Rogoffs Rechenfehler Star-Ökonom beklagt Hexenjagd nach Excel-Panne

Kenneth Rogoff galt als Mastermind der europäischen Sparpolitik - bis ein Student ihm einen Rechenfehler nachwies. Nun äußert sich der Harvard-Ökonom zu den Vorwürfen. Er spricht von einem "orchestrierten Angriff" von linken Bloggern und Lobbyisten.
Harvard-Professor Rogoff: "Haltlose persönliche Attacke"

Harvard-Professor Rogoff: "Haltlose persönliche Attacke"

Foto: © Eduardo Munoz / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Es war die perfekte Mediengeschichte: Ausgerechnet Kenneth Rogoff, der angesehene Harvard-Ökonom, dessen Studien zur Rechtfertigung der europäischen Sparpolitik herhalten mussten, hatte sich verrechnet. Ein peinlicher Fehler bei der Anwendung des Computerprogramms Excel - aufgedeckt von einem Studenten. Die Geschichte ging um die Welt. Rogoff und seine Co-Autorin Carmen Reinhart waren blamiert.

Nun, ein halbes Jahr später, äußert sich Rogoff erstmals ausführlich zu der Affäre - und greift seine Kritiker scharf an: "Das war keine Debatte. Das war eine haltlose persönliche Attacke, von Leuten mit einer starken politischen Agenda" sagte der Harvard-Ökonom dem Wirtschaftsmagazin "Capital".

"Es war ein orchestrierter Angriff, vor allem von linken Bloggern und Lobbygruppen", sagte Rogoff dem Magazin. "Wir sind nur zwei Professoren, wir haben keine Pressesprecher und keine Kolumne in der "New York Times" - eine Anspielung auf den linken Nobelpreisträger, Blogger und Kolumnisten Paul Krugman. "Es gab keinen Kampf. Das war ein Massaker."

"Wie in den Fünfzigern unter McCarthy"

Rogoff und Reinhart hatten in mehreren Studien den Zusammenhang von Wachstum und Schulden untersucht und 2010 die These aufgestellt , dass bei einem Schuldenstand oberhalb von 90 Prozent das Wirtschaftswachstum drastisch abnimmt. Die Zahl war weltweit bekannt geworden - und hatte auch die Sparpolitik in Europa geprägt. Viele Politiker beriefen sich darauf, unter anderem auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble.

Im April 2013 wurden all diese Erkenntnisse scheinbar entwertet: Der Student Thomas Herndon sollte zu Übungszwecken eine Studie von Rogoff und Reinhart nachrechnen - und kam dabei zu anderen Resultaten. Die beiden Starökonomen hatten in einer Excel-Tabelle verschiedene Länderdaten nicht berücksichtigt und Einzelfälle zu stark gewichtet. Statt um 0,1 Prozent zu schrumpfen, wie von Reinhart und Rogoff behauptet, wachsen Volkswirtschaften mit einer Schuldenquote von mehr als 90 Prozent demnach um 2,2 Prozent - und damit nur einen Prozentpunkt schwächer als Länder mit einem niedrigerem Schuldenstand zwischen 60 und 90 Prozent.

Gerade für eher linke Ökonomen war der Skandal ein gefundenes Fressen. Sie attackierten die Kernthesen von Rogoff und Reinhart nun noch heftiger als zuvor. "Einige von uns haben nie daran geglaubt", triumphierte Nobelpreisträger Krugman in seinem Blog.

"Die Deutschen werden ihr Geld nicht zurückbekommen"

Rogoff klagt nun über eine "Hexenjagd" auf ihn und seine Co-Autorin. "Wenn jemand Sie so falsch darstellt, wenn Leute Ihnen die Schuld für Austerität, Steuererhöhungen und Arbeitslosigkeit in Europa geben und wenn Sie hasserfüllte E-Mails bekommen, ist das keine angenehme Erfahrung", sagte Rogoff "Capital". "Das war eine Attacke wie in den Fünfzigern unter McCarthy, meine Worte wurden mir im Mund umgedreht. Das war echt übel."

Der Ökonom räumt den Rechenfehler zwar ein, verteidigt aber das Ergebnis. Der Fehler "war peinlich, aber er hatte keine große quantitative Bedeutung". Er sei "aufgeblasen und bewusst falsch interpretiert und polemisiert" worden. "Der wichtigste Punkt ist, nach der ganzen polemischen Hitze, dass mein Kernergebnis steht: Sehr hohe Schulden sind verbunden mit niedrigerem Wachstum." Rogoff warnt davor, Defizite nun zu verharmlosen. "Wenn irgendjemand denkt, dass Rekordschulden in Ordnung sind, dann liegt er falsch. Die Geschichte lehrt das Gegenteil."

Mit Blick auf die Schuldenkrise in Europa rät Rogoff zu einer schnellen Umschuldung. Er glaube nicht, dass Südeuropa ohne einen massiven Schuldenschnitt und eine Restrukturierung aus der Krise wachsen könne. "Ich muss den Deutschen leider sagen: Ihr werdet euer Geld nicht zurückbekommen, nicht alles", sagte Rogoff. "Je früher ihr einen großzügigen Deal macht, desto besser ist es." Der ehemalige IWF-Chefvolkswirt bezieht sich dabei nicht nur auf Griechenland, sondern ausdrücklich auf die "ganze Peripherie" - also auch auf Länder wie Portugal, Spanien und Irland. "Ich fürchte, es wird eine soziale Explosion geben, bevor diese Länder aus der Schuldenkrise wachsen."

stk
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