Ex-Bankangestellter Kieber "In Liechtenstein müsste er mit Prügel rechnen"

Er lieferte Beweise für den Betrug zahlreicher Steuersünder - und ist nun Liechtensteins Staatsfeind Nummer eins: Der Ex-Bankangestellte Heinrich Kieber hat erstmals über den Datendiebstahl gesprochen. Doch taugt er wirklich für die Heldenrolle? Beobachter äußern Zweifel.

Liechtenstein: Im Fürstentum ist Kieber seit seinem Datencoup verhasst
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Liechtenstein: Im Fürstentum ist Kieber seit seinem Datencoup verhasst

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Hamburg - Es ist eine Karriere der ganz besonderen Art: Heinrich Kieber ließ als Bankangestellter Tausende von Kundendaten bei seinem früheren Arbeitgeber mitgehen, verkaufte die geheimen Informationen über Steuersünder an die Fahnder in verschiedenen Ländern - und wurde so zum Millionär.

Mit seinem Diebstahl hat der heute 45-Jährige dafür gesorgt, dass Liechtenstein seinen Ruf als sichere Steueroase verlor und Hunderte von Steuerbetrügern überführt wurden. Prominentestes Opfer war ein Deutscher: Klaus Zumwinkel. Dank Kiebers Daten wurde der ehemalige Post-Chef 2009 zu einer Million Euro Geldstrafe und zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

Kieber, bislang ein Phantom, hat sich nun erstmals ausführlich geäußert. Im Magazin "Stern" spricht er über die Methoden seines Ex-Arbeitgebers, der LGT Treuhand, wie er die Daten aus der Bank schleuste - und warum er fünf Jahre wartete, bis er sie an die Steuerfahnder verkaufte.

In Liechtenstein ist Kieber nun eine Hassfigur. Mit seinem Datencoup motivierte er Bankmitarbeiter vor allem aus der Schweiz, es ihm nachzutun. Immer wieder wurden deutschen Behörden seither CDs mit Bankdaten von Steuerhinterziehern angeboten. Erst Ende Juli wurde deutschen Behörden einem Pressebericht zufolge ein weiterer Datenträger offeriert.

Doch wer ist dieser Mann eigentlich, der in Liechtenstein per Haftbefehl gesucht wird und der sich seit Jahren mit der Hilfe von Geheimdienstlern versteckt hält?

Im neunseitigen Interview mit dem "Stern" schildert Kieber die Gründe für seinen Datendiebstahl. Es sei ihm nie um das Geld gegangen - fünf Millionen Euro habe er allein vom BND bekommen. Er habe sich an Liechtensteins Fürst Hans-Adam II. rächen wollen, behauptet Kieber jetzt. "Er und sein ganzer Apparat, die Regierung, die Justiz, haben mich von 1997 bis 2005 verarscht", sagte Kieber dem "Stern". Dabei habe er doch nur eines gewollt: "Meine verdammten Folterer auf die Klagebank zu bringen."

"Nur mit viel Glück überlebt"

Die Hintergründe der Foltergeschichte klingen dubios. Kieber wurde 1997 in Argentinien entführt und nach eigenen Angaben misshandelt. Erst nach zwölf Tagen kam er wieder frei und habe "nur mit ganz viel Glück überlebt". Trotz eines Ehrenworts des Fürsten, die Täter zu verfolgen, sei nie etwas passiert.

Etwas differenzierter sieht Sigvard Wohlwend diese Geschichte. Er hat einen Dokumentarfilm über Kieber gedreht (Titel: "Heinrich Kieber Datendieb"). Wohlwend bestätigt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zwar, dass die Argentinien-Geschichte stimme. Dafür gebe es inzwischen zahlreiche Belege. Allerdings blende Kieber in dem "Stern"-Interview aus, dass er selbst großen Anteil an der Entführung hatte. Denn er habe zuvor in Spanien einen Deutschen um seine Wohnung und damit um viel Geld geprellt. Dabei sei ihm zum Verhängnis geworden, dass ihn der Geschäftspartner nach Argentinien lockte und sein Geld zurückverlangte.

"Kieber stilisiert sich jetzt zum Opfer, seine Äußerungen finde ich vorsichtig ausgedrückt recht gewagt", sagt Wohlwend, dessen Film bislang nur in Kinos in Liechtenstein gezeigt wurde. "Er ist ein Vielschwätzer, ein Aufschneider, das hat sich bei unseren Recherchen immer wieder gezeigt."

Hinzu kommt: Kieber hat mehrere Gesichter. Er ist nicht nur der Mann, der half, Steuersünder zu überführen. Er ist auch ein verurteilter Betrüger. 2003 wurde er wegen des spanischen Immobiliendeals vom Fürstlichen Obergericht in Vaduz zu zwölf Monaten auf Bewährung verurteilt. Damals hatte Kieber bereits die Kundendaten aus der LGT Treuhand entwendet - und damit den Fürsten erpresst. Das Gericht hatte das Urteil unter der Auflage gefällt, die Daten zu vernichten und das Land zu verlassen.

Betrugsvorwürfe in Australien

Kieber reiste, so zeigen es Wohlwend und sein Co-Autor Sebastian Frommelt in ihrem Dokumentarfilm, nach Australien. Doch dort sei ihm zunächst die Aufenthaltsgenehmigung verweigert worden. Jahre zuvor hatte er dem Bericht zufolge in dem Land mehrfach Versicherungsbetrug begangen. So soll er einen Mietwagen einige Male als gestohlen gemeldet haben, wenn er Geld brauchte, um das Fahrzeug dann immer wieder neu zu versichern.

Um im Land bleiben zu können, bot er den Behörden laut Wohlwend die Kundendaten australischer Steuerbetrüger an. Denn eine Kopie hatte er nicht vernichtet. Wo er sie versteckt hielt, ist bis heute unklar.

Dann, im Jahr 2006, offerierte er die brisanten Informationen auch den Nachrichtendiensten anderer Länder. "Der Vorteil beim BND lag darin, dass alle Dokumente auf Deutsch sind", sagte Kieber dem "Stern". "Die Amerikaner mussten erst alles übersetzen, was seine Zeit braucht." Die Deutschen hätten sehr schnell erkannt, um was es ging - und entsprechend gehandelt, sprich ihm die Daten abgekauft.

Dokumentarfilmer Wohlwend sagte SPIEGEL ONLINE, er würde auch "sehr gerne mit Kieber sprechen, um seine Version der Geschichte zu hören". Er wüsste allerdings nicht, wie viel er ihm glauben könne. Besonders Kiebers Aussagen, es gebe zahlreiche Angebote an den Liechtensteiner Fürst Hans-Adam II., ihn umzubringen, hält Wohlwend für übertrieben. "Er tut ja gerade so, als sei er ein Mafia-Kronzeuge. Ich glaube kaum, dass ihm wirklich noch Leute ans Leder wollen." Der Grund: Kieber sei nicht mehr interessant, die Daten habe er ja längst verkauft.

Kiebers Angst, nach Liechtenstein zurückzukehren, hält Wohlwend allerdings durchaus für berechtigt: "Dort müsste er sicherlich mit einer Tracht Prügel rechnen."



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Seite 1
Matthias Franz 04.08.2010
1. ...
In Lichtenstein müsste Herr Kieber wohl mit weit mehr als nur einer Tracht Prügel rechnen. http://www.landespolizei.li/News/Fahndungen/tabid/1200/articleType/ArticleView/articleId/279/ffentliche-Fahndung-nach-Heinrich-KIEBER-.aspx
Modred 04.08.2010
2. Welch ein Held...
Warum muss Zumwinckel wegen Betruges Millionen zahlen und seinen Posten räumen während Kieber für seine Diebes- und Betrügerkarriere 5 Millionen kassiert und auch noch vom Steuerzahler geschützt wird? Jeder ist vor dem Gesetz gleich? Aber nicht Kieber, der ist gleicher. Keiner darf sich freikaufen? Ausser Kieber, der kann das. Was wäre, wenn er die Daten bei einem Raubüberfall ergattert hätte? Was, wenn er jemandem dafür getötet hätte?
semper fi, 04.08.2010
3. -
Zitat von ModredWarum muss Zumwinckel wegen Betruges Millionen zahlen und seinen Posten räumen während Kieber für seine Diebes- und Betrügerkarriere 5 Millionen kassiert und auch noch vom Steuerzahler geschützt wird? Jeder ist vor dem Gesetz gleich? Aber nicht Kieber, der ist gleicher. Keiner darf sich freikaufen? Ausser Kieber, der kann das. Was wäre, wenn er die Daten bei einem Raubüberfall ergattert hätte? Was, wenn er jemandem dafür getötet hätte?
Weil er ein Steuerhinterzieher ist. Dank seiner "Lebensleistung" und der wohl gewollten Verzögerungstaktik auf seiten der Justiz ist der Zumwinkel viel zu glimpflich weggekommen. Für seine Betrügereien ist der doch verurteilt worden, wie Z. Und die Weitergabe der Daten war kein Verbrechen, das war eine gut entlohnte Heldentat. Hat der doch nicht. Im Gegenteil: Er hat Geld erhalten. Das ist aber schon sehr an den Haaren herbeigezogen.
makutsov 04.08.2010
4. Tja
Tja, so läuft das Bussiness eben. Wer den Staat verarscht muss sich nicht wundern wenn er selbst verarscht wird. Wer sich in solche Umstände begibt, der kann dann nicht jammern wenn es schiefgeht. Weder Liechtenstein, noch Kieber noch die Steuersünder. Pech gehabt.
Resident.Rhodan, 04.08.2010
5. Held
Wie kann man in diesem Zusammenhang das Wort "Held" überhaupt in den Raum stellen? Naja egal... Solange unsere Politik bei Steuer-oder Wirtschaftsvergehen leider nur mit angezogener Handbremse agiert und Steuerbetrüger lieber laufen (und sich unter der Hand schmieren) sowie gegebenenfalls auch mal Steuerprüfer für verrückt erklären lässt, wenn sie den eigenen Spezis "ans Bein pinkeln", bin ich dem Herr Kieber durchaus dankbar, dass er mit den von ihm entwendeten Daten neben zusätzlichen Steuereinnahmen auch für einen grundsätzliche Diskussion über die Steuermoral in unserem Lande gesorgt hat. Denn die ist, unabhängig von den durchaus nicht zu verleugnenden Mißständen bei der Verwendung der Steuern durchaus diskutabel. Und da wohl niemand auf legalem Wege die Daten von der Bank zum Fiskus gebracht hätte, bestand ja gar kein anderer Weg als der des illegalen Entwendens.
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