Euro-Krise Draghis Dilemma

Die Geldflut der Europäischen Zentralbank birgt erhebliche Gefahren. Im Norden des Kontinents drohen Spekulationsblasen auf Immobilien- oder Aktienmärkten. Ignoriert EZB-Chef Draghi die Lehren aus der Finanzkrise in den USA?
EZB-Chef Draghi: seine Liquiditätsschwemme lässt die Immobilienpreise steigen

EZB-Chef Draghi: seine Liquiditätsschwemme lässt die Immobilienpreise steigen

Foto: REUTERS

Wolfgang Münchau verteidigt in seiner SPIEGEL-ONLINE-Kolumne die Liquiditätsspritzen von Europas Zentralbankchef Mario Draghi mit zwei gewichtigen Argumenten. Zum einen, schreibt er, fülle das Geld aus Frankfurt lediglich jene Lücke, die seit Monaten durch die geringere Geldschöpfung der Privatbanken im Süden des Kontinents entstanden sei. Zum anderen sei auch die US-Finanzkrise nicht durch die lockere Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank Fed ausgelöst worden, sondern durch andere Faktoren, zum Beispiel den großen Zustrom ausländischen Kapitals.

Was ist von diesen Argumenten zu halten?

Erstens hat Münchau recht mit seinem Einwand, dass Draghis Geldkanone im Süden des Kontinents eher heilsam wirkt. Weil die Märkte den dortigen Banken wegen der Euro-Krise misstrauen, haben portugiesische, spanische oder griechische Banken Probleme, an frische Mittel zu kommen. Draghis Liquiditätsflut sorgt nun dafür, dass die Finanzhäuser im Mittelmeerraum ihre Unternehmen oder Privatkunden wieder mit Kredit versorgen können. So weit, so gut.

Die Probleme aber entstehen bei den Banken des Nordens, die im Gefolge der Euro-Krise ohnehin mit Kapital überschwemmt werden. Seit Monaten strömen riesige Geldmittel aus dem Süden in den Norden, weil die Mittelmeerländer ihre noch immer hohen Importe finanzieren müssen und viele Bürger ihr Vermögen vor der Euro-Krise in Sicherheit bringen. Das hat die Zinsen zum Beispiel in Deutschland bereits auf Niedrigstniveau gedrückt. Nun sorgt Draghis Bankenprogramm dafür, dass der Zinssatz noch weiter zu sinkt. Entsprechend groß die Gefahr, dass die Geldflut nicht nur produktive Unternehmensinvestitionen hervorbringt, sondern vor allem ungesunde Preisblasen auf Immobilien, Aktien- oder anderen Vermögensmärkten. Die ersten Anzeichen dafür lassen sich an explodierenden Wohnungs- und Büromieten in deutschen Metropolen wie Berlin, München oder Hamburg ablesen.

Zweitens liegt Münchau richtig mit seiner Feststellung, dass die langfristigen Zinsen - etwa für Immobilienkredite oder Staatsanleihen - in den USA vor Ausbruch der Finanzkrise gesunken sind. Im relevanten Zeitraum gingen sie von gut 6 Prozent im Jahr 2000 auf knapp 4,3 Prozent im Jahr 2004 zurück, nicht zuletzt wegen des ständigen Zustroms ausländischen Kapitals. Entsprechend stieg die Nachfrage nach Hauskrediten - auch bei solchen Bevölkerungsgruppen, die sich ein Eigenheim zuvor kaum leisten konnten.

Auf dem US-Kapitalmarkt hat die Fed die Rolle des Ölscheichs übernommen

Doch um aus diesen realwirtschaftlichen Faktoren eine Kreditblase zu erzeugen, war eine zweite Entwicklung noch viel wichtiger. Die kurzfristigen Zinsen, die im wesentlichen von der Geldpolitik der Zentralbank abhängen, sanken im selben Zeitraum in den USA von 6,46 auf nur mehr 1,6 Prozent. Die Folge war eine beispiellose Gewinnexplosion der Banken; denn die Spanne zwischen dem niedrigen Zins, zu dem die Banken Geld kurzfristig aufnehmen und dem hohen Zins, zu dem sie es langfristig verleihen, ist ihre wichtigste Profitquelle.

Den US-Instituten erging es wie Raffinerien in Zeiten einer Ölschwemme. Zwar sank der Benzinpreis an der Tankstelle, doch weil die Kosten des Rohöls noch viel tiefer stürzten, machten sie exorbitante Gewinne. Auf dem amerikanischen Kapitalmarkt übernahm die US-Notenbank Fed die Rolle des Ölscheichs. Erst sie sorgte mit ihrer lockeren Geldpolitik dafür, jene Kreditmaschine in Gang zu setzen, aus der all die giftigen Erzeugnisse von Subprime-Hypotheken bis zu strukturierten Wertpapieren hervorgingen.

Das bestätigen auch die einschlägigen Studien. So haben die Fünf Wirtschaftsweisen in ihrer Analyse der Finanzkrise festgestellt, dass die US-Leitzinsen im fraglichen Zeitraum gleich um mehrere Prozentpunkte zu niedrig lagen. Auch der renommierte amerikanische Geldtheoretiker John Taylor hält die Geldpolitik der Fed für eine wesentliche Ursache des US-Hypothekendesasters. Hätte die Zentralbank die Zinsen früher angehoben, wäre der Immobilienblase viel kleiner ausgefallen - und damit auch der Crash.

Fazit: Die US-Geldpolitik war nicht die einzige, aber eine wesentliche Ursache des Desasters. Europas führende Geldpolitiker wären gut beraten, die Lehren aus der jüngsten Geschichte zu berücksichtigen.