Thomas Fricke

Ende der Nullzinsen Und es jubelt... die Bank!

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Europas Zentralbank hat erstmals seit elf Jahren die Zinsen angehoben. Dass das die Banken offenbar am meisten freut, wirft die Frage auf, wie viel deren Kundschaft am Ende davon haben wird.
Frankfurter Bankenviertel

Frankfurter Bankenviertel

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Jetzt ist es also so weit. Nach Jahren Gezeter über vermeintlich falsche Nullzinsen hat Europas Notenbank am Donnerstag ihren Leitzins erstmals wieder angehoben – und das gleich um einen halben Prozentpunkt. Kommt jetzt die Erlösung für Deutschlands Sparer? Hört jetzt das auf, was eifrige Professoren schon mal als Enteignung hoch geschrien haben?

Nicht wirklich, klar. Zumindest wenn die Inflation noch so hoch ist – und es real nach wie vor negative Zinsen gibt. Und wenn überhaupt, auch nur dann, wenn die Zinswende nicht bald dazu beiträgt, was sich gerade abzeichnet: dass die Wirtschaft in eine Rezession gleitet.

Denn wer arbeitslos ist oder Einkommen verliert, hat auch weniger Möglichkeiten, zu sparen. Da helfen dann auch etwas höhere Zinsen nicht – und sehr viel höhere Sätze würden die Sache nur noch schlimmer machen. Weil das auch die Finanzierungskosten für all jene drastisch erhöhen würde, die investieren wollen – was die Wirtschaft nur in eine noch schlimmere Rezession stürzen würde. Schon jetzt mehren sich ja die Anzeichen für einen Einbruch der Bautätigkeit. Dann spräche ohnehin viel dafür, dass die Notenbanker die Zinsen in absehbarer Zeit wieder senken; und zumindest die Wende nach oben schon bald wieder stoppen.

Notenbanken in Panik

Gegen die Saga vom erlösten Sparer spricht noch etwas anderes. Es ist vor allem eine Branche, die sich gerade mächtig über das Ende der Nullzinsen freut: die Banken. Und das mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht aus purer Empathie mit ihrer sparenden Kundschaft. Dass die Freude bei den Finanzleuten am größten ist, sagt einiges darüber, woher die vermaledeiten Nullzinsen eigentlich kamen – und warum sich das Drama um sie nicht einfach auflöst, wenn die Notenbanken in Panik ihre Leitzinsen anheben.

Das Phänomen hat es in sich. Wie die Unternehmensberater von PwC gerade errechnet haben, werden sich die Erträge der deutschen Banken im Geschäft mit Tagesgeld dieses Jahr voraussichtlich auf 3,3 Milliarden Euro mehr als verdreifachen – berichtet das »Handelsblatt«. 

Natürlich bekommen Sparer bei höheren Leitzinsen auch (etwas) mehr Zinsen auf ihr Tagesgeldkonto. Allerdings legen die Banken ihr Geld ja auch an. Dazu kommt: Die Geldhäuser geben Kredit, auf den sie jetzt wieder mehr Zins verlangen. Und die Annahme ist naheliegend, dass sie darüber mehr Geld bekommen, als sie den Sparern einräumen. Macht, richtig, einen steigenden Gewinn.

Nach Schätzung der PwC-Experten dürfte der Ertrag dank Abschied vom bösen Nullzins kommendes Jahr sogar auf fast 15 Milliarden Euro zulegen. Zinsen hoch, Bank froh.

Dass das so ist, erklärt im Nachhinein natürlich auch, warum Bankvolkswirte wie der Chefökonom der kriselnden Commerzbank in den vergangenen Jahren immer ganz vorn dabei waren, wenn es die böse EZB ganz furchtbar zu schelten galt – dafür, dass sie das alles ja angeblich nur für die schludernden Südländer tue. Und, weil das ganz furchtbar für die Sparer sei. Furchtbar war das vor allem eben auch für die eigene Bank. Ab da wird’s ein bisschen dreist.

Nullzinsen als Quittung für Bankenexzesse

Wenn die Zinsen seit der Großen Finanzkrise von 2008 beschleunigt gesunken sind, war das ja keine Laune von miesen Notenbankern – sondern direkte Konsequenz ebendieser Krise. Einer Fundamentalkrise der Bankenwelt. Weil es in der entfesselten Finanzwelt über Jahre immer lukrativer war, in Finanzprodukte zu investieren als in die Realwirtschaft. Und das all diese Exzesse und privaten Kredithypes begünstigte, die dann irgendwann zum Crash führten. Danach überwog über Jahre der Druck, Schulden abzubauen. Was im Zweifel die Tendenz zur mangelnden Investition nur verstärkte.

Ergebnis: zu wenig reale Kreditnachfrage und Wachstum und zu viel Finanzzauber. Was als Kombination lange Zeit zu viel deflationärem Druck führte – die Preise drohten also eher zu sinken als zu steigen. Die Zinsen mussten schon deshalb drastisch fallen. Wozu die Notenbanker weltweit dann ihren Beitrag leisteten – indem sie die Leitzinsen weiter senkten, um tiefere Krisen zu vermeiden.

Wenn das stimmt, lässt es das jahrelange Gezeter mancher Banker umso dreister wirken – ebenso wie die derzeitige Freude (die sich die meisten eher noch verkneifen). Dann waren die Nullzinsen ja eine Art Quittung früherer Bankenexzesse. Dass sich die Verursacher über die Konsequenzen ihrer eigenen Desaster beschweren, ist zumindest mutig.

Dass sie sich über das Ende der Niedrigzinsen jetzt freuen, ist rechnerisch erst mal verständlich, aber umso bizarrer. Zumindest in Europa gibt es die höheren Sätze ja jetzt nicht deswegen, weil die Gefahr zu schwacher Wirtschaftsentwicklung und Kreditnachfrage gebannt ist – sondern vor allem, weil Wladimir Putin wütet und die Kosten für Rohstoffe, Energie und Lebensmittel explodiert sind. Dagegen helfen auch höhere Zinsen nur bedingt, wenn überhaupt.

Dass die Zinswende so rasch zur Tücke werden kann, lassen die begleitenden Kommentare aus der Branche in jüngster Zeit bereits erahnen. Weil die höheren Zinsen nicht auf eine exzessive Nachfrage treffen, die es zu beruhigen gälte, ist die Gefahr ungewünschter Nebenwirkungen groß – auch für die Banken. In den Chefetagen mische sich die Freude über höhere Zinsen mit der Angst vor einer Rezession, ist im »Handelsblatt« zu lesen. Klar. Weil die Mischung aus höheren Zinsen und ohnehin schon akuter Rezessionsdynamik zu Ausfällen im Kreditgeschäft führen kann – etwa bei Baukrediten. Noch sei offen, ob für die Banken am Ende die positiven Effekte überwiegen, sagt danach eine Analystin.

Man könnte auch anders formulieren: Solange das Grundproblem fehlender realwirtschaftlicher Dynamik und dringend nötiger Investitionen nicht behoben ist, hilft eben das alleinige Anheben von Zinsen nichts. Im Gegenteil. Solange die Unternehmen in Deutschland wie dieses Jahr Rekordgewinne einfahren, ohne das Geld entsprechend für Investitionen auszugeben, ist auch das kein Zeichen für eine gesunde Wirtschaft. Gewinne zu machen (und zu bunkern) ist ja kein Selbstzweck.

Fazit für Deutschlands Sparer: So richtig gut wird’s erst, wenn die Zinsen deshalb wieder steigen, weil die Wirtschaft gesund wächst – und die Notenbanker die entsprechende Inflation mit moderat-angemessenen Zinsen niedrig halten. Nicht, wenn sie wie jetzt inmitten wachsender Rezessionssignale eine Angebotsinflation zu beheben versuchen, die über höhere Zinsen nur denkbar schlecht und mit viel Nebenschäden überhaupt zu bremsen ist.

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