Schwache Wirtschaft Früherer EZB-Vize fordert neue Schulden von Deutschland

Wie lange hält Deutschland die schwarze Null? Angesichts von Minuszinsen und drohender Rezession erklärt der frühere Notenbank-Vize Vítor Constâncio die harte Haltung der Bundesregierung für wirtschaftlich unsinnig.

Frankfurter Skyline mit EZB-Zentrale im Vordergrund: "Die Geldpolitik allein wird nicht ausreichen"
Thomas Lohnes / Getty Images

Frankfurter Skyline mit EZB-Zentrale im Vordergrund: "Die Geldpolitik allein wird nicht ausreichen"


Der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Vítor Constâncio, hat das Festhalten der Bundesregierung an der schwarzen Null kritisiert. "Ich denke, diese Haltung macht keinen wirtschaftlichen Sinn", sagte Constâncio dem SPIEGEL.

In einer Situation, in der der Privatsektor mehr sparen will als investieren, "sollte der Staat sein Defizit ausweiten und seine Investitionen sowie das Angebot an Staatsanleihen erhöhen", erklärte der portugiesische Ökonom. "Das würde dann auch zu höheren Zinssätzen und einem niedrigeren Leistungsbilanzüberschuss führen. Damit würde Deutschland also gleich mehrere Probleme auf einmal lösen."

Die Renditen für deutsche Staatsanleihen waren zuletzt ins Minus gerutscht - sogar für solche Papiere mit 30-jähriger Laufzeit. Der Bund kann sich also für sehr lange Zeitspannen Geld zum Nulltarif leihen und bekommt dafür sogar noch Geld von den Investoren geschenkt.

Zugleich steuert die deutsche Wirtschaft auf eine Rezession zu. Sogar das Bundeskanzleramt geht mittlerweile davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im laufenden dritten Quartal zum zweiten Mal in Folge schrumpft. Entsprechend werden die Forderungen nach staatlichen Konjunkturhilfen lauter.

Auch die Europäische Zentralbank dürfte angesichts der schwachen Wirtschaftslage wieder aktiv werden. Constâncio, der im Mai 2018 nach acht Jahren als Vizepräsident bei der EZB ausgeschieden war, erwartet, dass der EZB-Rat im September weitere Zinssenkungen oder Anleihekäufe ankündigen wird. Es sei "wahrscheinlich", dass solche Maßnahmen kommen, sagte er. "Das Problem ist aber: Die Geldpolitik allein wird nicht ausreichen, wenn der wirtschaftliche Abschwung in eine Rezession führt. Dann wird die Fiskalpolitik im gesamten Euroraum aktiver werden müssen. Es gibt dazu keine Alternative."

Lesen Sie das ganze Interview mit Vítor Constâncio hier auf SPIEGEL+.

stk

insgesamt 240 Beiträge
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Maxe W. 24.08.2019
1. Very old school und nur Gequatsche.
o.T.
RalfHenrichs 24.08.2019
2. Typisch
Wenn es der Industrie schlecht geht, werden Grundsätze in Frage gestellt, die eisern eingehalten werden, wenn es den Menschen schlecht geht. Die Schuldenbremse war schon immer ökonomischer Unfug.
KR-Spiegel 24.08.2019
3. Eher kräftig Staatsanleihen, als Schulden sinnvoll
Um die Bahn zu sanieren würde auch eine Bahnanleihe, 2,5%/a Tilgung, 1% Zins, reichen. Formal würden dann bis zu 100 Mrd. € Schulden für Deutschland entstehen, aber tatsächlich nach 40 Jahren wären die genullt. Auch die Bundeswehr hat Investitionsstau, wobei man mit 5%/a Tilgung dann 20 Jahre vorfinanzieren würde. Dazu noch Glasfaserinternet, was ebenfalls nach Bedarf 5%/a aussieht, der aber schnell durch Provider gezahlt würde. Die 1% Zinsen, eff. 0,5% vs. Anfangswert, sind ärgerlich, aber dadurch hätten wir schnell viele Kleinanleger im Boot und Druck von den Banken bzgl. Negativzinsen genommen. Langfristige Investitionen macht übrigens weder eine Firma, noch ein Privathaushalt aus den laufenden Einnahmen.
m-zmann 24.08.2019
4.
Ein Bänker, der solvente und abgesicherte Kunden auffordert, ohne jede Notwendigkeit mehr Kredite aufzunehmen und das Geld zu "verbraten"... Seriöse Kundenbetreuung geht irgendwie anders.
Rechtschreibkorrektur 24.08.2019
5. Vítor Constâncio ist der Vize
https://www.ecb.europa.eu/ecb/orga/decisions/html/cvconstancio.en.html
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