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Porträts: Wie Islands Jugend die Zukunft sieht

Foto: Kilian Förster

Fotoporträts junger Isländer "Wir brauchen keine fünf Fernseher mehr"

Am Anfang war die griechische Tragödie - dieser Eindruck entsteht oft in der Euro-Krise. Dabei geriet Island noch vor Griechenland ins Taumeln. Rund fünf Jahre nach dem Kollaps des Bankensektors besuchte nun der Fotograf Kilian Foerster die Insel und porträtierte Jugendliche.

Für Foerster schloss sich mit der Reise ein Kreis. Zuvor hatte er bereits junge Griechen, Spanier, Italiener und Portugiesen fotografiert und zu ihren Erfahrungen befragt, SPIEGEL ONLINE berichtete wiederholt über das Projekt . In den persönlichen Berichten der Jugendlichen wurden Sorgen und Ängste greifbar, die sich sonst oft hinter abstrakten Haushaltszahlen und Sparpaketen verstecken.

Auch junge Isländer haben die Krise oft aus nächster Nähe erlebt. So kämpft die Familie des 23-jährigen Ãlafur noch immer darum, ihr Haus nicht an die Bank zu verlieren. Viele der Porträtierten berichten, dass ihre Gesellschaft sich durch den Absturz verändert habe. In den Boom-Jahren zeigte man gerne Statussymbole wie dicke Geländewagen. "Vor dem wirtschaftlichen Absturz war das Leben einfach verrückt", sagt die 20-jährige Ragnhildur. Heute zelebrieren junge Isländer die Rückkehr zum Urtümlichen - etwa mit eindrucksvollen Vollbärten, die sich in Foersters Porträts gleich mehrfach finden.

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Porträts: Wie Islands Jugend die Zukunft sieht

Foto: Kilian Förster

Die Aufbruchstimmung fällt im hohen Norden leichter als in Südeuropa, Islands Wirtschaft wächst bereits seit 2011 wieder. Während in Griechenland und Spanien rund 50 Prozent der Jugendlichen einen Job suchen, ist nur jeder zehnte Isländer unter 25 Jahren arbeitslos. Die schnelle Erholung gelang nicht zuletzt, weil die Isländer sich weigerten, ihre Banken zu retten und alle ausländischen Gläubiger zu entschädigen. Island ist damit auch ein Beispiel dafür, dass Krisenpolitik keineswegs so alternativlos ist, wie es Angela Merkel und andere Politiker auf dem europäischen Festland darstellen.

Als leuchtendes Vorbild taugt Island bislang dennoch nicht. Denn noch ist offen, wie das Land seine in der Krise verhängten Kapitalkontrollen wieder aufheben und sich mit den verbliebenen Gläubigern einigen kann. Durch die finanzielle Isolation steigt zugleich die Gefahr, dass die auf der Insel gefangenen Gelder neue Blasen erzeugen. Auch zahlreiche der von Foerster befragten Isländer äußern die Sorge, die Zockermentalität kehre bereits zurück und der nächste Absturz sei nur eine Frage der Zeit. "Bestimmt werden sich die Dinge in Island wiederholen", sagt der 31-jährige Musiker Ãrn.

"Was allen gemeinsam ist: Sie haben kaum Vertrauen in die Politik", fasst Fotograf Foerster seine Eindrücke zusammen. Auch die EU-Mitgliedschaft hat als Vision vorerst ausgedient, die Beitrittsverhandlungen wurden von der neuen Regierung gerade gegen den mehrheitlichen Willen der Bevölkerung endgültig auf Eis gelegt. Immerhin eine politische Identifikationsfigur gibt es: Jón Gnarr, Komiker und seit vier Jahren Bürgermeister von Reykjavík, loben viele der Porträtierten als Erneuerer.

Gnarr hat jedoch bereits angekündigt, dass er im Sommer nicht erneut kandidieren will. Kürzlich veröffentlichte der 47-Jährige auf Facebook ein Foto von sich und seiner ältesten Tochter, die gerade 25 geworden ist. Vielleicht nimmt er ihr ja bald ein ähnliches Versprechen ab, wie er es 2009 seinem Vater gab. Kurz bevor Gnarr-Senior unter dem Eindruck der Krise starb, hatte er zu seinem Sohn gesagt : "Versprecht mir, dass ihr was macht."

Dies ist der Auftakt zum neuen SPIEGEL-ONLINE-Blog "Eurovisionen". Ab sofort lesen Sie hier regelmäßig darüber, wie Europäer den Weg aus der Krise suchen, was sich in EU und Euro-Zone verändert und welche Visionen für die Zukunft des Kontinents es gibt.