Extremhaushalt in Großbritannien Sparen, bis der Asphalt platzt

Der Extrem-Sparkurs in Großbritannien empört die Bürger. Weniger Sozialsystem, mehr Schlaglöcher - besonders hart trifft es Problemstädte wie Leeds, denn die Regierung streicht soziale und Kulturprojekte radikal zusammen. Rutscht die Wirtschaft des Landes in eine Abwärtsspirale?

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Aus Leeds berichtet


Sally Cooper ist verzweifelt. "Wir waren gerade dabei, richtig abzuheben", sagt die Programmverantwortliche des South Leeds Community Radio. Mit zwei weiteren Teilzeitkräften und Dutzenden Freiwilligen macht sie ein Programm fürs Internet - anfangs waren es nur wenige Stunden am Tag, inzwischen fast rund um die Uhr. Jeder darf mit Ideen kommen, Profis helfen bei der Umsetzung. Entstanden ist ein Radio Multikulti, mit einer wilden Musikmischung und Abendnachrichten auf Französisch, Lingala, Hindi, Punjabi. Ein bisschen Hoffnung in LS11 - die Postleitzahl steht für Beeston, ein heruntergekommenes Arbeiterviertel im nordenglischen Leeds.

Nun droht dem Mini-Sender das Aus. Denn der britische Schatzkanzler George Osborne hat vor zwei Wochen das schärfste Sparpaket seit dem Zweiten Weltkrieg verkündet. Und die Folgen sind im ganzen Land zu spüren - auch in Beeston. Auch bei Sally Cooper, die der Tristesse dieser Gegend noch etwas entgegenzusetzen versucht.

"Viele kleine Organisationen werden verschwinden", sagt die Journalistin düster. Wenn der Geldfluss der Regierung abrupt gestoppt werde, bleibe den meisten nichts übrig als zu schließen. Noch will Cooper die Hoffnung für ihren Sender nicht aufgeben. Die Arbeit sei zu wichtig, sagt sie, benachteiligte Jugendliche bräuchten neue Perspektiven - ihr Ehrgeiz müsse geweckt werden. Doch sind viele Geldquellen bereits versiegt.

Nach Osbornes Plan sollen die Zuwendungen für die Kommunen in den kommenden vier Jahren um 28 Prozent sinken. Dazu kommen Einschnitte von durchschnittlich 19 Prozent in allen Ministerbudgets. "Die Einsparungen werden weh tun", sagt Margaret Eaton, Vorsitzende der Local Government Association. "Es wird weniger Büchereien und mehr Schlaglöcher geben."

Die 700.000-Einwohner-Stadt Leeds wird, wie es aussieht, besonders hart getroffen. Dabei hat es die frühere Industriemetropole ohnehin schwer, und LS11 noch mal schwerer.

Vor fünf Jahren erlangte das Viertel weltweite Bekanntheit - drei der vier Attentäter der Londoner Terroranschläge waren hier aufgewachsen. Die Suche nach sozialen Ursachen des Extremismus begann. Projekte wie das South Leeds Community Radio wurden gestartet, um die trüben Aussichten der Bewohner zu verbessern. Nun dürften die meisten dem Extrem-Sparkurs der Regierung zum Opfer fallen.

"Man tut, was man tun muss"

Die vier Haupt-Arbeitgeber in Leeds sind öffentliche Einrichtungen: das größte Lehrkrankenhaus Europas, die beiden Universitäten und die Stadtverwaltung. Das Krankenhaus bleibt zunächst verschont - weil das staatliche Gesundheitssystem NHS von den Kürzungen ausgenommen ist. Das war ein Wahlkampfversprechen der Konservativen. Doch trauen die Mitarbeiter der Ruhe nicht. "Höchstens ein paar Jahre, dann geht es auch bei uns mit dem Kürzen los", sagt Henry Lawfell von der Rettungsleitstelle der Klinik.

Wie alle anderen 55-Jährigen ist er von der neuen Rente mit 66 betroffen, deren Beginn die Regierung auf 2020 vorgezogen hat. "Eigentlich wollte ich im Juni 2020 in den Ruhestand", sagt Lawfell. "Nun wird es ein Jahr später." Er nimmt sein Schicksal jedoch mit britischer Coolness: "Man tut, was man tun muss."

Seit dem Niedergang der Industrie ist der englische Norden besonders abhängig vom Staat. In Leeds arbeiten rund 100.000 Menschen im öffentlichen Dienst. Ein Zehntel davon werden laut einer Schätzung der Unternehmensberatung PriceWaterhouseCoopers ihren Job verlieren. Schlimmer trifft es nur Glasgow und Birmingham. Die Stadtverwaltung von Leeds hat die ersten 3000 Stellenstreichungen angekündigt, hofft aber, ohne Kündigungen auszukommen.

Schon in den vergangenen fünf Jahren habe die Stadtverwaltung 100 Millionen Pfund eingespart, sagte der Vorsitzende des Stadtrats, Keith Wakefield. Nun müssten in den kommenden fünf Jahren noch einmal 150 Millionen Pfund aus dem Etat geschnitten werden.

Unternehmen leiden unter Trickle-Down-Effekt

Die liberalkonservative Koalition in London setzt darauf, dass die arbeitslosen Staatsdiener in der Privatwirtschaft unterkommen. Doch steht der britische Aufschwung auf wackligen Beinen - trotz eines überraschend guten dritten Quartals. Zahlreiche Ökonomen warnen vor einem Rückfall in die Rezession. Obendrein hat die Regierung in ihrem Spareifer die regionalen Entwicklungsbehörden abgeschafft, die mit Fördergeldern die lokale Wirtschaft ankurbelten.

Es gebe überhaupt keine Strategie für regionale Wirtschaftsförderung mehr, nur ein "Politik-Vakuum", klagt Howard Kew, Chef von Leeds Financial, einer Interessenvertretung der Finanzbranche. Das 300-Millionen-Pfund-Budget der Regionalbehörde Yorkshire Forward werde in Leeds schmerzlich vermisst. "Die Tories kürzen viel zu aggressiv", sagt der Finanzexperte. Der Spareffekt sei gering, die Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft aber enorm.

Ewan Mitchell spürt die neue Sparsamkeit des Staates bereits. Er vermietet günstige Büros und Tagungsräume in Beeston, vor allem an die lokalen Verwaltungen im Großraum Leeds. Die Mieteinnahmen lägen dieses Jahr 50 Prozent unter den Erwartungen, sagt er, weil alle Abteilungsleiter auf ihrem Geld säßen.

Dieser "Trickle-Down"-Effekt dürfte in den kommenden Jahren noch zunehmen. Die Renovierungspläne von zwanzig Schulen in Leeds sind gecancelt, die Planung für zehn Spielplätze auf Eis gelegt. Straßenreiniger wurden aus mehreren Vierteln abgezogen, die Kinderbetreuung in Freizeitzentren abgeschafft, zwanzig Büchereien droht die Schließung. Auch das 250-Millionen-Pfund-Infrastrukturvorhaben Trolleybus, eine Mischung aus Tram und Bus, das 4000 Arbeitsplätze in die Stadt bringen soll, ist auf die lange Bank geschoben worden.

Infrastruktur, Kultur - nichts bleibt ungeschoren

Die Tageszeitung "Guardian" hat eine Webseite zum "Sparen in Leeds" eingerichtet. Leser können hier die neuesten Kürzungen aus ihrer Umgebung melden. Am Ende dieses "Crowdsourcing"-Experiments soll ein anschauliches Bild entstehen, wie der nationale Sparkurs die Stadt verändert.

Kaum ein Sektor bleibt verschont. Das Northern Ballet, die Vorzeige-Tanzkompanie außerhalb Londons, erhält im kommenden Jahr 195.000 Pfund weniger vom Arts Council England. Denn Schatzkanzler Osborne hat der zentralen Kulturförderung des Landes knapp 30 Prozent ihrer Mittel entzogen. Eine ganze Produktion könne damit hinfällig werden, sagt PR-Chefin Laraine Penson. Ein Stück weniger bedeutet jedoch auch weniger Zuschauer und weniger Einnahmen - ein Teufelskreis.

Das ganze Ausmaß der Einschnitte wird sich erst im Laufe von Monaten oder gar Jahren entfalten. Erste Trends sind aber sichtbar: Befristete Projekte werden nicht verlängert, und alle müssen sich die immer geringeren Subventionen teilen. Während Organisationen mit internationalem Ruf wie das Northern Ballet den Sturm wohl meistern können, stehen zahllose kleine Projekte vor dem Ruin.

"Ich bin Journalistin, keine Anzeigenverkäuferin", sagt Cooper vom Community Radio in Beeston etwas hilflos. Es sei unmöglich, innerhalb weniger Monate auf private Finanzierung umzustellen.

Und diesem Dilemma sehen sich nun viele gegenüber. "Alle, die ich im gemeinnützigen Sektor kenne", sagt Cooper, "bangen um ihren Job."



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Zephira 02.11.2010
1. Kommentar
Man kann kein Geld ausgeben, das nicht da ist. Tut man es doch, dann lebt man auf Kosten einer wehrlosen, ungeborenen Generation, die dann den Gürtel enger schnallen soll. Die Briten merken jetzt erstmals, wie es ist, selbst diese Generation zu sein. Bemerkenswert, dass ein Land überhaupt so weit kommt, anstatt bis zum totalen Währungskollaps Vollgas zu geben... ---Zitat--- Die Mieteinnahmen lägen dieses Jahr 50 Prozent unter den Erwartungen, sagt er, weil alle Abteilungsleiter auf ihrem Geld säßen. Dieser "Trickle-Down"-Effekt dürfte in den kommenden Jahren noch zunehmen. ---Zitatende--- Der Trickle-Down-Effekt besagt, dass der Wohlstand von den oberen Schichten zu den unteren durchsickert. Das ist aber hier wohl kaum gemeint. ---Zitat--- Obendrein hat die Regierung in ihrem Spareifer die regionalen Entwicklungsbehörden abgeschafft, die mit Fördergeldern die lokale Wirtschaft ankurbelten. ---Zitatende--- Eine kurzfristige, auf Nachhaltigkeit ausgelegte Förderung ist sinnvoll, aber viel zu oft verkommt sie zur Geldschleuderei. Es ist sicher nicht verkehrt, einmal daran zu erinnern, dass der Steuerzahler kein Goldesel ist.
idealist100 02.11.2010
2. Hauptsache
Zitat von sysopDer Extrem-Sparkurs in Großbritannien empört die Bürger. Weniger Sozialsystem, mehr Schlaglöcher - besonders hart trifft es Problemstädte wie Leeds, denn die Regierung streicht soziale und Kulturprojekte radikal zusammen. Rutscht die Wirtschaft des Landes in eine Abwärtsspirale? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,725770,00.html
Hauptsache die Banken können weiter zocken.
soundscape 02.11.2010
3. Empört die Bürger?
Zitat von sysopDer Extrem-Sparkurs in Großbritannien empört die Bürger. Weniger Sozialsystem, mehr Schlaglöcher - besonders hart trifft es Problemstädte wie Leeds, denn die Regierung streicht soziale und Kulturprojekte radikal zusammen. Rutscht die Wirtschaft des Landes in eine Abwärtsspirale? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,725770,00.html
Also in Frankreich kann man zur Zeit von einer Empörung der Bürger sprechen. Aber in England? Wie viele Leute haben denn am 23. Oktober in London protestiert? 100? Oder hat SPON für den Artikel auch ein Bild der wütenden Menge und nicht nur eins mit 10 Hanseln drauf? Engländer sind empört, wenn der Lieblingsfussballclub an amerikanische Finanzinvestoren verkauft wird - aber selbst dann wird weder das Season-Ticket noch das Sky-Sports-Abo gekündigt.
franksterling 02.11.2010
4. -
lebe in london und arbeite als zahnarzt. hier wird jedem und allen freies dental treatment gewaehrt aelbst wenn die leute ueberhaupt nicht hier wohnen. das ist ja auch gut so aber fuehrt dazu dass genau diese leute sich ueberhaupt nicht dafuer interesieren. habe hier ca 500 kronen und prothesen rumliegen die nicht abgeholt wurden. ich wurde vom staat bezahlt aber die leute die die arbeit brauchen interessiert es nicht weil sie ja sowieso nicht zahlen. leistungen so weit wie es geht kuerzen und es den faulenzern nicht so leicht machen. sie werden schon sehen wie viele sich dann ploetzlich aufraffen...
Iwan Denissowitsch 02.11.2010
5. Im Westen wollen Alle nur spielen
Dieser Absatz zeigt das Dilemma auf: "Ich bin Journalistin, keine Anzeigenverkäuferin", sagt Cooper vom Community Radio in Beeston etwas hilflos. Es sei unmöglich, innerhalb weniger Monate auf private Finanzierung umzustellen. Ja, sicher. Alle wollen immer nur spielen, immer nur ihre privaten Eitelkeiten befriedigen, aber nie so richtig, wirklich arbeiten. Hauptsache, der Staat bezahlt pünktlich für Spielerei und Schnickschnack. An dieser Erwartungshaltung krankt es nicht nur in Großbritannien, sondern überall in der fetten, blasierten westlichen Welt.
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