Eurokrise Sechs Länder, sechs Probleme, sechs Strategien

Kehrt die Eurokrise zurück? Manchen Staaten geht es heute besser, in anderen ist die Lage so lala. Das größte Sorgenkind ist nicht mehr Griechenland.

Auch das noch! Neben der täglichen Dosis Trump-Verunsicherung sind zuletzt wieder solche Schlagzeilen zu lesen: "Furcht vor einer neuen Eurokrise" ("Handelsblatt") oder "Anleger fürchten sich vor einer neuen Eurokrise" ("FAZ").

Dabei schien sich Europas Lage weitgehend beruhigt zu haben. Wie wahrscheinlich also ist es, dass die Eurokrise tatsächlich wieder aufflammt?

Ein Blick in die überwiegend südeuropäischen Krisenländer zeigt, dass sich vieles zum Guten gewendet hat. Doch nicht alle Probleme von Ländern wie Portugal oder Zypern wurden beseitigt. Zugleich droht mit Italien ein neues Land zu kippen, dessen Rettung die Europartner überfordern könnte.

Lesen Sie im Folgenden, wie die Lage in einzelnen Euroländern ist. In den Grafiken können Sie über Schaltflächen am oberen Rand verschiedene Wirtschaftsindikatoren aufrufen:

Griechenland: Sieben Jahre Elend

Parlamentsgebäude in Athen im Februar 2017

Parlamentsgebäude in Athen im Februar 2017

Foto: Alkis Konstantinidis/ REUTERS

Langsam wird es schwer, sich noch an ein Griechenland ohne Krise zu erinnern. Fast sieben Jahre sind vergangen, seit das Land erstmals Finanzhilfen seiner Euro-Partner beantragen musste. Mittlerweile läuft das dritte Hilfsprogramm.

Wie wenig sich in all der Zeit am Grundproblem geändert hat, zeigt der Blick auf die griechische Staatsverschuldung. Mit gut 170 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt sie immer noch weit jenseits aller tragbaren Werte. Einen spürbaren Rückgang gab es zuletzt 2012, als private Gläubiger des Landes an einem Schuldenschnitt beteiligt wurden.

Doch was tun? Über diese Frage haben sich mittlerweile auch die Geldgeber des Landes zerstritten. Die Europäer und insbesondere Deutschland pochen weiter darauf, durch einen strikten Sparkurs hohe Überschüsse zu erwirtschaften. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält das für unrealistisch und will sich ohne weitere Erleichterungen nicht finanziell am laufenden Programm beteiligen.

Tatsächlich sprechen Wachstumszahlen nahe der Nulllinie und die immer noch höchste Arbeitslosigkeit der Eurozone nicht dafür, dass die bisherigen Rezepte funktioniert haben. Das liegt aber auch an einer ungleichen Verteilung der Lasten: Während etwa Rentner massive Kürzungen hinnehmen mussten, wurden Reformen geschützter Berufsgruppen, eine höhere Besteuerung von Reichen oder zugesagte Privatisierungen verschleppt. Die wohl einzig gute Nachricht für Griechenland: Bis zum Sommer besteht kein akuter Finanzbedarf.

Fazit: An Griechenlands grundsätzlichen Problemen hat sich trotz harter Einschnitte kaum etwas geändert. Über einen Ausweg sind sich auch die Geldgeber nicht einig.

Italien: Reichlich Grund zur Sorge

Piazza Navona in Rom

Piazza Navona in Rom

Foto: Getty Images

Italien hat ein Bankenproblem. Das Krisenhaus Monte dei Paschi wird gerade mit Steuermilliarden gerettet, da tut sich bereits der nächste Problemfall auf. Fast zwölf Milliarden Euro Verlust hat Unicredit gerade fürs vergangene Jahr vermeldet, da kommt nicht einmal die Deutsche Bank mit. Nun startete Italiens größtes Kreditinstitut eine Kapitalerhöhung, die bis Mitte März rund 13 Milliarden Euro frisches Geld bringen soll. Misslingt das Projekt, wackelt der gesamte italienische Finanzsektor.

Auch so schon sieht es nicht gut für die Wirtschaft aus. Trotz extrem niedriger Zinsen und günstiger Ölpreise ist sie vergangenes Jahr nur um 0,9 Prozent gewachsen. Noch gefährlicher: Das Land hat mit den größten Staatsschuldenberg aller europäischen Nationen aufgehäuft. Und jedes Jahr schreibt es neue Defizite. Die EU-Kommission fordert von Rom, im diesjährigen Haushalt weitere 3,4 Milliarden Euro einzusparen, sonst dräut womöglich ein Strafverfahren.

Und dann ist da noch die unklare politische Situation: Gibt es vorgezogene Neuwahlen, triumphieren womöglich gar die eurokritischen Populisten? Oder mogelt sich die jetzige Regierung bis zum Ende der Legislaturperiode in einem Jahr durch?

All das verunsichert die Geldgeber: Obwohl die Europäische Zentralbank seit 2015 wieder und wieder italienische Staatsschulden in Milliardenhöhe aufkauft, steigen die Kapitalmarktzinsen seit einiger Zeit an. Anfang Februar verlangten die Gläubiger langlaufender italienischer Staatsanleihen zeitweise über zwei Prozentpunkte mehr Rendite pro Jahr als für vergleichbare deutsche Schulden. Das war der höchste Risikoaufschlag seit drei Jahren.

Fazit: Italien ist das Sorgenkind der Eurozone - auch, weil es aufgrund seiner Größe viel schwieriger zu retten wäre als Griechenland oder Portugal.

Spanien: Jubel wäre verfrüht

Blick über Barcelona (Archivbild)

Blick über Barcelona (Archivbild)

Foto: Jasper Juinen/ Getty Images

Spaniens größter Krisenherd lag zuletzt in der Politik: Fast ein Jahr lang war das Land ohne Regierungschef, zwei Mal musste gewählt werden, bis am Ende doch wieder der Konservative Mariano Rajoy die Führung übernahm.

Dass die Spanier diese Hängepartie vergleichsweise gelassen verfolgen konnten, lag auch an der Wirtschaft, die nach dem Platzen einer gewaltigen Immobilienblase inzwischen wieder deutlich wächst. Ein wichtiger Faktor ist dabei, dass sich viele Touristen nach Anschlägen in Nordafrika und der Türkei für Spanien entscheiden.

Auch die Arbeitslosigkeit sinkt, bleibt aber ein großes Problem. Noch immer ist fast jeder Fünfte auf Jobsuche. Rajoy hat mit Arbeitsmarktreformen zwar Neueinstellungen, aber auch Kündigungen erleichtert. Die Mehrzahl der neu geschaffenen Stellen ist befristet. Spaniens ohnehin schwieriger Arbeitsmarkt ist noch unsicherer geworden.

Gegen verfrühten Jubel spricht auch der Blick auf die Staatsverschuldung: Sie beträgt seit Jahren rund hundert Prozent und damit deutlich mehr als eigentlich von der EU erlaubt. Auch die Drei-Prozent-Hürde für die Neuverschuldung wird Rajoy 2017 voraussichtlich wie in den Vorjahren reißen. Einer Geldstrafe für die Verstöße entging seine Regierung nur, weil die EU-Kommission beide Augen zudrückte.

Fazit: In Spanien hat sich vieles verbessert, doch besonders der Arbeitsmarkt bleibt eine Schwachstelle.

Portugal: Genug gespart?

Terreiro do Paco in Lissabon (Archivbild)

Terreiro do Paco in Lissabon (Archivbild)

Foto: © Jose Manuel Ribeiro / Reuters/ REUTERS

Mit der Austerität ist es vorbei in Portugal. Die linke Minderheitsregierung unter Premierminister António Costa hat seit ihrem Antritt vor 15 Monaten zahlreiche Sparmaßnahmen ihrer konservativen Vorgänger einkassiert. Mit einer Anhebung des Mindestlohns, höheren Pensionen, kürzeren Arbeitszeiten für Staatsdiener und einer niedrigeren Mehrwertsteuer für Restaurants will sie den Konsum stärken und Arbeitsplätze schaffen.

Das gelingt bislang nur bedingt: 2016 wuchs die Wirtschaftsleistung um 1,4 Prozent. Die Arbeitslosigkeit ist von 12,5 auf zuletzt 10,9 Prozent gesunken. Das ist nicht berauschend. Aber den Bürgern, von denen viele in den Krisenjahren verarmt sind, macht es Hoffnung. Costa genießt hohe Sympathiewerte.

Seinen Angaben zufolge hat Portugal das Jahr 2016 mit einem Haushaltsdefizit von "weniger als 2,5 Prozent" der Wirtschaftsleistung abgeschlossen; das wäre der niedrigste Wert seit Jahren. Die Schuldenquote ist allerdings mit rund 130 Prozent die dritthöchste in der Eurozone hinter Griechenland und Italien. Und die Banken haben noch viele faule Kredite in ihren Büchern.

Die Gläubiger an den Finanzmärkten misstrauen der von Kommunisten und dem linken Block unterstützten Regierung mehr und mehr. Anfang Februar stieg die Risikoprämie für Staatsanleihen auf den höchsten Wert seit 2013.

Fazit: Die Krise hat Portugal noch lange nicht überwunden. Ein Rückfall in Krisenzeiten ist jederzeit möglich.

Irland: Zurück auf eigenen Füßen

Enda Kenny im Februar 2017

Enda Kenny im Februar 2017

Foto: JOHN THYS/ AFP

Irland ist das Musterland der Eurorettung. Mit mehr als vier Prozent Wachstum war die Inselnation 2016 vorn dabei im Euroraum. Die Krise von 2008 und 2009 - als die irische Immobilienblase platzte, der Staat Banken retten musste und dadurch an den Rand des Ruins geriet - erscheint fast als Intermezzo in einem seit vielen Jahren anhaltenden Boom.

Das ohnehin beachtliche Wachstum wurde 2015 durch eine Umstellung in der Statistik und Sondereffekte über die 20-Prozent-Marke nach oben getrieben. Unter anderem fusionierte ein irisches Unternehmen mit einem US-Pharmakonzern: die neue Gesellschaft wählte ihren Sitz in Irland - und mit ihr wurden 43 Milliarden Dollar Firmenvermögen in der Statistik erfasst.

Die bürgerliche Regierung von Premier Enda Kenny hat auch rigoros gespart und reformiert. Sie hat Steuern erhöht und Sozialleistungen eingeschränkt, das Renteneintrittsalter auf 68 Jahre erhöht und den Kündigungsschutz gelockert, Gehälter und Pensionen für Staatsdiener gekürzt. Zugleich hat sie auch viel Geld investiert: etwa in die Sanierung von Krankenhäusern und Schulen oder in den öffentlichen Verkehr. Und sie lockt ausländische Konzerne mit niedrigen Abgaben und Steuerschlupflöchern.

In der Statistik sieht das gut aus. Die Arbeitslosigkeit fällt von Jahr zu Jahr, und auch die Staatsfinanzen gesunden. Die durch die Bankenrettung massiv angestiegene Schuldenquote ist seit 2013 von 120 Prozent der Wirtschaftsleistung auf zuletzt rund 75 Prozent gesunken. Viele Bürger klagen, dass sie davon wenig haben. Jeder zwölfte lebt nach offiziellen Angaben in "konstanter Armut". Diesen Menschen stehen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung; zudem reicht ihr Geld nicht, um sich neue Kleider zu kaufen, die Wohnung immer ausreichend zu heizen oder zumindest jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch oder Fisch zu essen.

Bei den Gläubigern aber sorgen die Reformen für Vertrauen. Seit Jahren kann sich Irland am Kapitalmarkt eigenständig Geld leihen, und das zu niedrigen Zinsen. Zurzeit geben sich Käufer zehnjähriger Staatsanleihen mit etwas mehr als einem Prozent per annum zufrieden.

Fazit: Irland ist zurzeit kein Wackelkandidat.

Zypern: Begrenzt zur Nachahmung empfohlen

Verschiedene Euro-Münzen (vorn zyprische)

Verschiedene Euro-Münzen (vorn zyprische)

Foto: Oliver Berg/ dpa

Drei Jahre - länger brauchte Zypern nicht, bis es im März 2016 den EU-Rettungsschirm wieder verlassen konnte. Dabei hatte ein aufgeblähter Bankensektor den Inselstaat in eine schwere Krise gestürzt. In ihrer Folge musste Zypern sogar als erstes Euroland Kapitalverkehrskontrollen einführen. Auch sie wurden längst wieder aufgehoben.

Das zeigt, dass sich die Krise nicht so quälend hinziehen muss wie im benachbarten Griechenland. Zyperns Bankensektor wurde hart reformiert, die zweitgrößte Bank des Landes dichtgemacht. Das gelang auch dank eines politischen Systems, das stärker auf Kompromisse ausgelegt ist als in Athen. Inzwischen wächst die Wirtschaft wieder, die Arbeitslosigkeit ist rückläufig.

Doch in Zypern zeigen sich auch die Schattenseiten von Radikalreformen: Zur Rettung der Bank of Cyprus wurden Kontoguthaben von mehr als 100.000 Euro zwangsweise in Anteile umgewandelt. Das traf auch Normalbürger, die ihr Erspartes in Ermangelung eines verlässlichen Rentensystems auf die Bank getragen hatten.

Während der Krise stieg die Zahl der Zyprer, denen Geld für grundlegende Dinge wie Miete oder Heizung fehlt, von neun auf 15 Prozent - nach Griechenland der höchste Wert. Auch die Verschuldung bleibe ein Problem, warnte die EU-Kommission gerade. Zypern habe weiterhin "übermäßige Ungleichgewichte in Form eines schwachen Finanzsektors und großer privater, öffentlicher und externer Schulden".

Fazit: Zypern hat die Krise dank radikaler Finanzreformen weitgehend überwunden, allerdings mit erheblichen sozialen Kosten.

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