EZB und Fed Das unsinnige Viel-hilft-viel-Prinzip

EZB-Chef Draghi bereitet die Märkte auf weitere Geldspritzen vor. Dabei haben die bisherigen Maßnahmen teils das Gegenteil des Erwarteten bewirkt. Die Notenbanker stochern im Nebel - und gehen große Risiken ein.
Draghi in Brüssel: Die Unsicherheit ist groß

Draghi in Brüssel: Die Unsicherheit ist groß

Foto: FRANCOIS LENOIR/ REUTERS

Mario Draghi gibt sich kämpferisch. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist bereit, noch mehr Geld in die Märkte zu kippen, daran ließ der EZB-Chef vorige Woche bei einer Rede im peruanischen Lima keinerlei Zweifel.

Da "erneut Risiken" auf den Weltfinanzmärkten aufgetaucht seien, werde die EZB falls nötig noch mehr Wertpapiere aufkaufen als ohnehin schon geplant. Am Donnerstag entscheidet nun der EZB-Rat über das weitere Vorgehen. Möglich, dass Draghi danach seine Ankündigung konkretisiert.

Bemerkenswert: Die EZB steht bereit, ein Programm auszuweiten, das teils das Gegenteil dessen bewirkt hat, was geplant war. Das zeigt, wie groß die Unsicherheit derzeit ist. Notenbanken und Ökonomen können nicht einmal halbwegs genau vorhersagen, was da draußen in der wirklichen Wirtschaft eigentlich los ist. Dennoch tun sie immer noch so, als hätten sie die Lage im Griff.

Seltsame Dinge passieren derzeit auf den Märkten. Die EZB erlebt es gerade. In den vergangenen sieben Monaten haben Draghis Notenbanker gigantische Mengen an Wertpapieren vom Markt gekauft, allein 360 Milliarden Euro an Staatsanleihen. Mindestens noch ein Jahr wollen sie das Programm fortsetzen und dafür insgesamt rund 1,1 Billionen Euro ausgeben.

Keine Kleinigkeit, sondern Geldpolitik nach dem Viel-hilft-viel-Prinzip.

Nach den Standardregeln der Ökonomie sollte ein derart massiver Impuls große Wirkungen zeitigen. Die Kurse von Anleihen und Aktien sollten immer weiter steigen. Der Euro sollte gegenüber anderen Währungen an Wert verlieren. In der Folge sollten die Preise auf breiter Front steigen.

Tatsächlich passiert das Gegenteil: Die Kurse von Anleihen und Aktien bröckeln. Der Euro hat gegenüber anderen Währungen aufgewertet. Und die Preise sinken: Die Statistiker verzeichnen derzeit eine leichte Deflation im Euroraum; im September ist das Preisniveau gegenüber dem Vorjahr um 0,1 Prozent zurückgegangen. Auch längerfristig sehen die Finanzmärkte kaum Steigerungen am Horizont: Die Inflationserwartungen der Börsianer sinken und liegen fast wieder auf ihrem Tiefstand, bevor das groß angelegte Draghi-Programm begann.

Anleihekäufe bewirken theoretisch nichts - und praktisch?

Es gibt diverse Erklärungen, warum die Wertpapierkäufe der EZB nicht die gewünschten Resultate zeitigen: die Schwäche der Schwellenländer und ihrer Währungen, billiges Öl, politische Unsicherheiten über den Zusammenhalt Europas, um nur einige zu nennen. Die Wahrheit aber ist, dass niemand genau sagen kann, warum die Anleihekäufe - "Quantative Easing" (QE) im Notenbanker-Jargon - überhaupt funktionieren sollten. Der Erfinder dieses Ansatzes, der frühere Fed-Chef Ben Bernanke, hat das Anfang vorigen Jahres eingeräumt: "Das Problem an QE" sei, dass es in den USA in der Praxis funktioniert habe, "aber es funktioniert nicht in der Theorie". In Europa könnte sich nun herausstellen, dass QE nicht einmal in der Praxis funktioniert.

Nichtsdestotrotz will Draghi ein weiteres Mal kräftig aufrüsten und "die Größe, die Zusammensetzung und die Dauer" der Wertpapierkäufe "anpassen", wie er vorige Woche in Lima in Aussicht stellte. Schon hat die Ratingagentur Standard & Poor's vorgerechnet, die EZB werde wohl am Ende 2,4 Billionen Euro über drei Jahre ausgeben müssen, mehr als doppelt so viel wie bislang angepeilt.

Wenn viel nicht viel hilft - ist mehr dann wirklich besser?

Während Draghi sich unbeirrt gibt, ist in der US-Notenbank ein Richtungsstreit ausgebrochen. Seit Monaten zeigt sich Fed-Chefin Janet Yellen entschlossen, noch dieses Jahr den US-Leitzins anzuheben, erstmals seit 2006. Bei der Sitzung im September scheuten die Fed-Gouverneure dann doch davor zurück und vertagten den Schritt. Nun sprechen sich einige in der Fed-Führung öffentlich gegen Zinserhöhungen in näherer Zukunft aus.

Eherne ökonomische Zusammenhänge gelten nicht mehr

Die Fachleute stochern im Nebel, beiderseits des Atlantiks. Offensichtlich haben wir es mit einem Strukturbruch zu tun, der dafür sorgt, dass eherne ökonomische Zusammenhänge nicht mehr gelten. Beispiele gibt es reichlich: Die Geldmenge im Euroraum steigt rapide, ohne dass die Inflation anzieht. Die japanische Notenbank kauft noch viel mehr Wertpapiere auf als irgendeine andere, aber die erhoffte Wirkung bleibt aus. In den USA und Großbritannien sinkt die Arbeitslosigkeit, ohne dass die Löhne nennenswert steigen. Auch in Deutschland sind immer mehr Menschen beschäftigt, obwohl das Wirtschaftswachstum gängigen Statistiken zufolge mau ist. Die Zinsen sind auf historischem Tiefststand, doch die Unternehmen investieren kaum.

Woran liegt das? An den hohen Schulden, die die Wirtschaft erwürgen? An der Digitalisierung, die die Preise purzeln lässt? An möglicherweise frisierten Zahlen in China, wo die Wirtschaftslage noch viel schlechter ist als die Behörden zugeben? Oder vielleicht doch an den vielfältigen Markteingriffen der Notenbanken selbst? Die Debatte darüber hat noch nicht einmal ernsthaft begonnen.

Dennoch: Auch bei der Fed herrscht der Glaube vor, es gebe einen Weg zurück zur Normalität früherer Jahrzehnte. So gaben alle Gouverneure bei ihrer vorigen Sitzung zu Protokoll, sie erwarteten bis spätestens 2018 Leitzinsen zwischen drei und vier Prozent. Warum? Weil irgendeine magische Kraft den alten volkswirtschaftlichen Modellen wieder Geltung verschafft? Derzeit jedenfalls verunsichert die Washingtoner Kakophonie die ohnehin nervösen Weltbörsen.

Beim Global Economic Symposium, das diese Woche in Kiel stattfand, flüchtete sich der US-Ökonom Robert Johnson ins Lyrische. Da in Wahrheit niemand mehr wirklich verstehe, was auf den Märkten los sei, zitierte er den Groß-Songwriter Bob Dylan: Something is happening here but you don't know what it is, do you, Mister Jones?

Aber zugeben darf das natürlich niemand.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche

MONTAG

MIAMI - Chlorhuhn-Spießen - Trotz Demos: Die elfte Verhandlungsrunde über das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP beginnt.

PEKING - Konjunktur süß-sauer - Neue Zahlen aus China zur Industrieproduktion und zum Wirtschaftswachstum im dritten Quartal.

DIENSTAG

WALLDORF - Software-Zahlen - SAP legt Quartalszahlen vor.

MÜNCHEN - Immer wieder dienstags - Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen, seine beiden Vorgänger und andere Ex-Vorstände müssen sich wegen versuchten Prozessbetrugs vor Gericht verantworten.

MITTWOCH

FRANKFURT - Jede Menge Arbeit - Beim Gewerkschaftstag der IG Metall, der bereits am Sonntag begann, hält der neue Vorsitzende, mutmaßlich Jörg Hoffmann, eine Grundsatzrede. Kanzlerin Merkel kommt zu Besuch und spricht ein Grußwort.

Berichtssaison I - Quartalszahlen von Coca Cola, eBay, Credit Suisse, General Motors, Boeing

DONNERSTAG

MALTA - Große Erleichterung - Die EZB-Ratssitzung findet ausnahmsweise außerhalb Frankfurts statt. Angesichts schwacher Daten dürfte Draghi weitere Geldspritzen in Aussicht stellen. Bundesbank-Präsident Weidmann darf übrigens dieses Mal turnusmäßig nicht mitstimmen.

Berichtssaison II - Quartalszahlen von Daimler, Amazon, Alphabet (Ex-Google), Roche

DITZINGEN - Herz der deutschen Wirtschaft - Vorzeige-Maschinenbauer Trumpf präsentiert seine Bilanz.

STUTTGART - Porsche-Killer - Prozess am Landgericht Stuttgart gegen ehemalige Porsche-Vorstände wegen des Vorwurfs der Marktmanipulation.

FREITAG

FRANKFURT - Arbeitsworttheorie - Bundesarbeitsministerin Nahles spricht beim Gewerkschaftstag der IG Metall.

SONNTAG

WARSCHAU - Rechte Spur - Parlamentswahl in Polen: Gewinnen die Nationalkonservativen?

BUENOS AIRES - Don't cry for me - Parlaments- und Präsidentenwahl in Argentinien.

BERLIN - Time out - Ende der Sommerzeit in Europa.

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