Müllers Memo Einmal Eheberatung für Europa, bitte!

Griechenland sagt, die Deutschen sind Schuld. Deutschland sagt, die Griechen sind Schuld. Wäre Europa ein Paar, müsste es zur Eheberatung. Die Euro-Nationen brauchen dringend eine Gesprächstherapie - am besten in grenzüberschreitenden Medien.

Europäische Union: Keine gemeinsame Identität
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Europäische Union: Keine gemeinsame Identität

Eine Kolumne von


Drei Fragen vorweg: Warum ist die Eurokrise nach fünf Jahren immer noch nicht vorbei? Warum gerät die Eurozone, anders als etwa die USA, durch die Krise immer wieder an den Rand des Zerfalls? Und: Wieso eigentlich diskutieren wir über gemeinsame euroländische Probleme stets nur auf nationaler Ebene?

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Heft 13/2015
Wie Europäer auf die Deutschen blicken

Drei Antworten vorab: Weil wir keine Vorstellung davon haben, wohin wir Europäer eigentlich gemeinsam wollen. Weil Politik und Wirtschaft im jetzigen Rahmen der Eurozone nicht kompatibel sind. Und: Weil es keine europäische Öffentlichkeit gibt, keine massenwirksamen grenzübergreifenden Medien, nicht mal eine systematische Analyse der politischen Debatten in den einzelnen Ländern.

Europas Dauerprobleme haben nur oberflächlich etwas mit zu hohen Schulden oder zu niedrigen Zinsen zu tun. Solche Probleme gibt es auch anderswo. Deshalb zerbrechen noch keine Staatswesen. Was in Europa fehlt, sind breite Debatten über nationale Grenzen hinweg. Jede Gesellschaft liest ihre eigenen meinungsbildenden Zeitungen, jede schaut ihre Polittalkshows, hört ihren jeweiligen Politikern, Experten und Lobbyisten zu. Was es nicht gibt, sind europäische Plattformen, auf denen sich gemeinsame Überzeugungen, gemeinsame Prioritäten, ein gemeinsamer "Volkswille" herausbilden könnten.

Es ist nicht so, dass die Europäer sich nicht füreinander interessierten. Aber jedes Land blickt auf die anderen durch seine sehr spezielle Brille. Die Zeitungskrise hat die Zahl der Korrespondenten in Brüssel drastisch verringert. Über europäische Themen wird inzwischen häufig aus den nationalen Hauptstädten berichtet, gefärbt und beeinflusst von nationalen Interessen (oder was man so dafür hält).

Wir reden übereinander, aber zu selten miteinander. Und wenn doch mal der Versuch eines grenzüberschreitenden Gesprächs unternommen wird, wie vorigen Sonntag bei "Günther Jauch", bleibt nach einem Schlagabtausch von Polarisieren wie Gianis Varoufakis (Griechenland) und Markus Söder (Freistaat Bayern) am Ende nicht viel mehr übrig als die weltbewegende Frage: Hat der heutige griechische Finanzminister tatsächlich 2013 Deutschland den gestreckten Mittelfinger gezeigt? Möglich, dass die Affäre selbst beim Berlin-Besuch von Ministerpräsident Alexis Tsipras am Montag sogar noch Thema ist.

Immerhin: Es gibt einige grenzübergreifende Qualitätsmedien. "Financial Times" und "Economist" berichten ständig über Europa, hervorragend informiert, elitär und gefärbt von britischer Euroskepsis. Dienstag startet unter Beteiligung des Springer-Verlags die europäische Ausgabe des Washingtoner Nachrichtenportals "Politico". Ein ambitioniertes journalistisches Projekt, gerichtet vor allem an Profis in Politik und Wirtschaft. Parallel dazu wächst von unten eine grenzüberschreitende Blogosphäre heran. Es tut sich was - aber nur ein bisschen. Auf jeden Fall zu wenig.

Die Folge ist ein Auseinanderdriften der Debatten: Jede Nation ist auf ihrem eigenen Trip. Jede folgt ihren eigenen Erzählungen, Vorurteilen, Deutungen, Mythen. Das Nebeneinander rein nationaler Diskurse macht letztlich das Funktionieren der Eurozone unmöglich. Die Zuspitzung der Griechenland-Krise ist ein Extremfall: Sowohl die Griechen als auch die Gläubigerländer fühlen sich übervorteilt. Wenn sich aber alle als Opfer fühlen, werden Kompromisse unmöglich.

Die Währungsunion ist als Staatenbund angelegt, bei dem sich die souveränen Mitglieder gemeinsamen Regeln unterwerfen - besser gesagt: unterwerfen sollen. Dann sitzen die Finanzminister übereinander zu Gericht, ermahnen, verschicken blaue Briefe, verhängen im Zweifelsfall sogar Sanktionen.

Das funktioniere so nicht, hat EZB-Chef Mario Draghi kürzlich zugegeben. Um dauerhaft zusammenbleiben zu können, müsse die Eurozone deshalb ihr komplexes Regelwerk durch gemeinsame Institutionen ersetzen. Begriffe wie "Bundesstaat" oder "Vereinigte Staaten von Euroland" hat Draghi vermieden, aber gemeint hat er genau das. Und er hat recht damit (siehe unsere Diskussion an dieser Stelle vor einigen Wochen).

Ein solcher Euro-Superstaat jedoch braucht einen gesellschaftlichen Unterbau, einen gemeinsamen Debattenraum. Nur so ist Demokratie möglich.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Berlin - Endlich in Deutschland - Nach langem beiderseitigen Zicken und Zaudern kommt Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras zum ersten offiziellen Besuch.

Frankfurt - Tarifpoker - Ver.di verhandelt über Tarife mit der Lufthansa.

DIENSTAG

Frankfurt - Ohne Zinsen leben - Der Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken berichtet vom Geschäft.

Brüssel - Bits für alle - Die EU-Kommission berät über den digitalen Binnenmarkt.

MITTWOCH

München - Turbo-Lader - Geldflut, billiges Öl, steigende Börsenkurse: Der Ifo-Geschäftsklimaindex dürfte weiter ins Plus drehen.

Frankfurt/München - Staatsknete - Die Landesbanken von Hessen-Thüringen und Bayern legen ihre Bilanzen vor.

DONNERSTAG

Nürnberg - Klimaforschung - Die GfK veröffentlicht Aktuelles zum Konsumklima.

Bonn - Schattenreich - Das bedrängte Sonnenenergieunternehmen Solarworld lädt zur Bilanzpressekonferenz.

Waterloo - Verblasste Mythen - Der kanadische Smartphone-Pionier Blackberry legt Jahreszahlen vor.

FREITAG

Hamburg - Neue Zahlen - Hapag-Lloyd gewährt Einblicke ins Jahresergebnis.



insgesamt 122 Beiträge
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Seite 1
EuroLoser 22.03.2015
1.
"Einmal Scheidung biite" wäre richtiger.
Atheist_Crusader 22.03.2015
2.
Tun wir mal nicht so, als sei das nur eine Sache zwischen Deutschland und Griechenland. Die Mehrheit der EU steht auf Deutschlands Seite. Die haben auch keine Lust auf Athens unberechenbaren Kurs aus Nazi-Rhetorik, Opfer-spielen und Putin-Kuscheln.
sfk15021958 22.03.2015
3. ...und das beste wäre wahrscheinlich...
...eine Transfer-Union, man kann sich dann aussuchen, ob Einer für Alle oder Alle für Einen und dessen bzw. deren Schulden aufkommt!
shopkeeper 22.03.2015
4. Welch eine Phantasterei ...
1. Sprache? 2. Kultur, Geschichte? 3. Nationale Interessen? 4. Politikverständnis? Grenzüberschreitende Medien, so ein Quatsch. Ich lese Übersetzungen griechischer Medien, die können deutsche lesen oder hören/sehen. Es ist alles da, um sich auszutauschen. Das was ich lese, reicht mir. Es reicht. Es ist genug. Wenn man eine Regierung aus Laien und ideologischen Wirrköpfen wählt, dann erklärt das auch das, was ich lese.
emobil 22.03.2015
5. Medien
"am besten in grenzüberschreitenden Medien." Richtig! Aber wer soll das leisten und vor allem - welches Medium (wenn es nicht gerade regierungsamtlich ist) hat ein Interesse daran. Z.B. beim SPIEGEL kann man es doch gut beobachten (und nicht nur bei der Griechenland-Berichterstattung). Ausgewogenheit und Nüchternheit verkauft sich einfach nicht. Polarisierung, Polemik, Zuspitzung und Bashing ist viel gefragter. Conflict sells!
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