staatsdienst rückgängig gemacht,
  • Renten wieder etwas erhöht -
  • und auch Mindestlöhne.

Austerität light, könnte man diesen Kurs nennen. Ihre Gegner prophezeiten ihnen ausufernde Defizite - und Portugal eine neue Schuldenkrise.

Aber Centenos Zahlen stimmen. Das Haushaltsdefizit, das 2014 noch 7,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betrug, wird dieses Jahr voraussichtlich auf 1,4 Prozent fallen. Zugleich wächst die Wirtschaft mit mehr als 2,5 Prozent so stark wie seit der weltweiten Finanzkrise nicht mehr. Und so fallen die Risikoprämien, die Investoren für den Kauf portugiesischer Staatsschulden verlangen, in Richtung langjähriger Tiefstände.

Centeno hat Glück gehabt. Das kleine Wirtschaftswunder hätte es wohl nicht gegeben ohne die günstigen äußeren Umstände. Terroranschläge und politische Unsicherheit andernorts beflügeln den Portugal-Tourismus, der niedrige Ölpreis senkt die Energierechnungen, der lange Zeit schwache Euro hilft der Exportindustrie. Aber die Wirtschaft ist auch wettbewerbsfähiger geworden. Unternehmen investieren mehr, und die Menschen konsumieren wieder. Centeno schreibt sich das auf seine Fahne. "Strukturreformen waren nötig", sagte er der spanischen Zeitung "El País", "aber sie müssen begleitet werden von Anreizen für Investitionen."

Vorbild für Griechenland

Griechenlands Premier Alexis Tsipras (Archivbild)

Griechenlands Premier Alexis Tsipras (Archivbild)

Foto: COSTAS BALTAS/ REUTERS

Mit seiner ruhigen Art und seinem Fachwissen hat sich der dreifache Familienvater in Europas Politszene Respekt erworben. Auch Alexis Tsipras hat ausschließlich gute Worte für ihn übrig. Centenos Kandidatur sei "hoffnungsvoll" sagte Griechenlands Premier vergangene Woche der Zeitung "Diario de Noticias". Und fügte hinzu: "Er hat uns den Weg gezeigt." Griechenland werde es genauso machen, wenn es einmal die Auflagen der internationalen Geldgeber los sei. Die Eurostaaten verlangen Athen als Gegenleistung für ihre Notkredite einen harten Sparkurs ab.

Kommenden August läuft das dritte Griechenland-Rettungspaket aus. Dann sollen sich die Griechen wieder eigenständig Geld an den Finanzmärkten borgen. Und dann wird in der Eurogruppe auch wieder der Streit hochkochen, ob das völlig überschuldete Griechenland vorher einen neuen Schuldenerlass braucht. Die Bundesregierung lehnt den Schuldenschnitt kategorisch ab.

Centeno hingegen hat sich schon vor Monaten dafür ausgesprochen, damals noch als Vertreter der überschuldeten portugiesischen Regierung. In seinem neuen Amt kann er sich so klare Aussagen nicht mehr erlauben.

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