EZB-Anleihekäufe Draghis Geldschwemme hilft Schäuble

Die Europäische Zentralbank öffnet die Geldschleusen. Die angekündigten Staatsanleihekäufe haben schon jetzt gewaltige Nebenwirkungen: Dem deutschen Finanzminister verhelfen sie zu einem milliardenschweren Vorteil.
EZB-Anleihekäufe: Draghis Geldschwemme hilft Schäuble

EZB-Anleihekäufe: Draghis Geldschwemme hilft Schäuble

Foto: Katia Christodoulou/ dpa

Hamburg/Nikosia - Jetzt geht es los. Am kommenden Montag will die Europäische Zentralbank (EZB) mit dem größten Anleihekaufprogramm ihrer Geschichte beginnen. Das kündigte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag in Zypern an. Jeden Monat sollen künftig Staatsanleihen und andere Wertpapiere im Volumen von 60 Milliarden Euro gekauft werden - mindestens bis September 2016.

Die Staatsanleihekäufe sind die nächste und womöglich letzte Eskalationsstufe der Geldpolitik im Kampf gegen die drohende Deflation - also die Verbilligung der Verbraucherpreise. Die anderen Stufen hatten Draghi und seine Kollegen bereits in den vergangenen Jahren und Monaten gezündet.

  • Ultraniedriger Leitzins: Seit September 2014 können sich Banken der Eurozone bei der EZB zum Satz von 0,05 Prozent kurzfristig Geld leihen - so billig wie noch nie.
  • Kauf von Kreditpaketen: Seit vergangenem Herbst kauft die EZB bereits verbriefte Unternehmenskredite und Pfandbriefe auf.
  • Minuszinsen: Bereits seit Juni 2014 verlangt die EZB Strafzinsen von Banken, die Geld bei ihr parken.

Die Wirkung dieser Maßnahmen ist umstritten. EZB-Präsident Draghi sieht erste Erfolge. "Unsere geldpolitischen Entscheidungen haben gewirkt", sagte Draghi. So hätten sich etwa die Kreditbedingungen für Unternehmen und Verbraucher zuletzt verbessert. Auch die sich andeutende wirtschaftliche Erholung in der Eurozone verbucht Draghi zumindest teilweise als seinen Erfolg.

Sehr viel deutlicher sind dagegen die gewollten und ungewollten Nebenwirkungen der ultralockeren Geldpolitik an den Finanzmärkten zu sehen.

  • Die Aktienmärkte springen von einem Rekord zum nächsten - allen voran die deutschen Werte. Der Leitindex Dax hat für seinen Rallye von 8600 auf zuletzt 11.500 Punkte nicht einmal fünf Monate gebraucht. Noch während Draghi am Donnerstag sprach, erreichte der Index einen neuen Höchststand.

  • Am Devisenmarkt ist der Eurokurs seit Monaten im Sinkflug. Im Mai 2014 war der Euro noch knapp 1,40 Dollar wert. Am Donnerstag rutschte er erstmals seit September 2003 unter die Marke von 1,10 Dollar. Den Absturz nimmt die EZB gerne in Kauf. Eine schwache Währung verbilligt die Exporte der Euroländer und stützt so das Wirtschaftswachstum. Zugleich werden Importe teurer, was die Inflation anheizt - auch das ist in diesem Fall ganz im Sinne der Notenbank.
  • Am drastischsten aber machen sich die Folgen der unorthodoxen Geldpolitik bei den Staatsanleihen bemerkbar. Durch die hohe Nachfrage nach den Schuldpapieren der Eurostaaten gehen hier die Kurse nach oben - entsprechend sinken die Renditen für die Käufer der Papiere.

In Krisenstaaten wie Spanien und Italien begann dieser Trend Mitte 2012, als EZB-Chef Draghi versprach, den Euro zu retten - notfalls mithilfe von Staatsanleihekäufen. Musste Spanien seinen Gläubigern damals noch fast sieben Prozent Zinsen pro Jahr bieten, geben Investoren sich mittlerweile schon mit 1,3 Prozent zufrieden. Ähnlich sieht es bei Italien aus (siehe Grafik).

Doch auch Deutschland profitiert ungemein von der Politik der EZB. Schon zu Hochzeiten der Eurokrise waren Bundesanleihen bei Anlegern gefragt, weil sie als Hort der Stabilität galten. Seit die Investoren ein großangelegtes Ankaufprogramm für Staatsanleihen erwarten, hat sich der Run auf deutsche Papiere noch einmal verstärkt. Wenn sich der Bund für zehn Jahre Geld leiht, muss er seinen Gläubigern mittlerweile nicht einmal mehr 0,4 Prozent Zinsen pro Jahr zahlen (siehe Grafik). Bei Anleihen mit einer fünfjährigen Laufzeit ist die Rendite inzwischen sogar negativ. Das heißt im Klartext: Die Investoren zahlen dem deutschen Staat Zinsen, damit sie ihm Geld leihen dürfen.

Die Ersparnis durch die niedrigen Zinsen auf Staatsschulden ist übrigens auch das zentrale Geheimnis hinter der schwarzen Null, mit der sich die Bundesregierung und Finanzminister Wolfgang Schäuble gerne brüsten. Müsste Deutschland heute noch so hohe Zinsen zahlen wie etwa 2007 - im letzten Jahr vor der Finanzkrise - wäre der Staatshaushalt deutlich im Minus. Nach Berechnungen der Bundesbank hätte Deutschland dann allein im vergangenen Jahr 42 Milliarden Euro mehr zahlen müssen.

Dieser Effekt dürfte sich 2015 noch verstärken. Denn durch das Anleihekaufprogramm der EZB werden Bundesanleihen noch mehr gefragt sein. Schließlich machen deutsche Schulden neben italienischen und französischen einen großen Teil des europäischen Schuldenbergs aus - es gibt also gar nicht so viele Alternativen (siehe Grafik).

In Notenbankkreisen bangt man angesichts der hohen Nachfrage bereits, ob es überhaupt genügend Investoren gibt, die der EZB ihre deutschen Anleihen verkaufen. Draghi weist solche Bedenken zurück. Notfalls, sagte der Italiener, werde man auch Anleihen mit negativer Rendite aufkaufen. Für Deutschland winkt damit ein gutes Geschäft.