EZB-Chefvolkswirt Peter Praet "Die Briten haben einen großen Fehler begangen"

Der Chefvolkswirt der EZB schaut sorgenvoll in Richtung Großbritannien. "Der Schaden ist da", sagt Peter Praet im Interview. Mit seinem Abschied aus dem Binnenmarkt begebe sich das Land in große Unsicherheit.

Canary Wharf, London
AFP

Canary Wharf, London

Ein Interview von


Wenn Mario Draghi redet, spricht durch ihn auch Peter Praet. Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) bereitet die Sitzungen des mächtigen EZB-Rats vor, jenes Gremiums, in dem die 25 wichtigsten Notenbanker jeden Monat über das Geld der Eurozone beraten. Sollen die Zinsen irgendwann wieder steigen? Und wie lange soll die EZB noch für Hunderte Milliarden Staatsanleihen aufkaufen? Praet ist so etwas wie das Mastermind hinter der EZB-Politik.

Anfang des Monats, nach der jüngsten EZB-Ratssitzung, hat Draghi angedeutet, dass es bald eine Wende geben könnte in der Geldpolitik - ganz vorsichtig, wie es die Art von Zentralbankern ist. Jedes Wort zu viel könnte die Finanzmärkte in Aufruhr versetzen.

Jetzt sitzt Praet in seinem Büro im 38. Stock des EZB-Gebäudes im Osten Frankfurts. Von hier aus blickt er auf die Bankentürme, aber auch weit hinein in ein Land, das ihm und seinen Kollegen im EZB-Direktorium bisweilen feindlich gesonnen zu sein scheint.

"Die Deutschen beschweren sich, weil die Zinsen so niedrig sind", sagt Praet. "Wir verstehen das." Aber die Deutschen müssten berücksichtigen, dass die EZB in der Finanz- und Eurokrise auch sie, die Gläubiger, geschützt habe. Für die Zukunft macht Praet immerhin Hoffnung auf wieder steigende Zinsen. Es gebe "Licht am Ende des Tunnels", sagt er.

Sorgen macht Praet neben der unklaren Politik der US-Regierung unter Donald Trump vor allem der Brexit. "Meiner Ansicht nach haben die Briten einen großen Fehler begangen", sagt der Top-Notenbanker. Das Land habe "sich selbst in eine sehr schwierige Situation" gebracht. "Der Schaden ist da, das britische Wirtschaftswachstum verlangsamt sich bereits", sagt Praet. Jetzt gehe es nur noch darum, die negativen Auswirkungen zu minimieren.

Lesen Sie hier das ganze Interview mit Peter Praet: In welchem Euroland er "ein grundlegendes Problem" sieht, warum die EZB keine Angst vor den Nebenwirkungen steigender Zinsen hat - und was ihn selbst als Sparer mit den meisten Deutschen verbindet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Praet, Sie sind als Belgier in Deutschland geboren und haben hier die ersten Jahre ihrer Kindheit verbracht. Können Sie verstehen, warum so viele Menschen hierzulande die Europäische Zentralbank als größte Bedrohung für ihren persönlichen Wohlstand sehen?

Praet: Ich glaube, die deutsche Öffentlichkeit ist da viel ausgewogener. Die meisten Menschen verstehen die Position, in der wir uns befinden: Wir müssen die richtige Geldpolitik für eine Währungsunion mit sehr unterschiedlichen Ländern finden. In den Zeitungen wird das oft kritisiert, aber die persönlichen Diskussionen erlebe ich hierzulande als viel höflicher und entspannter. Auch die Debatten im EZB-Rat sind sehr gut, gerade wenn es kritische Stimmen gibt.

Zur Person
  • EZB
    Peter Praet ist seit 2012 Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Belgier hat deutsche Wurzeln, wurde 1949 im Rheinland geboren und ging dort später auf ein belgisches Internat. Vor seiner Zeit bei der EZB arbeitete Praet unter anderem als Wirtschaftsprofessor, Chefvolkswirt von Banken und Ökonom beim Internationalen Währungsfonds (IWF).

SPIEGEL ONLINE: Die Deutschen beschweren sich aber schon am meisten über die EZB-Politik, oder?

Praet: Natürlich sind die Stimmen in Deutschland etwas kritischer als in anderen Ländern. Das hängt auch mit Deutschlands Rolle in der Finanz- und Eurokrise zusammen. Zum einen, weil es schon vorher wichtige Reformen durchgeführt hat und solider dastand. Zum anderen, weil die Menschen in Deutschland sich traditionell nicht so hoch verschulden. Das ist eine kulturelle Sache - und ich teile das sehr. Aber es ist auch ein Aspekt, der bei der Entstehung der Krise eine Rolle gespielt hat.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Praet: Es geht um das Gläubiger-Schuldner-Verhältnis: Vor der Krise war Deutschland ein großer Gläubiger anderer Länder. Die deutschen Sparer haben meist über ihre Banken viel Geld im Ausland angelegt - in jenen Ländern, in denen sich private Haushalte und Unternehmen stärker verschuldet haben, also zum Beispiel Spanien. Und dann kam die Krise, und das Geld ist wieder zurückgeflossen - alleine aus Spanien kamen damals 400 Milliarden Euro zurück, und ein großer Teil davon stammte aus deutschen Ersparnissen. Die EZB stellte den Banken damals Liquidität gegen Sicherheiten zur Verfügung. Das hat eine Kernschmelze des Finanzsystems verhindert, die sonst zu starkem deflationärem Druck im gesamten Euroraum geführt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Auch Deutschland wurde also von der EZB gerettet?

Praet: In Deutschland würde man vielleicht sagen, das ist doch klar, dass ein Schuldner sein Geld zurückzahlen muss. Aber es gibt auch eine Verantwortung desjenigen, der das Geld verleiht. Auch er sollte vorsichtig sein. Die Deutschen beschweren sich, weil die Zinsen so niedrig sind. Wir verstehen das. Aber sie müssen auch berücksichtigen, dass die Gläubiger in und nach der Krise sehr gut geschützt wurden - und dass kein großes Nachbarland Deutschlands in die Depression gerutscht ist. Auch das hätte die Wirtschaft nämlich hart getroffen, nicht zuletzt in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie den Menschen, die Monat für Monat Geld sparen, um sich im Alter ein bisschen was leisten zu können - und deren Rechnung jetzt wegen der Nullzinsen nicht mehr aufgeht?

Praet: Wir haben untersucht, wie sich die Niedrigzinsen auf die verfügbaren Einkommen der Privathaushalte auch in Deutschland ausgewirkt haben. Die Menschen bekommen nämlich nicht nur Zinsen auf ihr Erspartes, sie leihen sich auch selbst Geld - zum Beispiel, wenn sie ein Haus kaufen. Und die Ergebnisse zeigen: Die Vorteile auf der einen Seite wiegen die Nachteile auf der anderen auf.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt also keinen Grund, sich zu beschweren?

Praet: Doch, denn natürlich profitieren nicht alle. Bei allen geldpolitischen Entscheidungen gibt es auch unerwünschte Verteilungseffekte. Schauen Sie etwa auf die Aktienmärkte, wo die Kurse kräftig gestiegen sind. Diejenigen, die in Deutschland am stärksten unter den Niedrigzinsen leiden, sind Leute mittleren Alters, die ein kleines Vermögen besitzen und dieses vor allem auf Sparkonten und in Zinspapieren angelegt haben - also nicht besonders breit gestreut.

SPIEGEL ONLINE: Sie raten den Deutschen, ihr Geld besser in Aktien anzulegen?

Praet: Ich gebe natürlich keine Anlagetipps, ich bin Zentralbanker. Und ehrlich gesagt: Ich persönlich lege mein Geld ähnlich an wie die meisten Deutschen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland warnen einige Ökonomen bereits davor, dass die Wirtschaft überhitzt - und auch in vielen anderen Ländern der Eurozone ist der Aufschwung mittlerweile angekommen. Wäre das nicht der richtige Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik des extrem billigen Geldes?

Praet: Wir als Zentralbank machen eine Geldpolitik für die gesamte Eurozone - und diese Politik hat gewirkt. Es gibt eine breite Erholung, die sich wahrscheinlich fortsetzen wird. Deutschland ist da schon ein Stück weiter als andere. Die Produktionslücke schließt sich gerade, das heißt: Die deutsche Wirtschaft schöpft ihr Potenzial nahezu aus. Die Preise steigen erstaunlicherweise immer noch langsam. Aber das wird sich über kurz oder lang ändern. Und das wird mit dazu beitragen, eine Wende der Geldpolitik einzuleiten. Es gibt also Licht am Ende des Tunnels.

SPIEGEL ONLINE: Bevor Sie die Leitzinsen erhöhen, wollen Sie die Staatsanleihekäufe von derzeit 60 Milliarden Euro pro Monat auf null zurückfahren. Aber geht das überhaupt so einfach? Die Zinsaufschläge für Anleihen aus Ländern wie Italien würden womöglich wieder steil nach oben schießen - wie in Zeiten der Eurokrise.

Praet: Wenn die Risikoaufschläge für ein bestimmtes Land steigen, ist das kein Problem der Geldpolitik. Wir zielen nicht auf bestimmte Länder ab, und wir sind auch nicht dazu da, Regierungen günstige Finanzierungsbedingungen zu sichern. Wenn der Tag kommt, werden wir auf die Inflation schauen und entsprechend handeln - egal, ob sich Regierungen deswegen beschweren. Wir haben sie ja vorgewarnt, und sie haben das auch verstanden. Ich habe gerade einen Kommentar des italienischen Finanzministers Pier Carlo Padoan gelesen. "Wenn die Anleihekäufe enden, sind wir auf uns allein gestellt", schreibt er. Und er hat recht.

SPIEGEL ONLINE: Italien ist derzeit ohnehin das Sorgenkind der Eurozone. Nirgendwo wächst die Wirtschaft so langsam, nirgendwo sitzen die Banken auf so vielen faulen Krediten. Wie ernst ist die Lage?

Praet: Die italienische Wirtschaft wächst tatsächlich schon seit 20 Jahren nicht mehr. Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf - also unter Berücksichtigung der Inflation - stagniert seitdem. Italien hat also ein grundlegendes Problem. Die Regierung geht das an, aber sie muss die Bürger auch davon überzeugen, die Reformen mitzutragen. Die Wirtschaft dort hat eigentlich ein großartiges Potential mit sehr vielen kreativen Firmen.

SPIEGEL ONLINE: Bisher war Griechenland immer der größte Wackelkandidat der Eurozone. Gerade hat sich das Land aber mit seinen internationalen Gläubigern auf neue Kredite und weitere Schuldenerleichterungen geeinigt. Beobachter erwarten, dass nun auch die EZB griechische Staatsanleihen in ihr Kaufprogramm aufnehmen wird. Schließlich waren sie bisher wegen Zweifeln an der Schuldentragfähigkeit des Landes ausgeschlossen.

Praet: Bevor wir irgendetwas am Anleihekaufprogramm verändern, müssen wir unsere eigene Analyse zur Schuldentragfähigkeit durchführen. Wir werden uns da nicht auf andere verlassen. Ob der [Euro-Rettungsschirm] ESM oder die EU-Kommission: Jeder hat da seine eigene Perspektive. Wenn es jedoch darum geht, dass wir Anleihen kaufen, müssen wir uns selbst ein Bild machen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, die Antwort ist "Nein"?

Praet: Das heißt, dass wir uns ein eigenes Bild machen müssen.

SPIEGEL ONLINE: In dieser Woche haben die Brexit-Verhandlungen begonnen. Wie wichtig ist es aus Sicht eines Ökonomen, dass sich EU und Großbritannien einigen?

Praet: Enorm wichtig. Wenn wir sagen, dass die Wirtschaftsaussichten für die Eurozone gut und die Risiken weitgehend ausgewogen sind, dann heißt das nicht, dass es keine Risiken gibt. Es herrscht derzeit sehr große Unsicherheit darüber, wie die Wirtschaftspolitik der USA in den kommenden Monaten aussehen wird. In China können wir die Richtung mittlerweile gut einschätzen, in den USA nicht. Und ganz ähnlich verhält es sich mit Großbritannien. Das zeigt, wie ein Land sich selbst in eine sehr schwierige Situation bringen kann. Europa bietet einen robusten institutionellen Rahmen, auch was den Handel betrifft. Der Binnenmarkt funktioniert und ist sehr wichtig. Und nun verabschiedet sich dieses Land davon und begibt sich in große Unsicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Was können die Verhandlungen noch bringen?

Praet: Meiner Ansicht nach haben die Briten einen großen Fehler begangen. Populistische Kräfte haben die Ängste der Menschen geschürt, und Angst ist kein guter Ratgeber. Der Schaden ist da, das britische Wirtschaftswachstum verlangsamt sich bereits. Jetzt geht es darum, die negativen Auswirkungen zu minimieren. Ich hoffe, dass es noch eine einigermaßen vernünftige Lösung gibt.

SPIEGEL ONLINE: Macht Ihnen die US-Politik ähnlich große Sorgen?

Praet: Dort wurden ja - anders als in Großbritannien - noch nicht viele wesentliche wirtschaftspolitischen Entscheidungen getroffen. Und ich hoffe, dass am Ende die Vernunft siegt. Wir dürfen uns generell nicht auf eine Machtpolitik einlassen, bei der jeder nur seinen Vorteil sucht. Am Ende droht, dass große Länder den anderen die Deals diktieren. Das wäre katastrophal. Wir brauchen starke internationale Institutionen. Und wir brauchen wieder ein geeintes Europa. Denn je schwächer Europa ist, desto gefährlicher wird es für uns.

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Seite 1
Baikal 22.06.2017
1. Nicht weiter überraschend
dass ein EZB-Funktionär von demokratischen Entscheidungen nichts hält und auch nicht überraschend sein enges wirtschaftspolitisches Weltbild ihm als Zentrum der geistigen Universums erscheint. Dass die EZB in Wirklichkeit der nahezu lachhafte Versuch ist einen völlig heterogene Wirtschaftsraum mit einheitlichen Entscheidungen etwa in der Zinspolitik zu regieren und dabei zwangsläufig scheitern muss, begreift ein orthodoxer Professor natürlich nicht. Der Schaden für GB ist in der Tat die EU und sich daraus zu befreien aller Ehren wert.
hansw 22.06.2017
2. Schaden für Grossbritannien
Wenn sich bei diesem Thema Herr Praet mal nicht täuscht. Er sollte in seinem Heimatland das Museum Waterloo besuchen. Dort bekommt er einen Eindruck von den Fähigkeiten Grossbritanniens, das mehrere Jahrhunderte die führende Rolle in Europa gespielt hat. Man muss damit nicht einverstanden sein. Den Briten ist aber zuzutrauen, dass sie die Brexit-Nachteile in Vorteile verwandeln und sei es mit Hilfe ihrer Vettern am anderen Ende des Atlantiks, von Australien und Kanada ganz zu schweigen. Die Zähigkeit der Briten ist nicht zu unterschätzen.
Atheist_Crusader 22.06.2017
3.
Zitat von Baikaldass ein EZB-Funktionär von demokratischen Entscheidungen nichts hält und auch nicht überraschend sein enges wirtschaftspolitisches Weltbild ihm als Zentrum der geistigen Universums erscheint. Dass die EZB in Wirklichkeit der nahezu lachhafte Versuch ist einen völlig heterogene Wirtschaftsraum mit einheitlichen Entscheidungen etwa in der Zinspolitik zu regieren und dabei zwangsläufig scheitern muss, begreift ein orthodoxer Professor natürlich nicht. Der Schaden für GB ist in der Tat die EU und sich daraus zu befreien aller Ehren wert.
Ein schwer populistisch beeinflusstes Referendum abzuhalten (in dessen Vorfeld sogar Menschen ermordet wurden) und dann eine hauchdünne Mehrheit zu akzeptieren um davon dann die Wirtschaftspolitik (und zahlreiche andere politische Ressorts) für die nächsten Jahrzehnte bestimmen zu lassen ist jetzt auch nicht unbedingt das, was man als gute oder intelligente Demokratie bezeichnen würde.
stefischer 22.06.2017
4. Danke EZB!
Es stimmt wirklich, dass deutsche Gläubiger von der EZB geschützt wurden. Ich z. B. habe meine spanischen Ramsch-Anleihen teuer verkauft. Danke EZB!
barrakuda64 22.06.2017
5. Das bleibt abzuwarten!
Wenn Volkswirte und Betriebswirtschaftler Prognosen treffen, dann sind sie in der Regel FALSCH! Beweis: siehe die täglichen Nachrichten, in denen die Analysten immer wieder bekennen müssen "das hätten wir nicht erwartet", "wir sind überrascht", "das konnte man nicht vorhersehen". Volkswirtschaftliche Vorhersagen sind noch größere Kaffeesatzleserei als Wettervorhersagen über 5 Wochen. Kein Wunder, betätigen sich, anders als in der Meteorologie, hier überwiegend Dilettanten, die im Anzug mit ein paar flotten Sprüchen Eindruck schinden.................. Wer am Ende zuletzt lachen wird, das werden wir erst sehen, wenn uns die EZB die Rechnung für ihre inflationäre Geldpolitik präsentieren wird. Denn eines ist sicher: bezahlen werden weder die Nutznießer dieser Geldpolitik, noch die Briten! Wer bleibt dann noch übrig? Richtig!
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